Bend it in 75503 Texarkana

Über einen kalten Abend im Februar 2006.

Die Februarsonne verschwand langsam hinter der stolzen Stahlrohrtribüne. Von August bis Oktober, jeden zweiten Freitag, hatten rund 2000 Zuschauer auf den Bänken Platz genommen. Es gab Hot Dogs, Dr. Pepper und Skittles. Das Football-Team der Hawks bekam zwar Spiel für Spiel die amerikanischen Ärsche versohlt. Doch den High-School-Teens mit ihren gold-schwarz geschminkten Gesichtern machte es spätestens dann nichts mehr aus, als sich der Quarterback das Kreuzband riss und ein milchgesichtiger Zehntklässler seine Position bis zum Ende einnehmen musste. Zuhause gelang zumindest noch der eine oder andere Touchdown. Auswärts in Atlanta, Hooks und Mount Pleasant war man dermaßen unter die Räder gekommen, dass der Sportchef der High School bei jeder Pep Rally, auf der die Mannschaft freitagmittags traditionell mit viel Brimborium auf die Reise geschickt wurde, von nun an eine Ansprache hielt, in der es von „Spirit“ nur so wimmelte.

Jetzt, im neuen Jahr, hatten sie die Concession Stands nicht einmal geöffnet. Der Wind pfiff durchs Stadion direkt hinter der Pleasant Grove Middle School. Die zwei Dutzend Zuschauer, bestehend aus Müttern und ihren Kindern, die noch nicht alt genug waren, um alleine zu bleiben, hatten sich teilweise in Decken gehüllt. Liberty-Eylau war zu Gast. An für sich nicht der wahre Grund, warum an diesem Dienstagabend so wenige Menschen an die Cooks Lane gekommen waren. Hagere Jungs in Stutzen und Stollenschuhe mühten sich über den Platz. Weil sie den Begriff „Football“ dabei so wörtlich nahmen, hatten sich die Amis extra einen anderen Namen dafür ausgedacht. Damit bloß keiner erahnen konnte, worum es beim „Soccer“ geht, ohne selbst vorbeigeschaut zu haben.

Fußball in den USA – zwischen Football und Baseball geparkt

Ich hatte es nur in die zweite Mannschaft geschafft. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich im Death Valley des Weltfußballs die Fußballschuhe schnürte, ist das eine durchaus peinliche Leistung. Man könnte es jedoch auch so sehen: Um meine fußballerischen Ambitionen über den Status des reinen Bolzens zu steigern, musste ich extra ein Jahr in den USA verbringen. Immerhin hatte Felix aus Kiel ebenfalls den Sprung ins Varsity-Team verpasst, während Edgar aus Kolumbien und Nias aus der Schweiz den Interims-Fußballern aus Texarkana, Texas, noch einiges beibringen konnten. Soccer war für sie der Überbrückungssport zwischen Football- und Baseball-Saison. Es besagt einiges über den Stellenwert, dass sie die Sportart in die Monate November bis März gepackt haben – wenn sogar im Nordosten von Texas ab und zu der Boden gefriert.

Nachdem uns drei Schulen mit weitaus höherem Anteil an Hispanics regelrecht auseinander genommen hatten, weckte Liberty-Eylau an jenem Abend ernsthafte Hoffnungen auf den ersten Saisonerfolg. Weiße so weit das Auge reichte. Und wir hatten immerhin noch unseren zweckentfremdeten Runningback in der Hinterhand, der schneller war als David Odonkor, jedoch noch häufiger den Ball vergaß. Schnell fiel das 1:0 für uns. Wenig später legte Felix das 2:0 nach. Aufatmen auf der Tribüne – sie hatten ihnen doch deutsche Austauschschüler geschickt, keine Österreicher. Wiederum nur ein paar Minuten danach mischte ich mich zum ersten Mal ins Geschehen ein. So richtig hielt es mich bei all dem Platz in der Mitte nicht mehr auf meiner rechten Außenbahn. Ich zog nach innen, ließ – welch seltenes Gefühl – gleich zwei Gegner stehen und sah links neben mir den völlig freistehenden Felix. 3:0 und mein erster Assist als Legionär auf der anderen Seite des Teiches.

Der deutsche Hattrick sollte nicht lange auf sich warten lassen. Mittlerweile lungerten wir zu Sechst im gegnerischen Strafraum herum. Ein geblockter Schuss landete acht Meter vor dem Tor bei mir. Ich sah keinen Grund, bei diesem Wurm von Keeper und rund 17 Quadratmetern freier Auswahl genauer zu zielen. Der Bann war gebrochen und ich hatte mit 16 Jahren das erste Tor meines Lebens geschossen, das irgendwo irgendjemand notierte. Dass mein Trainer dem Mann von der Lokalzeitung meinen Namen in einer sehr anmutenden Schreibvariante in den Notizblock diktierte, spielt ja keine Rolle.

40 Meter bis zum Ruhm

Vermutlich verließ der Reporter zwischen der 28. und 32. Minute kurz das Stadion. Sonst hätte er nachgefragt, um den Namen dieses deutschen Wunderjungen korrekt in die Texarkana Gazette zu bringen. Die Gegner aus dem Vorort Liberty-Eylau gurkten sich einmal mehr durch die eigene Hälfte. Einmal mehr verließ den Libero die Geduld und er drosch den Ball blind nach vorne. Eine Kopfballverlängerung tippte kurz vor mir auf den Boden. Mangels besserer Ideen beförderte ich den Ball gleich wieder in die andere Richtung, aus gut 40 Metern. Man hat ja dieses Gefühl, wie weit ein Ball fliegen wird, sogar ohne hinzusehen. Ich sah den Balljungen schon zum Zaun weit hinter dem Tor rennen – unfassbar, dass sie dafür bei dieser Sportart extra jemanden abkommandierten, ich aber Fußballschuhe in Größe 48 kaufen musste, weil es im gesamten Laden nur zwei Paare gab.

Doch dort oben in der Luft ging Merkwürdiges vonstatten mit meinem scheinbar verunglückten Befreiungsschlag. Der Schuss wurde lang, länger, am längsten. Und wie eine eckige Ellipse fiel das Ding genau über dem Keeper ins Tor. Physikalisch unmöglich und für mich noch heute unerklärlich. Ich hatte mit dem zweiten Treffer meines Lebens bereits den schönsten erzielt, der mir jemals gelingen würde. Ich konnte die Schuhe an den Nagel hängen. Hätte eigentlich zur Eckfahne in gut 40 Metern Entfernung rennen und jeden gottverdammten Tanz aufführen müssen, den ich jemals bei Ran auf Sat.1 gesehen hatte. Mir fiel jedoch nichts anderes ein, als mit verwirrten Blick meine beiden Zeigefinger in die Luft zu recken. Vermutlich biss ich mir dabei auch noch auf die Zunge und schielte.

Aber ich hatte meine fünf Sekunden Ruhm. Zwei Auswechselbänke, zehn Mitspieler, elf Gegner und 25 Zuschauer hatten es gesehen in 75503 Texarkana, Texas.

PS: Warum ich mich gerade heute daran erinnert habe? In einem Gute-alte-Zeiten-Anflug habe ich gesehen, dass das Stadion an der Cooks Lane seinen Dienst mittlerweile getan hat. Seit 2009 steht direkt hinter der High School das „Hawk Stadium“ für 3500 Zuschauer, nagelneu und mit Kunstrasen. Die Tribüne liegt genau auf jenem Hügel, über die uns der Trainer an einem kalten Januarmorgen so oft schickte, dass ich beim Sport so kurz davor war zu kotzen wie nie mehr in meinem Leben.

09. August 2010 von Jannik Sorgatz
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1 Kommentar

  1. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht deinen Blog zu lesen. War sehr spannend und ich habe richtig mitgefiebert.
    Da ich selbst als Austauschschülerin in Amerika war (Virginia), kenne ich die Stellung von ‘Soccer’ nur zu gut, nicht nur in der High School, sondern auch so im Leben dort.

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