Borussia – Liverpool: “Wer nicht hüpft, ist eingeschlafen”

Borussia Mönchengladbach schlägt zum 110. Geburtstag den FC Liverpool. Außer seinem großen Namen brachte der englische Rekordmeister kaum Berauschendes an den Niederrhein – so dass der Höhepunkt des Tages singend daherkam.

Da liest man im Videotext, dass Kaiserslautern den FC Liverpool geschlagen hat und denkt sich: „Wow, nicht schlecht.“ Da höre ich wenige Tage später im Radio, dass Gladbach gegen Liverpool gewonnen hat und denke mir: „Wow, es gibt wirklich keine Kleinen mehr.“ Als ich aus meinen kurzen Tagtraum erwache, wird mir klar, dass ich eben jenes Spiel gerade live gesehen habe. Und dass das Ergebnis sensationeller klingt, als es in Wirklichkeit war.

Um halb drei am Sonntagnachmittag schloß sich im Borussia-Park ein Kreis. Fünfmal hatten Gladbach und der FC Liverpool im Europacup gegeneinander gespielt. Die beiden Duelle in der Heimat entschied die Borussia für sich, an der Anfield Road zog sie zweimal den Kürzeren. Ebenso an jenem Abend im Mai 1977 im Olympiastadion von Rom, als die Reds das Landesmeisterfinale mit 3:1 gewannen. Nun also der 1. August 2010, der 110. Geburtstag des VfL – erneut sollte der Heimvorteil ziehen.

Gänsehautmoment bei “You’ll never walk alone”

Über ein Fußballspiel ist viel erzählt, wenn der bewegendste Moment sich vor dem Anpfiff abspielt. Erst einmal, beim Spiel Celtic gegen Liverpool, hatte Gerry Marsden die legendärste aller Fußball-Hymnen live im Stadion gesungen. Im Borussia-Park entstand nun der Eindruck, die 51 000 hätten den Text von „You’ll never walk alone“ extra zuhause geübt. Wenn Gerry und seine Pacemakers ansonsten aus den Lautsprechern ertönen und noch vom goldenen Himmel und dem silberhellen Lied einer Lerche erzählen, gleicht der Gesang in der Kurve meist einem dezenten Gegrummel. Wer den Text nicht kennt, schweigt. Wer ihn kennt, traut sich vielleicht nicht, weil es den sangestechnisch weniger Begabten erschreckt, die eigene Stimme zu hören.

Sonntagnachmittag war es jedoch anders: Tausende Schals und noch mehr Kehlen, die spätestens beim Refrain für Gänsehaut-Exzesse sorgen. Wer den müden Kick im Anschluss gesehen hat, wird sagen, diese drei Minuten waren es so oder so wert, den FC Liverpool zu einem Freundschafts-, beileibe zu ernsten keinem Testspiel an den Niederrhein zu holen.

Nach acht Minuten sah es dann so aus, als stünde der Borussia-Park im Laufe des Spiels vor noch größeren Momenten. Daniel Ayala zeigte, warum er als einer der wenigen Liverpool-Profis keinen deutschen Wikipedia-Eintrag vorweisen kann. Selbst Karim Matmour konnte anschließend nicht anders, als den verunglückten Querpass mit der Fußspitze ins Tor zu befördern.

Vier Engländer plus U20-Auswahl

Der englische Immer-noch-Rekordmeister trat in der Startelf lediglich mit vier Namen an, die der breiten Masse bekannt gewesen sein dürften. Glen Johnson, Jamie Carragher, Joe Cole und Steven Gerrard gehörten zu den „Three Lions“, die mit einem 1:4 gegen Deutschland aus dem WM-Turnier evaporisiert wurden. Bloemfontein lässt grüßen. Fernando Torres, Pepe Reina oder Dirk Kuijt waren zuhause geblieben. Eine Art U20-Auswahl füllte die Mannschaft auf. Unterm Strich also ein Gegner so stark wie Hoffenheim? Frankfurt? Wolfsburg? Egal.

Logan Bailly und Christofer Heimeroth, das zweite Geburtstagskind neben der Borussia, mussten kaum einen ernsthaften Ball halten. Roel Brouwers und Dante räumten weg, was überhaupt wegzuräumen war. Vorne wiederum nährte Juan Arango die Hoffnungen, dass er nach einem guten ersten Jahr mit Elan und Lächeln auf den Lippen zum absoluten Leistungsträger wird. Allein Mo Idrissou konnte noch keine Antwort liefern, was Max Eberl und Co. genau mit seinem Transfer bewirken wollen. Wir haben Zeit.

„Hey, Hey“, stimmte die Nordkurve kurz vor Schluss an. „Wer nicht hüpft, ist eingeschlafen.“ Spätestens als sich kaum einer regte, war klar, dass 51 000 den Nachmittag halbwegs dösend verbrachten. Für einen 110. Geburtstag ist das beileibe keine Schande. In Gladbach ist man schließlich froh, wenn die alten Leistungsträger den Trend des letztens Jahres bestätigen. Wenn die Jungen weitere Schritte nach vorne machen. Wenn die Neuzugängen sich nahtlos einfügen. Damit wäre endgültig das Ende jener Zeit eingeläutet, in der man fürchten musste, die Vereinsbosse würden einen übergewichtigen Brasilianer ausgraben, der zur Saisoneröffnung mit dem Fallschirm im Mittelkreis landet.

02. August 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Schöner Artikel, wie immer, stellt die Stimmung und das Spiel treffend dar. Borussia-Sieg war zwar schön (hatte ich nicht geglaubt), aber von Liverpool hätte ich ehrlich gesagt mehr erwartet… Trotzdem wars schön. Und den übergewichtigen Brasilianer mit Fallschirm brauchen wir nun wirklich nicht!! We’d rather walk alone ;o)

  2. Eines der Duelle 77 bzw. 78 (vermutlich das Finale 78, da ich meine, mich vor allem an Clemence und Simonsen, aber auch an ein 1:3 zu erinnern) war wohl das erste Europapokalspiel, das ich ein wenig am Fernseher mitverfolgen durfte. Zuvor hatte ich schon einige Länderspiele angeschaut (naja, mehr oder weniger), was mich mehrfach verwundert nachfragen ließ, wieso denn jetzt diesen München Gladbach und nicht Deutschland gegen England spiele.

  3. @Fohlenfreundin: Danke Dir! We’d indeed rather walk alone;)

    @heinzkamke: Dann müsste es ’77 gewesen sein, da war nämlich das Endspiel, ’78 war Halbfinale. Mein Gott, was für Zeiten, zweimal hintereinander mindestens unter den letzten vier im Landesmeister-Cup…

  4. Oh nein, falsche Jahreszahl – zu lange am Kommentar rumeditiert… ;-)

  5. Das Drumherum war echt gut, aber das Spiel war super langweilig.
    Matmour hätte nach dem Tor in der 8. Min. sofort ausgewechselt werden müssen.
    Er hatte ein Tor geschossen, besser konnte es für ihn an diesem Tag nicht mehr werden,
    jede weitere Aktion von Matmour konnte nur schlechter werden.
    Klarer Wechselfehler von Frontzeck

    Matmours persönliche Erfolge als Fussballer:
    Teilnehmer Afrika-Cup 2010
    Teilnehmer WM 2010
    Tor gegen FC Liverpool

    Hallo an alle finanzkräftigen Vereine in ganz Europa.
    Diesen Super-Knipser könnt ihr euch doch nicht entgehen lassen.
    Für nur lächerliche 6-7 Mio. könnt ihr ihn sofort haben.

    Ich habe noch nie so gelangweilte Ordner und Polizisten gesehen.
    Ich habe Ordner in der Südkurve gesehen, die sich während des Spiels ein Eis gekauft haben.
    Ca. 10 Polizisten standen als “Puffer” zwischen Gladbach und Liverpool Fans in der Ecke Süd/Ost.
    Ca. in der 10. Minute haben sich diese Polizisten einige Meter weiter auf noch einige freie Plätze gesetzt,
    es sah so aus, als wären einige eingeschlafen.
    Nach Spielende standen auch einige Polizisten in Reihe vor ihren Wagen Nähe Südkurve.
    Einigen war so langweilig, dass sie Zigaretten rauchten oder mit ihrem Handy spielten,
    und das alles in der großen Kampfuniform.

    Wir witzelten schon, wie sie mit ihren Schlagstöcken sprechen würden:
    “Schade, da sind mal Engländer in Gladbach und du, mein lieber Schlagstock, kommst gar nicht zum Einsatz.
    Aber bald kommen die Kölner wieder, dann bekommste sicher was zu tun.”

  6. Na gut, war doch nett.
    Mann hätte es vielleicht für die Hälfte des Eintrittsgeldes anbieten können.
    Trotzdem hat mich der “Sieg” gefreut.

  7. Naja, die mussten ja eine Millionen hinblättern, daher haben die das halt über den Eintritt wieder eingenommen ;)

  8. Betr.: Textsicherheit
    Der Text stand doch auf den Bechern, deswegen konnten alle nicht nur den Refrain mitsingen ;-)
    Aber war wirklich ein toller Moment, bekomme nachträglich beim Lesen Deines Eintrags wieder eine Gänsehaut!

  9. @ElkeHB: Das hab’ ich später erst bemerkt, als meiner schon auf den Treppenstufen lag – auf meinem stand der Text merkwürdigerweise aber nicht. Fragt sich nur, wie man den Schal hochhält und gleichzeitig vom Becher ablesen soll?;)

  10. @Jannik: ach das ging schon, wir haben zu zweit EINEN Schal hochgehalten und mit einer freien Hand den Becher ;-)
    und Du hast den Becher nicht mitgenommen???

  11. Von den 08/15-Bechern mit den Standardsprüchen ist der Küchenschrank ja schon voll. Also habe ich mir lieber die 2 Euro abgeholt.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*