3:2 gegen Uruguay: Der Bart ist ab

11. Juni bis 11. Juli – der WM-Monat geht zu Ende und mit ihm ein Märchen auf Raten. Ganz real ist die deutsche Nationalmannschaft erneut Dritter geworden. So erfolgreich wie sie war kein anderes Land in diesem Jahrtausend.

Es tat weh, bereits am Donnerstagmorgen in den Badezimmerspiegel blicken zu müssen – und den Rasierer anzusetzen. 20 Tage hatte der WM-Bart gewuchert, das Gesicht zum vorerst letzten Mal am Morgen des Serbien-Spiels einen Rasierer gesehen. Etwas musste sich ändern nach dem 0:1. Und es änderte sich etwas. Mein Gesicht. Und auch ein bisschen das der deutschen Nationalmannschaft.

Kahlschlag am Donnerstag: Deutschland ist ausgeschieden und der Bart muss ab.

Mit dem Bart kam der Erfolg zurück. Pro Stufe auf der Wachstumsskala ein Tor, jedes Spiel ein bisschen besser. Die dezente Fünf-Tage-Version brachte das Weiterkommen gegen Ghana. Schon viel sichtbarer wurde England 4:1 besiegt. Die Demütigung für Argentinien kam im Vollwuchs. Doch dann lief irgendetwas falsch vergangenen Mittwoch.

Fest steht, dass das Team von Jogi Löw zum zweiten Mal in Folge die meisten Treffer bei einer WM-Endrunde erzielt hat. Dreimal in Folge hat sie nun im Halbfinale gestanden – kein anderes Land der Welt kommt im selben Zeitraum auf zwei Auftritte in der Runde der letzten Vier. Im Sport steht der Sieg im Mittelpunkt. Man kann eine Mannschaft mit leeren Händen einmal feiern. Man kann sie ein zweites Mal feiern, wenn das erste Mal zudem unter dem Eindruck einer Heim-WM stand. Dreimal jedoch, das haben bis auf Franz Beckenbauer fast alle erkannt, geht einfach nicht. Zumindest nicht am Brandenburger Tor.

Die deutschen Erfolge sind auch Siege für den Fußball gewesen. Wenn eine Weltmeisterschaft mit 142 Treffern in 63 Spielen nur knapp am eigenen Negativrekord vorbeischrammt, dann ist ein Team, das 16 Tore erzielt, gar nicht hoch genug einzuschätzen. Beinahe, so der kurze, aber am Ende widerlegte Eindruck, hätte man den alten Spruch von der „Defense“, die „Championships“ gewinnt, auf die „Offense“ umdichten müssen. Im Endspiel steht nun unter anderem eine Mannschaft, die 7-mal in sechs Partien traf und den Weg nach Soccer City mit drei 1:0-Erfolgen pflasterte.

Und plötzlich war er wieder ein kleiner Junge. Gegen Uruguay klappte es auch ohne Gesichtbewuchs.

Auffällig ist es, wie unausgewogen die DFB-Elf ihre Treffer auf sieben Spiele verteilt hat. Dreimal traf sie vierfach, war gestern gegen Uruguay dreimal erfolgreich – blieb jedoch ebenso zweimal torlos und mühte sich gegen Ghana zu einem 1:0. Die Erklärung ist verblüffend einfach: Spielten Schweisteiger, Özil, Müller und Co. befreit nach vorne, ohne Hemmungen und Kopfblockade, lief es zeitweise gut genug, um vom Glauben abzufallen. Zudem gingen sie in diesen Spielen jeweils früh in Führung, spätestens nach 20 Minuten.

Das einzige, was dieser Mannschaft zum großen Wurf noch fehlt, ist demnach die Konstanz. Und wenn die fehlt, dann werden wohl nicht zu Unrecht die Kritiker auf den Plan gerufen, die gebetsmühlenartig über Erfahrung sprechen. Nicht zu vergessen ist ein weiteres Manko: Die Stammelf trat als Kollektiv auf, als homogene Truppe ohne Allüren, dafür mit klaren Leadern. Dennoch hat die Suche nach einem Linksverteidiger auch dieses Turnier überdauert. Ein ernsthafter Nachfolger für Miroslav Klose ist ebenso wenig in Sicht. Und ohne den sagenhaften Aufstieg von Arne Friedrich, der selbst dann glänzte, als sein Partner Per Mertesacker seine Form gefundet hatte, wäre die Innenverteidigung schnell zur Problemzone geworden.

Nun ist der Bart ab. Mit der Rasur kommt auch das Ende der WM in Südafrika. Seit 14 Jahren schaue ich jetzt Fußballspiele mittelmäßiger Borussias und meist gut aufgelegter DFB-Auswahlen. Seit 14 Jahren habe ich keinen Pokal gesehen – zumindest nicht in den Händen, in denen ich ihn gerne sehen würde. Aber ich habe Zeit. Denn mir, uns und Deutschland gehört schließlich die Zukunft. Fragt sich nur welche.

11. Juli 2010 von Jannik Sorgatz
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