Déjà-vu?

Südafrika bleibt der Auftakt nach Maß verwehrt. Deutschland steht er hoffentlich bevor.

Es lief die letzten Minute, als es im ersten Spiel der WM beinahe zum Déjà-vu kam: Ein Abschlag von Südafrikas Keeper Khune wurde lang und länger, als würde er schnellstmöglich einen Weg aus dem Stadion suchen, um dem Lärm der Vuvuzelas zu entfliehen. Stürmer Mphela bekam den Ball kurz vor dem Strafraum der Mexikaner. Wäre sein Schuss nicht am linken Pfosten gelandet, hätte Südafrika sein ganz persönliches „Polen-Tor“ erlebt – einen Siegtreffer kurz vor dem Ende, der die Einheimischem wohl sogar dazu bewegt hätte, die Tröten beiseite zu legen und einfach in den Johannesburger Abendhimmel hinein zu jubeln.

So bleibt die Erkenntnis, dass die Gastgeber sportlich schon jetzt mehr erreicht haben, als ihnen manch einer im Vorfeld zugetraut hätte. Ein Tor, ein Punkt und eine zumindest im zweiten Durchgang ansehnliche Leistung. „Bafana Bafana“ waren dann am besten, als sie sich von irgendwelche Zwängen und ihrer Nervosität lösten, wenn sie das taten, was afrikanischen Mannschaften bisweilen zum Nachteil ausgelegt wird: einfach Fußball zu spielen, geradeaus.

Und so lässt sich nach einem ansonsten eher dürftigen ersten WM-Tag festhalten, dass noch viel Luft nach oben ist. Mexiko nutzt seine Chancen nicht und Uruguay bekam nicht mit, dass die Franzosen mindestens so uninspiriert auftraten wie beim letzten Duell der beiden Weltmeister in Südkorea 2002 (ebenfalls 0:0). Platz 28 ist seit gestern Pflicht für die deutsche Nationalmannschaft.

Derweil sind Millionen Tinnitus-Patienten auf der Welt hin und her gerissen zwischen Schmerz und Genugtuung. Einerseits lässt sie der Lärm der Vuvuzela den Untertitel einschalten. Andererseits geht ihnen ein „Da seht ihr mal, wie grausam das ist!“ über die Lippen. Man dürfte sich dran gewöhnen, an das Geräusch eines elefantösen Viagra-Patienten. Man wird es, noch besteht Hoffnung, irgendwann nicht mehr wahrnehmen. Genauso wie der Bauarbeiter den Presslufthammer nicht mehr hört, die Krankenschwester das Geschrei auf der Neugeborenenstation, die Klofrau in der Disko das Gewürge der volltrunkenen Partygäste.

Weiter geht es heute mit drei Spielen und Mannschaften von fünf Kontinenten. Der sechste greift morgen ein: Australien heißt der erste Gegner der deutschen Mannschaft in Durban. Erst zum dritten Mal treffen beide aufeinander, zum dritten Mal in einem Pflichtspiel. Bei der WM 1974 gab es in der Vorrunde ein 3:0, beim Confed-Cup 2005 ein 4:3. Kein Problem, wenn es diesmal mit dem Déjà-vu klappen sollte.

12. Juni 2010 von Jannik Sorgatz
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