Den Ball links liegen gelassen

’64 Spiele – und wie viele davon live gesehen?’

So ähnlich sah der letzte Gedanke aus, den ich um den 14. Juli herum an die WM 2010 verschwendet habe. Beim Nachzählen kam ich auf 53 in 31 Tagen. Und jetzt? Seit dem WM-Endspiel habe ich nur zum Tatort 90 Minuten am Stück vor dem Fernseher gesessen. Der Fußball macht sich rar, wie er es immer um diese Zeit tut.

Letztes Jahr hat mich das noch gestört. Selbst im dreiwöchigen Interrail-Urlaub habe ich mit meinen Freunden versucht, ein Fußballspiel live im Stadion zu sehen. Nach Trelleborg gab es merkwürdigerweise keine Bahnanbindung aus Malmö. Der Klassiker gegen Örebro fand ohne uns statt. Als Gladbach in der ersten Pokalrunde gegen Frankfurt spielte, litt ich im Zug vom Bodensee nach Hause an Entzug und linste trotz eines kapitalen Katers im Minutentakt aufs Handydisplay.

Diesmal hat mich die Ball-Abstinenz weniger gejuckt. Ich hätte schließlich zur U20-WM der Frauen nach Bochum fahren oder die U19-EM der Männer auf Eurosport gucken können. Sky wiederholte noch immer Spiele der letzten Bundesligasaison und von der WM aus Südafrika. Und mich ließ es kalt.

Wochenlang lag das Gladbach-Trikot in der Ecke im Schlafzimmer. Als ich es gestern waschen wollte, war der Werbeaufdruck von einer dünnen Staubschicht überzogen. Es gibt auch wieder konkrete Ereignisse, die davon künden, dass es wieder los geht. Heute Abend läuft im Gladbacher Kino der Film zum 110-jährigen Vereinsjubiläum der Borussia. Samstag kommt der FC Liverpool zum Ehrentag in den Borussia-Park und ich merke, wie die Versuchung wächst, auf den Kanälen 9 bis 12 nach einer Wiederholung zu suchen, mal beim Training in Gladbach vorbeizuschauen. Ganz so drastisch kann das Verlangen nach Abstand nicht gewesen sein, eher ein zwangsläufiger Entzug auf Raten.

Denn, um es mit meinen Worten von vor einem Jahr zu sagen: “Fußball ist – entgegen aller Behauptungen – kein saisonales Ereignis wie Weihnachten, von dem man nach 27 Kilo Lebkuchen auch gehörig die Nase voll hat. Fußball ist ich, du und wir – und das an 365 Tagen.” Amen.

28. Juli 2010 von Jannik Sorgatz
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