7:09 Uhr

Wenige Stunden vor dem Viertelfinale gegen Argentinien wächst die Nervosität. Man versucht, sich irgendwie abzulenken. Andere Menschen dürfen arbeiten. Ein Segen.

Ich bin nervös. Nervös war ich auch vor dem mündlichen Abi. Damals war es anders: Ein Raum, drei Prüfer, der Zettel und ich. Die Wahrscheinlichkeit, halbwegs als Gewinner aus dem staubgrau gestrichenen Zimmer zu schreiten, war groß. Adenauers Rede wurde mit einem deutlichen Sieg nach Hause geschickt.

Heute ist es gefühlt eine Fifty-Fifty-Angelegenheit. Entweder ich springe in ein paar Stunden durch die Gegend, flitze mit Deutschlandfahne durch den Garten und meistere das Leben bis kommenden Mittwoch mit Bravour. Oder aber: Es ist alles vorbei. Deutschland fliegt nach Hause. Ich vergrabe den Kopf in den Händen. Fühle mich, als hätten sie mir im Geschichtsabi eine Physik-Klausur hingelegt. In kyrillischen Schriftzeichen.

Es wäre nicht gerecht, wenn der Weg heute enden würde. Nicht gerecht für die deutsche Nationalmannschaft. Genauso wenig gerecht für die Argentinier. Vor vier Jahren gab Jürgen Klinsmann zu, ein Scheitern im Viertelfinale wäre einer „Katastrophe“ gleichgekommen. Tatsächlich kapierte man erst im Nachhinein, wie abrupt das Sommermärchen an diesem Freitag in Berlin beinahe geendet hätte.

Ich war fast 13, als die Nationalelf erstmals ein WM-Viertelfinale überstand und ich es windellos und wach mitbekam. Letchkov ’94 – graue Erinnerungen, die an Einbildung grenzen. Wörns ’98 – bitter, peinlich, Aus gegen Kroatien. Diesmal sind die Aktien anders verteilt. Bei einer Niederlage muss man lediglich eingestehen, dass Argentinien besser war. Wie sonst sollten sie gewinnen? Ohne besser zu sein?

Mein Vater darf wenigstens bis drei Uhr arbeiten. Einem können die Leute Leid tun, die auch zum Anpfiff noch irgendwo festhängen. Nach Angaben eines großen Baumarktes sind in den drei Stunden während des Serbien-Spiels, von 13 bis 16 Uhr, die Kundenbesuche jeweils um mehr als die Hälfte eingebrochen. Vergleichsdatum: der 19. Juni 2009, ebenfalls ein Freitag, 20 Grad, bewölkt, kein Baumarktwetter. Gegen England kamen gar keine Kunden. Gut, es war Sonntag.

Ich bin nervös. Gerade habe ich den Rasen gemäht. Eine halbe Stunde Ablenkung. Warum war das Gras nicht länger? Gestern Abend wollte sich partout niemand mit mir betrinken, um erst um 14 Uhr aus dem Delirium zu erwachen. Heute bin ich im 7:09 Uhr zum ersten Mal wach geworden. In der Nachbarschaft mähte jemand den Rasen. Um 7:09 Uhr. Wie nervös der wohl sein muss?

03. Juli 2010 von Jannik Sorgatz
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