Aue – Gladbach: Ein Faible für Zweitligisten

Das erste Pflichtspiel der Saison hat das erwünschte Resultat gebracht. Nach einem verdienten Sieg und einigen ansehnlichen Szenen, die Mut machen, steht die Borussia in der zweiten Pokalrunde – und wird sich dort erneut einem Fluch stellen. Am besten zuhause.

Wer die Borussia derzeit von außen betrachtet, könnte schnell darauf kommen, es gehe angenehm unspektakulär zu am Niederrhein. Nach Rang 12 in der vergangenen Saison kommt diesmal bestenfalls ein einstelliger Tabellenplatz als konkretes Saisonziel in Frage. Alle Leistungsträger sind geblieben, neue – man weiß ja nie – unter Umständen hinzugekommen. 39 Punkte aus 2009/2010 sollten zu überbieten sein. Mit dem vielzitierten Wort Konstanz dürfte es zu packen sein. Inzwischen fragt man sich, warum Mönchengladbach und die größte Stadt am Bodensee noch keine Partnerschaft eingegangen sind – Max Eberl, Michael Frontzeck und Co. rühren schließlich kräftig die Werbetrommel.

Doch es hat beileibe mehr Vorteile als Nachteile, weder vehement gegen den Abstieg noch um einen Platz im Europacup kämpfen zu müssen. Man kann sich den kleinen Zielen widmen, größtenteils ohne Druck. Vereine wie Frankfurt, Hannover und eben auch die Borussia haben in den letzten Jahren den DFB-Pokal als heimlichen Liebling entdeckt. Allzu oft ist die Liebe dabei unerwidert geblieben. Gladbach schied in sagenhaften sieben der letzten neun Spielzeiten in der zweiten Runde aus, sechsmal davon auswärts. Allein 2003/2004 ging es mit dem Halbfinaleinzug hoch hinaus, wobei das 0:1 in Aachen letzten Endes eher in einer bitteren Schublade des Gedächtnisses abgelegt ist. Immerhin gab es in der ganzen Zeit auch nur eine handfeste Pokalblamage, als 2004 in Runde eins gegen die Zweitvertretung der Bayern das Ende kam.

Grillparty statt Pokal

Nun also der Auftakt einer Deutschland-Tour, die bestenfalls in Berlin endet, in Aue: Die Borussia (beziehungsweise die Loskugeln) haben in den letzten Jahren ein regelrechtes Faible für Zweitligisten entwickelt, die auf dem Papier bekanntlich die härtesten Brocken sind, die potentiell in der ersten Runde warten können. 2007 ging es nach Osnabrück, 2009 zum FSV Frankfurt und nun eben ins Erzgebirge.

Nachdem ich letztes Jahr im Zug von Mainz nach Köln saß, als die Borussia 2:1 in Frankfurt gewann, kam diesmal ein Geburtstagsgrillen im Park dazwischen. Mittags hatte ich aus einer BVB-Kneipe in der Nachbarschaft dreimal halbwegs erregten Applaus vernommen – was bis Montagnachmittag die intensivste Berührung mit der ersten Pokalrunde darstellte. Vom 3:1 des VfL in Aue bleibt mir als Erinnerung nur der SMS-Ticker aus der Heimat, von meiner Mutter in die Stadt der größeren, aber nicht ganz so sympathischen Borussia gesendet.

19:11 Uhr
So, wir laufen uns warm. Bailly verletzt, Herrmann für Arango. Rasen sieht scheiße aus.

19:44 Uhr
10 Minuten gespielt. 20:80 Ballbesitz, jetzt gerade das erste Mal etwas über der Mittellinie, keine drei Pässe angekommen.

20:12 Uhr
1:0 Bradley, 38. Minute. Haben 30 Minuten gebraucht, um ins Spiel zu kommen. Jetzt aber verdient. Papa hat mit einem Bolten nachgeholfen. (Woraus wir den Schluss ziehen: Mehr Bier für den Vater!)

20:37 Uhr
46. Minute Riesenchance Reus. Im Gegenzug 1:1, Brouwers nur halbherzig beim Kopfball.

20:53 Uhr
2:1 Mo. Vorher Glück gehabt, Brouwers klärt auf der Linie.

21:14 Uhr
So, das war‘s wohl. 3:1

21:22 Uhr
Alles in allem dann doch souverän. Da ist schon Qualität, fehlten ja noch einige. Bundesliga kann kommen – und nächste Runde ein Heimspiel.

Und sonst so?

Der Heimspielwunsch im DFB-Pokal ist seit Jahren so intensiv wie das Lechzen nach Auswärtssiegen (was in gewisser Weise zusammenhängt, weil die chronische Schwäche in der Fremde für so manches Scheitern verantwortlich war). Letztes Jahr brachte das Heimspiel gegen Duisburg jedoch ebenso wenig den Einzug ins Achtelfinale, weshalb man geneigt ist, einen allgemeinen Zweitrundenfluch zu konstatieren. Dass sich das ändern möge: einer der großen Wünsche für dieses Jahr.

Und sonst so? Die Mission 40 wartet nach zwei Jahren noch immer auf ihre Erfüllung. 60 Gegentore in der letzten Saison waren viel zu viele. „Gibt doch eh so ein 3:1“, orakelte Kumpel Stefan am Samstagnachmittag – und behielt Recht. Ich hatte ihm noch geantwortet, mir sei ein 2:0, so ganz ohne Gegentor, lieber. Aber vermutlich verinnerlicht die Mannschaft ihren offensivfreudigen, torhungrigen Stil so sehr, dass ein 3:1 in Zukunft stets wahrscheinlicher sein wird als ein 2:0.

Mo Idrissou – sieben Tore in drei Spielen

Des Weiteren wäre ein Spieler, der wieder einmal zweistellig trifft, eine nette Angelegenheit. Mo Idrissou hat sieben Treffer bei den Tests gegen Luxemburg und Union Berlin sowie in Aue erzielt. Sollte der Neuzugang vom SC Freiburg – anders als in meinen Träumen der letzten Wochen, als ich so manches Mal schweißgebadet aufgewacht bin – tatsächlich einschlagen an der Hennes-Weisweiler-Allee, dann hätten Eberl und Frontzeck nach den Kollegen Sonck, Heinz, Skoubo, Elber, Kahê und wie sie nicht alle hießen einen Transfercoup gelandet, der gar nicht hoch genug einzuordnen wäre.

Seit 1998 hat Gladbach in neun Bundesligaspielzeiten nie mehr als drei Auswärtssiege eingefahren. Logisches – und für die geschundene Gastspielseele recht ambitioniertes – Ziel für 2010/2011: vier. Von allen 17 Gegnern hat die Borussia bei unglaublichen elf in diesem Jahrtausend noch kein Erstliga-Auswärtsspiel gewonnen. Bayern, Bremen, Hoffenheim, Lautern, St. Pauli, Hannover, Schalke, Mainz, Stuttgart, Dortmund und Leverkusen sollten sich demnach warm anziehen.

Wir lassen uns überraschen – das dürfte ohnehin die Devise sein für die kommende Spielzeit.

16. August 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Moin Jannick, wieder mal ein schöner Bericht, so ein SMS-Ticker hat ja auch was! Womit ich auch gleich zum Thema “Motto für die neue Saison” kommen kann. Du erwähnst zwar die Stadt am Bodensee *g* – aber im letzten Satz scheint dir ein neues Motto im Kopf herumzuspuken… “Im Dritten lassen wir uns überraschen” – oder “Überraschungs-Wundertüte im Dritten”? Bin gespannt, was am Ende dabei herauskommt. Jedenfalls freue ich mich immer besonders auf deinen Beitrag zu den Spielen DER Borussia. LG, die Fohlenfreundin

  2. Moin…
    Betreffs der Mannschaften bei denen Borussia noch keinen Auswärtssieg in diesem Jahr1000 geholt hat, ist euch ein Fehler unterlaufen: St. Pauli wurde am 25. September 2007 (Anstoß 17.30Uhr) mit 3:0 in Hamburg besiegt. Es war ein Pflichtspiel in Liga 2 – immerhin!
    Was die erste(!) BuLi anbelangt scheint [...] ihr recht zu haben.

    Mit freundlichen Grüßen aus “Korinth” Frank

  3. Deine Mutter sagt “scheiße”?! Ts ts ts …

  4. @fohlenfreundin: Da schwanke ich immer noch… der richtige Knaller war beim Brainstorming noch nicht dabei:D Vielleicht mache ich mir auch das gute, alte “Aus der Tiefe des Raumes” zu eigen.

    @courti: Die Korinthen sind schon korrekt gekackt, wenn man die zweite Liga mitzählt. Aber diese drei Jahre im neuen Jahrtausend verdränge ich immer gerne. Zumal wir so häufig gewonnen haben und all die schönen Serien nicht mehr Bestand hätten. Ich füge mal ein “in der der Bundesliga” ein.

    @babading: Deine nicht?;)

  5. Hallo aus München, sehr gut geschrieben der Artikel. Hab Deinen Blog gleich mal zu meinem Reader hinzugefügt.

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