Die Serien brechen, wie sie fallen

Heute Durban, Sonntag Johannesburg? In Soccer City wartet eines der flachsten Länder der Welt – auf 1700 Metern Höhe. Und die WM bricht launig Serien.

Wie war das noch, als Angela Merkel und Peer Steinbrück nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise staatsmännisch vor die Presse traten? „Die Einlagen sind sicher“, verkündete das Duo, mit dem Reichstag im Hintergrund. ‘Puh’, dachten sich alle, einige zumindest, ‘dann geh’n wir jetzt mal wieder an die Arbeit und fahren den Puls runter.’

Wo sind Jogi Löw und Hansi Flick, wenn man sie mal braucht? Wo ist der Auftritt vor der Silhouette des Teamhotels mit der Botschaft „Der Finaleinzug ist sicher – Piotr Trochowski wird nicht spielen“?

Abgesehen davon ist alles in Ordnung. In den letzten Tagen habe ich gemerkt, dass man sich für seinen Aberglauben nicht schämen muss. Auch dann nicht, wenn ihn jeder schon aus einigen Metern Entfernung sehen kann – in Form eines mittlerweile 19 Tage wuchernden WM-Bartes. Nun gut, ‘wuchern’ trifft es wohl nicht ganz optimal. Wird Deutschland Weltmeister, so die inzwischen oft gehörte Ansage, dürfe ich mich bis 2014 nicht rasieren, weil die DFB-Elf frühestens in Brasilien wieder ein WM-Spiel verlieren könne.

Gerade dreht das Deutschland-Trikot noch seine Runden in der Waschmaschine. Die Miniaturausgabe des WM-Pokals liegt in der Tasche. Und an den dezenten schwarz-rot-goldenen Streifen auf der linken Wange kurz vor Anpfiff werde ich auch denken, natürlich. Jogi Löw und Hansi Flick haben ihren blauen Kaschmir-Pullover zurechtgelegt, der mittlerweile ausverkauft ist. Für 199 Euro taugt er trotzdem nicht gerade zum Fanutensil für die Masse. Wenig überraschend: Das letzte Exemplar ging auf der „Kö“ in Düsseldorf über die Ladentheke.

Gefühlt habe ich mich in den letzten vier Jahren beim Fußball nicht so häufig freuen dürfen wie in den vergangenen drei Wochen. Eins steht fest: Entweder werde ich kommende Woche den Boden nicht betreten, weil ich ununterbrochen durch die Gegend schwebe – oder aber die WM-Geschichte sieht einen neuen Weltmeister. Spanien wäre nach Deutschland und Frankreich das zweite Land, das gleichzeitig Welt- und Europameister ist. Der Titel für die Niederlande würde das Ende einer der wohl längsten Serien aller Zeiten beenden – schließlich hat „Oranje“ seit 4,6 Milliarden Jahren keine Weltmeisterschaft gewonnen.

Das Ende der nicht-europäischen Herrschaft auf nicht-europäischen Kontinen ist bereits eingeläutet. Und wenn die WM 2010 schon in derartiger Laune ist, Serien zu brechen, kann sie hier gerne weitermachen.

07. Juli 2010 von Jannik Sorgatz
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