Das Ende des Zaubers

Chucks, Jeans, V-Ausschnitt – den Mut zur Eigenwilligkeit in Form von Schnäuzern und Vokuhilas haben die Profis von heute längst verloren. Es regiert die Eintönigkeit. Wobei sie nicht einmal etwas dafür können.

Es gibt einen neuralgischen Punkt im Leben eines Fußball-Fans. Denn irgendwann kommt der Tag, an dem ein Spieler für den Klub des Herzens aufläuft, der jünger ist als man selbst. Fast zwei Jahre liegt dieser Knackpunkt nun schon hinter mir. Am 29. November 2008 debütierte Tony Jantschke für Gladbach in der Bundesliga.

Kinder und Jugendliche neigen dazu, besonders zu heroisieren. Man stellt sich eine Stunde lang in eine Schlange, damit ein Spieler, der für 1,2 Millionen Euro von irgendeinem mittelmäßigen Verein aus Belgien kam, seine Unterschrift auf den Rücken des Trikots setzt. Seine Unterschrift, von der er selbst wohl nicht einmal weiß, wie das kryptische Gekritzel einst zustande kam. Auf der Saisoneröffnung durchbricht der Puls bereits die Schallmauer zur Dreistelligkeit, wenn sich der Neueinkauf aus Paraguay auch nur drei Meter neben einem bewegt, man ihm beim Foto womöglich den Arm über die Schulter legt.

Irgendwann ist das vorbei. Das ist auch gut so. Was nicht heißt, dass es schlecht war, als es noch anders war. Irgendwann im Alter von 18 oder 19 Jahren, wenn einen der Hausarzt schon lange siezt und die Bäckersfrau gerade damit begonnen hat, gewinnt die sportliche Komponente des Fanlebens an Bedeutung. Doppelsechs statt Autogrammkartensätze, vertikaler Fußball statt in die Horizontale zu gehen, wenn der 26-Jährige Mittelfeldspieler aus Skandinavien Bälle auf die Tribüne schießt.

Gestern Abend war wieder so ein Moment der Entzauberung. Ich stelle gerade das Auto im Parkhaus ab, in 30 Minuten beginnt der Film zum 110-jährigen Vereinsjubiläum der Borussia, als eine Gruppe junger Männer in meinem Alter um die Ecke biegt. Ohne Trikot und Stutzen dauert es sagenhafte drei Sekunden, bis ich realisiere, wer da gerade geparkt hat. Man muss hinzufügen: Der junge Profifußballer im Jahr 2010 ist in zivil beileibe nicht leicht zu erkennen. Irgendwo in der Stadt muss es einen Laden geben, in dem sie alle ihre Klamotten kaufen, einen H&M für Jungprofis, in den ein eigener Friseursalon integriert ist, der sich auf einheitliche Haarschnitte spezialisiert hat. Marco Reus, Tony Jantschke, Fabian Bäcker – Stammkunden.

Der Jungprofi 2010 trägt Chucks, dazu eine Jeans mit mindestens einem Loch und vorzugsweise ein T-Shirt mit V-Ausschnitt. Bei mir: keine Chucks, womit ich jedoch ziemlich alleine bin. Im Kleiderschrank: Moment, kein V-Ausschnitt, auch eine Seltenheit. Bei den Hosen: Ok, da ist doch tatsächlich ein Loch – weil ich, ungeschickt wie eh und je, letztens an einem Zaun hängen geblieben bin. Reus, Bäcker und Co. sind es nicht, die die Individualität haben sterben lassen. Sie geben nur fein gefiltert wider, dass sie irgendwo anders gestorben ist – oder auch gestorben wurde.

Juan Arango und Raúl Bobadilla haben deshalb an Sympathie gewonnen, als sie Mittwochabend ins Kino spazierten. Arango sah aus, als sei er noch immer verärgert darüber, dass Javier Bardem damals die Rolle im Coen-Meisterwerk „No Country for Old Men“ erhielt. Und Bobadilla: Der trug Flip Flops zur kurzen Jeans, wie man im Sommer eben so ins Kino geht.

Die Ironie dieses Abends ist es ja, dass ich behaupte, mein Fandasein sei sportlicher geworden, seitdem es Spieler gibt, die nicht nur einen Kopf kleiner, sondern auch jünger sind als ich. Die ich beim Zivildienst eingearbeitet hätte, wenn sie meine Nachfolger beim freudigen Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen gewesen wären. Und was geht mir nach dem Film, der im Übrigen dem zum 100-Jährigen ähnelte und ansonsten lediglich um den Stadionneubau bereichert wurde, nicht aus dem Kopf? Bilder 20- bis 23-jähriger Fußballer, denen der Mut zum Eigenwilligen scheinbar völlig abgeht. Es muss ja nicht immer Mike Werner sein, kein Vokuhila, kein Schnäuzer. Aber vermutlich können die Jungs nicht einmal etwas dafür – sondern geben die Welt nur wieder, wie sie eben ist.

29. Juli 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Also Arturo Vidal geht in Leverkusen mit Trainingskleidung in den Supermarkt. Trotzdem hat ihn keiner erkannt oder alle waren höflich und zurückhaltend.

  2. Und das zweite große Ende kommt dann, wenn keiner der Spieler mehr jünger ist als man selbst.

    Naja, nicht zwangsläufig, aber bei manchen.

  3. Schöner Text, auch wenn das bei mir schon länger her ist, ich aber das vom Trainer beschriebene Phänomen dank Macchambes Younga-Mouhani noch vor mir habe.
    Dieses rundgelutschte Einheitsdesign bestimmter Teile der jungen Erwachsenenwelt findet sich eben auch im Fußball. Bei mir steigt jeder Spieler rapide im Ansehen, wenn ich ihn in normalen oder sogar coolen Zivilklamotten zu Gesicht bekomme.
    Passiert aber selten.

  4. Oh, ich muss mich korrigieren: Marco Gebhardt war’s, dessen Vertrag allerdings zum Ende der letzten Saison auslief.
    Da ist dieser vermeintlich einschneidende Moment relativ geräuschlos an mir vorübergegangen.

  5. Moment, moment: in jeder Generation gibt es den Einheitslook, das ist nicht neu. Schau dir mal ein Panini-Heft aus den 80ern an, da siehst du es am Beispiel der Frisuren.

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