Im Sog der Masse

Über den Fußball ist mehr als ausgiebig philosophiert worden. Nicht erst eine Diplomarbeit hat sich dem „runden Leder“ gewidmet, obwohl sie mit Sport rein gar nichts zutun hatte. Als Massenbewegung bietet er Gesprächsstoff wie kaum ein anderes Thema. Und so erscheint es kaum noch verwunderlich, dass der Fußball auch vor dem Geschichtsunterricht nicht Halt gemacht hat. Über eine Stunde, die hängen geblieben ist.

Es gibt Schulfächer, die kann man problemlos bewältigen, ohne in 13 Jahren auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Emotionslos, unreflektiert, mit Tunnelblick. Man kann durch reines Auswendiglernen Herr der Aminosäuren und des Blutkreislaufs werden. Sinus und Kosinus werden schnell zu treuen Begleitern, wenn man ihnen erst einmal eine Daseinsberechtigung erteilt und aufhört, ihren Sinn zu hinterfragen. Und in Physik verleiht die Lorentzkraft schlagartig Rückenwind, sobald die Rechte-Hand-Regel keine Kapselrisse im Ringfinger mehr verursacht.

Man könnte meinen, in Geschichte sei es nicht anders als in Bio, Mathe und Physik. Vielleicht ist das Fach nicht einmal grundlos als „Laberfach“ verschrien. Doch man muss Bismarck schon für Beethovens Bruder halten, 1918 mit 4711 verwechseln und den Holocaust grundsätzlich leugnen, um ganz ohne Empathie, ohne Gefühlsregung und ohne Reflexion durch die Geschichte von 1789 bis heute zu wandern. Deshalb ist es wohl auch ein gutes Zeichen, dass diese eine Stunde im Grundkurs letzten Winter nicht vollkommen teilnahmslos vorüberging.

Gerade donnert Goebbels‘ Sportpalastrede aus dem Kassettenrekorder. Hitlers Propagandaminister wettert vor seinem „gekauften“ und „unechten“ Publikum gegen die Engländer, wirft eine rhetorische Frage nach der anderen in den Raum. Er schreit sich die Seele aus dem Leib. Die Menge tobt. Klar, wolle sie den „totalen Krieg“. Kopfschütteln dagegen im Grundkurs. Sogar der tätowierte Koloss in der letzten Reihe – ansonsten eher chronischer Aus-dem-Fenster-Gucker – regt sich. „Vollidiot“, liefert er eine kurze, aber treffende Charakterisierung. Alle sind angewidert, bestürzt, aber keineswegs von einer rosa Wolke gerissen. Kaum einer hat die Rede zum ersten Mal gehört. Der Besuch in Bergen-Belsen dürfte mehr Spuren hinterlassen haben. Dennoch wirbelt die Rede so einiges auf.

Als Goebbels verstummt, dauert es eine halbe Minute, bis jemand beginnt, seine Gedanken preiszugeben. „Wie kann ich mich so manipulieren, so verarschen lassen?“, will einer wissen. „Das würde heute doch nicht mehr passieren. Unmöglich, solch eine Massenbewegung. Mir zumindest nicht“, versichert ein anderer.

„Bist Du Dir ganz sicher?“, fragt die Lehrerin. „Ihr geht doch bestimmt zum Fußball“, mutmaßt sie stereotyp aber keineswegs falsch. Plötzlich sind alle Ohren gespitzt. „Es hat Untersuchungen gegeben, in denen man einfach 90 Minuten lang eine Kamera vor der Schalker Fankurve platziert hat. Und man kam zu dem Schluss, dass sich das Massenverhalten, die Gruppendynamik nicht sonderlich von der im Berliner Sportpalast im Jahr 1943 unterschied.“

Die Geräuschkulisse hat schlagartig etwas von einer Bahnhofshalle. Ein Grummeln geht durch den Raum. Hände werden zur Unschuldsbeteuerung in die Höhe gereckt – ganz nach dem Motto „Ich? Ich doch nicht, damit hab‘ ich nichts zutun!“. Frau T. hat zu allem Übel einen Kurs voller Dauerkarteninhaber erwischt. Die Nordkurve steht schlagartig Kopf. Ist das etwa ein verklausulierter Nazi-Vorwurf? Fußballfans aus soziologischer Sicht über einen Kamm geschoren mit den Hauptdarstellern des „Dunklen Kapitels deutscher Geschichte“?

Auch ich bin erst einmal überrumpelt. Gerade noch die Beteiligten der Sportpalastrede verteufelt – und jetzt? Einsicht, dass wir heutzutage manchmal nicht anders sind? Zuerst fühle ich mich ein wenig auf den Schlips getreten. Ist ein Fanmarsch zu vergleichen mit einer Propagandaveranstaltung? Werden Fußballer ähnlich glorifiziert wie die Übeltäter von damals? Entsteht ein Fangesang aus derselben Dynamik heraus wie damals die Stimmung im Sportpalast? ‚Nein, das kann nicht. Das ist zu simpel‘, lautet mein erstes Urteil.

Aufgewühlt gehe ich darauf nach Hause und lasse mir das ganze erneut durch den Kopf gehen. Beharrlich wälze ich im ritualisierten Ablauf eines Stadionnachmittages und stoße auf das Szenario unmittelbar vor dem Anpfiff. In Gladbach übernimmt der Stadionsprecher – natürlich nur im übertragenen Sinne – die Rolle des Propagandaministers. Reihum fragt er jede der vier Tribünen: „Seid Ihr bereit?“. Und das nicht leise und nüchtern, sondern euphorisiert und aufgeputscht von der Vorfreude aufs Spiel. Ebenso vehement entgegnen Westen, Süden, Osten und Norden ein unbezwingbares „Jaaa!“. Tausende reckende ihre Hände vor Freude in die Höhe. Wer samstags um 15:23 Uhr als Uneingeweihter vor dem Borussia-Park weilt, könnte leicht zu dem Schluss kommen, im weiten Rund halle gerade Goebbels‘ Sportpalastrede aus den riesigen Lautsprechern. Doch was ähnlich klingt, hat nicht automatisch dieselbe Bewandtnis.

In vielen anderen deutschen Stadien ist es mittlerweile zur Gewohnheit geworden, nach einem Treffer des Heimteams drei- oder gar viermal den Vornamen des Torschützen ins Mikro zu schreien. „Piotr?!“ – „Trochowski!!!“ – „Piotr?!“ – „Trochowski!!!“ – „Piotr?!“… An dieser Stelle bin ich immer wieder erleichtert, dass Hubertus Heil nicht in der Bundesliga spielt. Kein schöner Gedanke, wie die Torfeierlichkeiten beim SPD-Generalsekretär klingen würden. Einen Namensvetter hat der Fußball bislang übrigens noch nicht gesehen. Wie oben gilt: Was ähnlich klingt,…

Der Fußball als Massenbewegung, die alle Teile der Gesellschaft einnimmt, die aus einem schlechten einen guten Tag machen kann (oder andersherum), in der es keine Rolle spielt, wie Du heißt, was Du von Beruf bist und wie viel Du verdienst – Stoff für ganze Bücherbände und Diplomarbeiten im Überfluss. Denn in der Kurve sind schließlich alle gleich. Gleicher zumindest als im „echten“ Leben. Genau aus diesem Grund jedoch darf man den Fußball nicht so einfach in eine Schublade stecken mit anderen Massenbewegungen der Geschichte, die anders als er selbst resolut zu verteufeln sind.

Noch kann ich es mir aussuchen, ob ich ins Stadion gehe. Der Fußball ist nicht die Gesellschaft, nicht das wahre Leben, obwohl sein Anspruch und seine Ausmaße derart große Kreise ziehen, dass man manchmal selbst nicht daran glaubt. Trotz allem bleibt jene Geschichtsstunde im Gedächtnis. Trotz allem bleibt es beklemmend, 40.000 Leute inbrünstig „Jaaa!“ schreien zu hören. Auch wenn es „nur“ Fußball ist – und es hoffentlich immer bleibt.

01. November 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Damals, als..., Einwurf | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Naja. Wo sind denn da die eigentlichen Gemeinsamkeiten?

    Ich find das nett, dass Eure Lehrerin da eine Fankurve ins Spiel bringt und ganz Unrecht hat sie ja auch nicht, das ist alles ritualisiert, das ist alles gleichförmig, da erfreut man sich daran, Teil einer Masse zu sein (was ich noch nie verstehen konnte, was daran toll sein soll, mit besoffenen Vollasis und anderen Idioten, die zufällig den selben Schal tragen wie ich, einer Pseudomeinung zu sein), aber mit einer Volksverführung im dort angesprochenen Sinne hat das doch relativ wenig zu tun. Natürlich nicht gar nix, aber wo sind, abgesehen von der – relativ kleinen – Masse denn die eigentlichen Feindbilder? Mönchengladbach-Fan oder Karlsruhe-Fan oder irgendwas-Fan zu sein, und somit gegen den jeweiligen Antiderbykandidaten zu sein, hat relativ wenig damit zu tun, gleichzeitig muss man auch sagen.

    Da sagt irgendjemand: naja, Ihr geht ja auch ins Stadion und schon ist, wer sich nicht verteidigen kann, auch ein Nazi. Da fehlt doch durchaus die eigentliche Komponente. Gruppendynamiken existieren, aber sie bedeuten nicht zwangsläufig (und auch nicht im entferntesten zwangsläufig) dass irgendjemand nationalsozialistisch ist, nur weil er nach Gesetzen der Psychologie funktioniert.

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