Völkerverständigung mit drei Streifen

Er würde es nicht mehr schaffen zum Treffpunkt am Bahnhof, aber Dennis brauchte unbedingt dieses Trikot. Denn eine WM-Sendung ohne Devotionalien ist am Ende schließlich nur irgendeine Sendung.

Also sah der Plan folgendermaßen aus: Ich sollte zum netten Dönerbudenbesitzer auf der anderen Straßenseite gehen, das Deutschland-Trikot in einer Tüte, und ihn bitten, es dem großen Studenten mit den kurzen, blonden Haaren zu geben, wenn dieser kommt, um es abzuholen. Doch Dönerbuden haben ein Problem: Auch wenn sie für viele Menschen die Anlaufstelle für ein Grundnahrungsmittel darstellen, öffnen sie selten vormittags.

Was also tun? Einem wildfremden Menschen mein Deutschland-Trikot in die Hand drücken und hoffen, dass der sich auch noch an die Übergabe erinnern würde, wenn Dennis es abholt? Der Grieche an der Ecke (ebenfalls geschlossen) war der einzige Mensch auf der Straße, dem ich erstens schonmal etwas abgekauft hatte (Akropolis-Platte), der mich zweitens erkennen und somit nicht für einen dusseligen Dahergelaufenen halten würde, der fremden Menschen Plastiktüten mit Deutschland-Trikots in die Hand drückt. ‘Also’, dachte mir, ‘dann eben ab zum Internetcafé.’ Dessen Kunden stehen zwar mit Vorliebe bis in den späten Abend vor dem Laden und philosophieren auf Türkisch, Arabisch oder einer Sprache, die einfach ähnlich klingt, über Allah und die Welt. Manchmal ist es jedoch an der Zeit, um ein wenig Völkerverständigung zu betreiben.

„Entschuldigung“, begann ich nach einem schlichten „Guten Tag“ mein Vorhaben zu erklären, „ich hätte eine ungwöhnliche Bitte.“ Ich zeigte auf die Plastiktüte mit dem Deutschland-Trikot, Modell WM 2006, ohne Nummer, mit Autogrammen. Ein Freund habe das Trikot noch abholen wollen, würde es aber erst in ein paar Stunden schaffen. Ich müsse nun jedoch dringend den Zug nach Hause kriegen. Übergabe: schwierig. „Okay“, entgegnete der Mann hinter dem Tresen nüchtern, wenigstens ohne allzu viele Fragezeichen auf der Stirn.

Während ich ihm verriet, dass ich direkt auf der anderen Straßenseite wohne, aber nicht erwähnte, dass seine Kunde durchaus Geräusche der Kategorie „laut“ von sich geben, nahm er die Tüte und legte sie in einen Schrank. „Wir haben bis 23 Uhr geöffnet“, sagte er freunlich-nüchtern. „Wenn es bis dahin keiner abgeholt hat, gehört es mir.“ Ein Augenzwinkern. „Kein Problem, dann hast Du wenigstens ein Trikot vom kommenden Weltmeister“, zwinkerte ich zurück. So viel Bodenständigkeit muss sein.

Aus tiefer Dankbarkeit nahm ich noch eine Cola aus dem Kühlschrank hinter ihm. Als ich am Hauptbahnhof stand, fiel mein Blick auf den merkwürdigen Schriftzug, der die Dose ziert. Ich verstand nur Bahnhof, bis auf ein Wort: Belgrad. Die Cola kam aus Serbien.

18. Juni 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: WM-Tagebuch | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. hat es mit der übergabe geklappt?

  2. Jo, hat funktioniert. Der Besitzer hat sich zuerst nur etwas “dumm” gestellt und zum Spaß so getan, als könne er sich an nichts erinnern.

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