Hierarchie der (Schaden-)Freude

Wenn es für den eigenen Klub ums nackte sportliche Überleben geht, dann rücken selbst tief verwurzelte Rivalitäten manchmal in den Hintergrund. Nicht bei jedem ist das bislang angekommen.

Anhänger eines Bundesligavereins gehen einen Spieltag mit einer konkreten Prioritätenliste an. Über allem steht der Erfolg des eigenen Teams – wer hätte es gedacht? Danach folgt in der Hierarchie – und hier besteht bei einigen augenscheinlich noch Nachholbedarf – nicht der Misserfolg der größten Rivalen an zweiter Stelle. Zunächst einmal kommt es einzig und allein darauf an, dass die direkten Konkurrenten um was auch immer – Klassenerhalt, UEFA-Cup, Meisterschaft, Platz im Niemandsland – Punkte liegen lassen.

Dementsprechend stößt es bei mir auch auf Unverständnis, wenn 40.000 im Stadion aufspringen und sich vor Freude beinahe ihrer Kleidung entledigen, weil Bochum bei den Bayern zum 3:3 ausgleicht, während die Borussia auf dem Platz einen Offenbarungseid abliefert. Rivalitäten müssen nicht gleich unter den Teppich gekehrt, sondern dürfen gerne berücksichtigt werden. Jedoch tauchen sie erst auf Platz drei der Prioritätenliste auf, weshalb Siege gegen Erzfeinde, mit denen man sich in ähnlichen Tabellenregionen bewegt, auch am meisten wert sind.

Aus den gerade genannten Gründen war es bis zur 63. Minute heute Abend eine – mit Verlaub gesagt – beschissene Bundesliga-Konferenz. Der neutrale Betrachter konnte sich zwar an einem Rückstand der Bayern in Frankfurt ergötzen und Traditionalisten und sich über das lange währende 1:0 von Bochum gegen Hoffenheim freuen. Fans von Mannschaften, die gegen den Abstieg kämpften, mussten dagegen festhalten, dass so ziemlich nichts nach Plan lief. Doch dann brach die 63. Minute an und damit neun Minuten, in denen sich das Blatt sozusagen von jetzt auf gleich wendete.

Hertha ging gegen Hannover in Führung (gut so, obwohl man der Hertha selten Tore wünscht). Dann drehte Hoffenheim in der ihm mittlerweile eigenen Manier das Spiel in Bochum zu seinen Gunsten. Die Bayern benötigen fünf Minuten, um aus einem 0:1 bei der Eintracht ein 2:1 zu machen. Dazu gesellte sich Dortmunds Führungstreffer in Köln, der ausnahmsweise zwei Fliegen mit einer Klatsche schlug – von wegen Rivalitäten und Abstiegskampf.

Und so ist es für Gladbach weiterhin nur ein Punkt zum rettenden Ufer anstelle von zwischenzeitlich zwei Zählern. Hinzu kommt, dass Frankfurt mit einem Sieg im nächsten Heimspiel in der Tabelle zu überflügeln ist. Das „beste“ abstiegsbedrohte Team bleibt also in Reichweite, die Liga zweigeteilt. Und wehe, jemand springt am Sonntag auf, falls Bochum in Dortmund ein Tor erzielt.

29. Oktober 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster, Innenrist | Schreibe einen Kommentar

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