0:1 gegen Serbien: Uli Podolski

Erst schien es, alles hätte sich gegen die deutsche Nationalmannschaft verschworen – dann verschwor sie sich gegen sich selbst. Über ein Spiel, bei dem Lukas Podolski und Co. gleich in zweifacher Hinsicht Historisches fabrizierten.

Mein Fanleben ist schizophren. 34 Spiele pro Saison übe ich mich in Demut, bin dankbar für jeden Punkt, für jedes Tor, für jeden Moment der Freude. Dümpelt mein Verein im Niemandsland der Bundesliga herum, beschwere ich mich über elende Langeweile – weil ich den Abstiegskampf und die Angst so verinnerlicht habe.

Ein paar Mal im Jahr und besonders alle zwei Jahre im Sommer darf sogar ich mich zu den Großen zählen. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen… Müller, Müller… Jaaa!“ – ein Schnelldurchlauf der Großtaten, die die deutsche Nationalmannschaft in ihrer Geschichte vollbracht hat. Wer selbst diese Momente nicht genießen durfte, wer seit 14 Jahren einem Titel hinterherhechelt, wer 34 Spiele im Jahr Fan eines traditionsreichen, aber mittelmäßigen Profiklubs ist, den kann ein 4:0 zum Auftakt einer Weltmeisterschaft ein wenig aus der Bahn werfen.

„Wir sind wieder wer“, posaunte ich es letzten Sonntag ironisch-ernsthaft in die Twitterwelt hinaus. Stand Freitagabend darf ich mich wie 80 Millionen andere Bundesbürger als Fünf-Tage-Weltmeister fühlen. Jetzt ist es schon wieder vorbei. Und wenigstens kann die deutsche Nationalmannschafft behaupten, Geschichte geschrieben zu haben, um wieder auf dem Boden der Tatsachen anzukommen. Das 0:1 gegen Serbien stellt erst die fünfte Vorrundenpleite seit 1930 dar. Die letzte gab es, als die Mauer noch stand, 1986 gegen Dänemark. Ein Trost ist das Abschneiden bei den Turnieren ’54, ’74, ’82 und ’86, als jeweils in der Vorrunde etwas daneben ging: viermal führte der Weg ins Endspiel, zweimal gar zum Titel.

Während Niederlagen in der Gruppenphase schon selten vorkommen, ist der Seltenheitswert verschossener Elfmeter kaum zu toppen. Lukas Podolski schwang sich auf zum ersten Nationalspieler, der bei einem großen Turnier vom Punkt vergab und nicht auf den Namen Uli hört. Jahrelang dachte man, Uli Hoeneß und Uli Stielike würden diesen Makel bis ans Ende ihres Lebens mit sich tragen, weil die deutsche Perfektion vom Punkt kein Ende nahm.

Erst hatte es den Anschein, alles hätte sich in Port Elizabeth gegen die deutsche Mannschaft verschworen. Klose flog vom Platz, wurde der 14. Spieler, den Schiedsrichter Undiano aus Spanien in seinem 30. Saisoneinsatz vom Platz stellte. Khedira traf kurz nach dem 0:1 die Latte. Doch dann war es kein böser Fluch mehr, der dem so gut wie sicheren Einzug ins Achtelfinale im Weg stand. Lukas Podolski hatte es allein auf dem Fuß. Seit vergangenen Sonntag hat er exakt so viele Länderspiel- wie Bundesligatore auf dem Konto. Spätestens in der 60. Minute hätte er den Liga-Podolski übertreffen müssen. Doch der Konjunktiv und Serbiens Keepers Stojkovic standen im Weg.

All das, was gegen Australien sein gutes Gesicht zeigte und die ganze Welt beeindruckte, wurde plötzlich zum Gegenteil umgekehrt. Aus Unbekümmertheit wurde mangelnde Erfahrung, aus überragenden Deutschen wurden unterirdische Australier, aus einer sichere Defensive wurde eine, die gegen die „Socceroos“ schlichtweg unterfordert war, aus gefährlichen Jokern wurden Fehlgriffe des Bundestrainers.

Jetzt ist die Formel fürs Endspiel gegen Ghana sichtlich einfach: Wer die „Black Stars“ schlägt, zieht verdient ins Achtelfinale ein. Wer gegen die „Black Stars“ verliert, fährt zurecht nach Hause. Sollte es so kommen, wäre das nächste Kapitel deutscher WM-Geschichte geschrieben. Und wir könnten unseren Kindern erzählen, wie wir im Juni 2010 für fünf Tage Weltmeister waren.

18. Juni 2010 von Jannik Sorgatz
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