4:0 gegen Australien: “Auf Tage hinaus unschlagbar”

Deutschland freut sich über einen Auftakt, dem der Zusatz “nach Maß” nicht annähernd gerecht wird. Und noch suchen alle nach dem Haken, der die Traumblase des 4:0 platzen lässt. Bislang vergeblich.

Zweckpessimismus ist die Geheimwaffe des deutschen Fußballs. Als der FC Bayern vor drei Wochen im Finale der Champions League stand, waren sich die meisten sicher, sogar viele derer, die dem Rekordmeister ansonsten gar nichts gönnen, dass nach dem Double nun auch der Titel in der Königsklasse folgen würde. Das einzige, was folgte, waren Bayern, die über 90 Minuten kaum ein probates Mittel gegen Inter Mailand fanden und dank zweier Aussetzer ihre Träume unter einem 0:2 begraben mussten.

Deutschland schien seine Lehren aus zu viel Optimismus gezogen zu haben. Ein Pflichtsieg zum Auftakt gegen Australien sollte es werden. Das würde genügen, um das angeknackste Selbstvertrauen in puncto Nationalelf nicht völlig zu brechen. Stand: früher Freitagabend. Dann gurkte sich Frankreichs „Equipe Tricolore“ zu einem torlosen Remis gegen Uruguay. Argentinien überzeugte zwar gegen Nigeria, doch allein Lionel Messi hätte aus dem knappen 1:0 ein Resultat machen können, dass die „Albiceleste“ vorerst auf Platz eins der Setzliste katapultiert hätte. Samstagabend suchte der „curse of the keepers“ einmal mehr die „Three Lions“ aus England heim. Und die „Black Stars“ von Geheimfavorit Ghana gaben sich gegen noch nicht allzu furchterregende Serben damit zufrieden, irgendwie den ersten Sieg eines afrikanischen Teams auf dem heimischen Kontinen einzufahren. Vom Elfmeterpunkt.

Es folgte, womit in diesem Ausmaß niemand gerechnet hätte. Nach nur neun Toren in den ersten sieben Spielen, nach einer Reihe dürftiger Kicks, nach „Equipe Tricolore“, „Albiceleste“, „Three Lions“ und „Black Stars“ lagen die Hoffnungen auf den Schultern der „Mannschaft“. Doch warum sollte es wirklich so kommen? Die Fußball-, insbesondere die WM-Geschichte hat es uns zwar gelehrt, dass mit deutschen Mannschaften immer zu rechnen ist – jedoch nicht, wenn es darum geht, eine sportlich uninspirierte Weltmeisterschaft am Abend des dritten Tages aus dem von Vuvuzelas umschwirtten Dornröschenschlaf aufzuwecken.

90 Minuten und eine Halbzeitpause später dürften Millionen von Menschen irritiert auf der Couch gesessen haben. Sie dürften beim Public Viewing mit leerem Blick in der schwarz-rot-goldenen Schimke auf ihren Wangen gekratzt und beim Biertrinken in einem Anflug von Ungläubigkeit kaum noch den Mund gefunden haben. Der Glaube war mit 126 Stundenkilometern zurückgekehrt. Ein viel geschundener Kopf hatte auf 2:0 erhöht. Einer, der gerade Zivildienst leisten würde, wenn er nicht in Südafrika auf Torejagd ginge, nahm mit seinem 3:0 allen Zweiflern den Nährboden. Und ein Ex-Brasilianer, den sie „Helmut“ nennen, weil er beim Einbürgerungstest besonders bei den Kanzlern brillierte, schob ein zum 4:0.

Wer gestern Abend noch den WM-Kalender komplettierte und heute morgen beim Kaffeekochen auf den Kühlschrank schaute, der wird es immer noch nicht geglaubt haben. Inmitten von lauter Binärcode-Ergebnissen (via @spox) stand plötzlich eine „4“. Es war alles dabei: Ein Gewaltschuss, ein Kopfball, ein Abschluss mit Auge, ein Abstauber. Australien spielte aber auch hellenisch schwach. Was Gott sei Dank so offensichtlich gewesen ist, dass zwischen Flensburg und Kapstadt niemand den Boden unter Füßen verlieren wird.

Die Abwehr ist höchstens beim Singen der Nationalhymne getestet worden. Nicht unbedingt optimal für eine Viererkombo, die in dieser Zusammenstellung ihre erste Feuerprobe erlebte. Am Ende hielt es nicht einmal mehr Holger Badstuber hinten. Trotzdem ist das Vertrauen nicht geschrumpft, weil noch das 4:3 beim Confed-Cup 2005 in den Köpfen herumschwirrte, als eben jene Australier drei Treffer erzielten.

„Diese Mannschaft wird auf Tage hinaus unschlagbar sein“, umschrieb Marcel alias @hirngabel mit einem Anflug von Beckenbauer-Parodie gestern Abend die Euphorie, die manch einem schon den vierten Stern in die Pupille zaubert. Ganz so abwegig ist der Ansatz jedoch nicht. Will heißen: Fünf Tage freuen, fünf Tage sammeln – und genießen, was die ganze Welt beeindruckt hat. Es kann fast nur schlechter werden.

14. Juni 2010 von Jannik Sorgatz
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