Mission 40/9: Hans im Glück

Gladbach zwingt den KSC per Raum-Zeit-Kontinuum in die Knie. Wie die Borussia auf dem Phrasenschwein den zweiten Saisonsieg feiert, Patrick Paauwe der Verblüffung trotzt und Thomas Kleine den Quarterback mimt.

Hans Meyer überlässt vor dem Spiel wirklich nichts dem Zufall. Selbst Maskottchen Jünter wird per Handschlag begrüßt. Vorsichtshalber schaut er dem Gaul gleich ins Maul, um sicherzugehen, dass wirklich nicht Jos Luhukay, der viel zitierte „junge Mann“ der letzten Tage, im Fohlenkostüm steckt. Meyer scheint alles im Griff zu haben. Allein das Blitzlichtgewitter lässt er ungern über sich ergehen. Ansonsten jedoch genießt der 65-jährige das Bad in der Menge, die ihn empfängt wie einen Sibirien-Heimkehrer anno ´53: Mit offenen Armen und letzten Zweifeln, ob der Heilsbringer im Ruhestand wirklich der Richtige ist. Skeptische Vorfreude, erwartungsfrohe Skepsis – ganz nach Belieben und Weltbild.

Spiel eins der Gladbacher Retro-Ära soll schließlich gleich einmal den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Niemand erwartet stürmischen Angriffsfußball gepaart mit solider Defensivarbeit. Das Ziel heißt kurz und knapp: Drei Punkte. Fußball könnte ja so einfach sein, wenn das Ziel nicht diesen lästigen Weg hätte, der zu ihm hinführt. Der KSC kommt mit zwei Last-Minute-Pleiten im Gepäck an den Niederrhein. Selbstbewusstsein macht sich also rar auf dem Rasen im Borussia-Park. Von Beginn an zeigen beide Teams auch nur bedingten Willen, diesen Eindruck zu widerlegen.

Die Borussia geht mit nur einer Änderung in die Partie. Steve „Günter“ Gohouris Verletzung verhindert die Einstellung des bisherigen Negativrekordes dieser Saison. Nur nach dem Sieg gegen Bremen hatte Jos Luhukay die Fohlenelf unverändert gelassen. Der Mann war offenbar Fan altbekannter Parolen: „Never change a winning team“ interpretierte er nihilistisch als „Change a losing team“. Kettenhund und Diplom-Ballabluchser Alberman ersetzt also den Heilsbringer von der Elfenbeinküste. Svärd macht dafür Platz im defensiven Mittelfeld und rückt auf die rechte Abwehrseite – nach Ndjeng, Levels und Gohouri bereits die vierte Variante der Saison für hinten rechts. Kein Wunder, wenn Meyers Vorgänger die Startelf im Schnitt auf 3,3 Positionen umkrempelten.

Nach einer Viertelstunde wähne ich mich irgendwie beim American Football: Massierte Abwehrreihen so weit das Auge reicht, lange Bälle en masse und viele verzweifelte Versuche, die gegnerische Defensive in der Manier eines Runningbacks zu überlisten. Allein die Cheerleader fehlen. Doch dafür haben wir ja jetzt Pat & Patachon an der Linie, die bereits zu Beginn in ihrer Coaching-Zone mehr Meter machen als Bradley, Paauwe und Co. zusammen. Wenn die Spielkultur sich also weiterhin nicht blicken lässt, dann haben Meyer und Ziege der Trainerbank wenigstens wieder Leben und Energie eingehaucht. Man kann ja ohnehin nicht alles haben.

Nachdem sich VfL und KSC in der Anfangsphase so angriffslustig gezeigt hatten wie Neutronen im Atomkern, sorgen wenigstens die Badener nach knapp 20 Minuten für Alarm im Gladbacher Strafraum. Svärd lässt sich zum ersten, aber gewiss nicht letzten Mal von Iashvili ins Kino schicken. Die Flanke des Georgiers setzt Freis so kompliziert neben das Tor, dass man dem 23-jährigen beinahe schon wieder Weltklasse unterstellen will. Das muss man erst einmal nachmachen.

Der Weckruf zeigt lange Zeit keinerlei Wirkung bei der Borussia, die weiter agiert, als habe man die Uhren im Borussia-Park einen Tag zu früh auf Winterzeit gestellt. In der 26. Minute wähnt sich mit Matmour erstmals ein Gladbacher in der richtigen Zeitzone. Allein an der Zielgenauigkeit hapert es noch. Sein Schuss nach forschem Dribbling macht es sich im Außennetz gemütlich. Geschätzte 25.000 springen trotzdem auf und ballen schon siegessicher die Becker-Faust. Man muss die Tore eben feiern, wie sie (nicht) fallen. In Bremen wäre das nicht passiert. Da springt man mittlerweile nur noch bei jedem zweiten Tor auf. Solch ein Torjubel geht eben auf die Knochen.

Kurz vor der Pause ist der provisorische Freudenschrei dagegen schon angebrachter. Friends Facharbeit mit dem Titel „Die Geheimnisse der Motorik – für 1,95-Hünen verständlich gemacht“ verdient sich jedoch keine Bestnoten – im Gegenteil. Der Kanadier schlittert unaufhaltsam einem blauen Brief entgegen, Versetzung arg gefährdet. Wenn das so weiter geht, werde ich bald den ersten Buchstaben auf meinem Rücken entfernen, stetig so weitermachen und in der Winterpause mit schwarzem Edding „Gohouri“ draufkritzeln. Zu Saisonbeginn hat er wenigstens noch ab und zu einen reingewürgt. Jetzt gelingt ihm nicht einmal mehr das. Es bleibt unerklärlich, wie man in Liga Zwei 18 Tore schießen und dann im Oberhaus derart herum stolpern kann. Wenn ich allein vor dem Tor stehe und den Ball nur hineinschieben muss, ist es doch vollkommen irrelevant, ob ich Kreis- oder Bundesliga spiele. Oder nicht? Zumal sich Ascheplätze und Schlaglöcher, die so manchem Kreisligisten ein Bein stellen, im Oberhaus eher rar machen.

Wie im Raum-Zeit-Kontinuum trägt diese Ansprache, am Sonntag um 21:21 Uhr verfasst, bereits am Samstag um 16:37 Uhr Früchte: Kleine mimt den Quarterback und sucht in 50 Meter Entfernung Wide Receiver Friend. Der macht ausnahmsweise alles richtig (zunächst einmal fängt er den Ball nicht mit den Händen) und leitet per Kopf weiter. Wo letztes Jahr in der Regel Oliver Neuville lauerte und nun selten jemand steht, wenn der Kanadier diese Variante wählt, findet sich diesmal Patrick Paauwe wieder. Der Holländer erstarrt Gott sei Dank nicht vor Verblüffung, weil ihn die Karlsruher Abwehr sträflich allein lässt. Stattdessen zieht er aus vollem Lauf ab und trifft den Ball irgendwie mit Schienbein und Spann zugleich. Schon ist der Ball im Tor.

Gladbachs Treffer über zwei Stationen, der ungefähr fünfte Torschuss der Partie, erweckt erstmals den Eindruck, dass sich doch etwas geändert hat. Normalerweise ist es der Gegner, der gegen den VfL mit derartiger Leichtigkeit zum Erfolg kommt, während die Borussia sich vorne die Zähne ausbeißt. Irgendjemand hat den Spieß umgedreht. Es wäre blauäugig, nach einer Woche im Amt allein Hans Meyer die Verantwortung dafür zu geben. Vielmehr dürfen sich gut 40.000 Zuschauern daran erfreuen, einmal mehr Zeuge des berühmten Effekts eines Trainerwechsels zu werden. Schließlich ist in Wirklichkeit alles beim Alten – bis auf das Ergebnis. Vielleicht hat sich Hans Meyer auf dem DFB-Seniorenkaffee intensiv mit Otto Rehhagel unterhalten und ist ebenso zu dem Schluss gekommen: „Modern ist, wenn man gewinnt“.

Man kann der Borussia nicht einmal vorwerfen, sich in der Folge aufs Kontern zu verlegen. Denn nicht einmal das gelingt ihr. Stattdessen rührt die Fohlenelf Beton an und mauert gewaltig. Für Gospodarek bieten sich daraufhin die ersten richtigen Bewährungschancen. Freis‘ Schuss aus 16 Metern lenkt er glänzend über die Latte. Als ihn der KSC-Stürmer erneut prüft, ist der Heimeroth-Ersatz mit Stammambitionen wieder auf dem Posten und pariert mit einem tollen Reflex. Den Abpraller köpft Iashvili über den Kasten. Allein der eingewechselte Coulibaly sorgt auf der anderen Seite für Furore. Seinen Freistoß zu unterschlagen, würde die Chronistenpflicht arg in Mitleidenschaft ziehen. Schließlich wackelt die Latte noch heute.

Die nächste durchgekaute Fußballweisheit reiht sich also ein in die Gladbacher Liste der Schlüssel zum Erfolg. Nach Rehhagel ist nun Stevens an der Reihe. „Die Null steht“ – bis zum Ende und zum ersten Mal im 11. Pflichtspiel der Saison. Selbst bei Fichte Bielefeld hatte die Borussia einen Treffer kassiert. Eigentlich ein Armutszeugnis, wenn Rehhagels und Stevens‘ Weisheiten als Zutaten des eigenen Erfolgsrezeptes fungieren. Das ist, als würden mit der BILD-Zeitung und Wikipedia nur zwei Einträge im Quellenverzeichnis einer Doktorarbeit auftauchen – die am Ende dennoch mit „befriedigend“ benotet wird.

Seine Worte im Interview nach dem Spiel wählt Hans Meyer so behutsam wie Barack Obama im Fernsehduell. Auch der Rückkehrer will seine Wähler nicht vergraulen. Für die Anhänger sachlicher, fundierter Analysen rattert er die Erkenntnisse des Spiels mit verschwitztem Antlitz herunter. Sein Fazit: „Wir müssen einfach punkten, alles andere kommt später.“

Doch der Meister der Ironie lässt das humoristische Lager freilich nicht im Stich und gibt mit einem Augenzwinkern zu Protokoll: „Ich habe vor ein paar Tagen gesagt, wir müssen einfach gewinnen, wenn nötig mit einem Krampfspiel. Dabei hätte ich nicht gedacht, dass meine Mannschaft das wörtlich nimmt.” Falsch waren seine Antworten ja noch nie. In all den Spitzen und Seitenhieben, die Hans Meyer in seiner langen Laufbahn losgelassen hat, steckte eben fast immer ein Fünkchen Wahrheit. Wenn er in Zukunft weiter so geschickt den Spagat zwischen inflationärer Ironie und sachlicher Analyse findet, kann ich durchaus damit leben. Zum-Lachen-in-den-Keller-Geher und Phrasenschweinfetischisten sind mir weitaus weniger lieb.

Realist und Pragmatiker ist Hans Meyer mit Sicherheit. Bleibt er jetzt auch noch „Hans im Glück“ und gewinnt weiter Spiele, die wir sonst stets verloren haben, dann könnte das „i.R.“ hinter dem Heilsbringer mit der Zeit verblassen. Und wer vor einer Woche Bochum und am Samstag Karlsruhe gesehen hat, der glaubt schon wieder eher daran, dass die Borussia auf Teufel komm‘ raus drei Mannschaften finden wird, die am Ende schlechter dastehen. Doch wo wir schon den internationalen Floskel- und Phrasentag feiern, zum Schluss noch eine Warnung, die zugleich ein Hoffnungsschimmer sein könnte: Abgerechnet wird wie immer am Schluss. Drei Euro werden nachgereicht.

27. Oktober 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schreibe einen Kommentar

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