4:1 gegen England: Beginn und Ende einer Legende

Den meisten Menschen, die es schaffen, zur Legende aufzusteigen, gelingt dies erst nach ihrem Tod. Alle anderen Legenden erhalten das Adjektiv „lebend“ als Zusatz, manche werden gar zur Lichtgestalt. Anders als Menschen können Ereignisse nicht sterben. Gestern jedoch, in Bloemfontein, erlitt eine Legende des Fußballs fürs Erste einen Herzstillstand.

Es lief die 38. Minute, England hatte gerade den Anschlusstreffer durch Upson erzielt, als Frank Lampard einen Ball aus 18 Metern über Manuel Neuer hinweg gegen die Unterkante der Latte lupfte. Damals in Wembley, vor fast auf den Tag genau 44 Jahren, war er nicht drin gewesen. Diesmal, in Bloemfontein, landete der Ball gleich einen halben Meter hinter der Linie. Kein Tor, sagte das Schiedsrichtergespann – Wembley reversed, sozusagen.

Es wäre der Ausgleich für England gewesen. Die deutsche Nationalmannschaft konnte von Glück reden, dass sie nach einer Zitterphase zu Beginn der zweiten Hälfte den Hebel wieder umlegen konnte. Wobei sich die Frage stellt: Muss eine Mannschaft von Glück reden, wenn sie, bis auf kleine, aber beinahe folgenschwere Aussetzer, eine der besten Leistungen gezeigt hat, die je einer Elf mit dem Adler auf der Brust gelang? Im Nachhinein waren die „Three Lions“, allen voran Kapitän Steven Gerrard, clever genug, um das eigene Versagen einzugestehen. Auf deutscher Seite wiederum zweifelte niemand daran, dass ein Ausgleich vor der Pause die Karten zumindest vorübergehend neu gemischt hätte.

Ansonsten jedoch: Achtelfinale, einseitige Partie – die Parallelen zu Wembley ’66 beschränken sich auf die Blindheit eines Mannes mit Fahne. Nach Tofik Bachramow, 1966 an der Linie, haben sie in Baku das Nationalstadion von Aserbaidschan benannt. Nimmt man sich in Uruguay diese Maßstäbe zu Herzen, müssten sie zu Ehren von Herrn Larrionda und seinen Assistenten ein völlig neues Schmuckkästchen mit Platz für 120.000 Zuschauer in Montevideo errichten.

Dass in vielen Jahren wohl niemand Dokumentationen über den 27. Juni 2010 drehen wird, ist keine gewagte Prophezeihung. Bestenfalls wird sich jemand an die überragende Leistung einer Mannschaft erinnern, die bei diesem Turnier bereits einmal die Kinnladen in aller Welt herunterfallen ließ. Nach dem 4:0 gegen Australien war Deutschland Weltmeister, nach dem 0:1 gegen Serbien so gut wie ausgeschieden, nach dem 1:0 gegen Ghana mit zitternden Knien weiter – niemand wird den Fehler machen, jetzt den Boden unter den Füßen zu verlieren. Am wenigsten Jogi Löw und das Team.

Noch nie hatte Deutschland so hoch gegen England gewonnen. Nie zuvor hatte England eine derart hohe Niederlage bei einer Weltmeisterschaft kassiert. Jahrelang hatte man das Gefühl, die deutsche Nationalmannschaft könne nur deshalb erfolgreich sein, weil es nun einmal immer so ist.Gary Lineker ließ grüßen. Seit gestern scheint es, als sei die DFB-Elf oben auf, weil sie es kann. Man weiß nicht so Recht, welchen der vier Treffer man nun besonders hervorheben, welches YouTube-Video man zuerst aufrufen soll.

Den Treffer zum 1:0 vielleicht, als Miroslav Klose nach einem Abschlag von Manuel Neuer zeigte, wie ein
Stürmer aussieht, der ein Tor auf alle Fälle erzwingen will?

Das 2:0 durch Lukas Podolski, als der Kölner nach einer Kombination, die nicht von dieser Welt war, aus spitzem Winkel ins lange Eck traf?

Das dritte Tor von Thomas Müller, als nach Weltklasse-Vorarbeit von Bastian Schweinsteiger zum ersten Mal ein Konter aus dem Bilderbuch vollendet wurde?

Oder ist doch das 4:1, erneut durch Thomas Müller, am sehenswertesten gewesen, als Miroslav Klose aus dem eigenen Strafraum heraus einen 30-Meter-Pass, mit links, haargenau in den Lauf von Mesut Özil spielte und der seinen Gegenspieler so stehen ließ, dass Müller für sein drittes Turniertor nicht mehr als einen beherzten Sprint brauchte?

Sollte der Weg am kommenden Samstag gegen Argentinien zu Ende sein, dann nur, weil der Gegner noch einen Tick besser war als die deutsche Mannschaft. Dass sie in Argentinien nächsten Sonntag Ähnliches schreiben werden, nur mit vertauschten Rollen, scheint nach gestern nicht mehr unwahrscheinlich.

28. Juni 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: WM-Tagebuch | Schlagwörter: , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Ganz großes Kino. Ein unvergesslicher Nachmittag, alleine jetzt beim Schreiben dieser Zeilen stellt sich wieder Gänsehaut ein. Und ich muss zugeben, ich hatte geflucht, als ich las, dass Jogi Löw den Miro und den Arne mitnimmt. Da sieht man es mal wieder. Ich hab einfach keine Ahnung von dem Sport. Maradona, ich hoffe, Du hast am Samstag Taschentücher dabei. Du könntest sie eventuell brauchen!

  2. Wäre schön, wenn ich schon so weit wäre mit der Gänsehaut. Ich arbeite noch daran, es überhaupt zu kapieren.;)

  3. Teambildung, wobei die Bayernspieler das Gerüst sind, macht diese Wahnsinnsleistung möglich. Einfach grandios – Argentinien kann sich warm anziehen.

  4. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass MIRO bei jeder Interview-Frage an einem kleinen MAUSRAEDCHEN hinter seinem linken Ohr dreht? Damit SCROLLED er durch eine Datenbank mit passenden Fußballer-Antworten.
    Schaut mal hier
    http://www.youtube.com/watch?v=6QFk_mCPsbg

    Viele Grüße Paul

    shirtgenössische kunst

  5. Ich hatte irgenwie das Gefühl, dass die Engländer ausgebrannt waren. Da mein Freund Engländer ist und ich hin und wieder auch mal ein Spiel der Premier League mit ihm angucke, behaupte ich, dass Rooney, Lampard und Gerrard in der Liga viel besser gespielt haben als jetzt bei der WM. Täuscht mein Eindruck? Was meint ihr?

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