Gladbach – Nürnberg: Diesälbe Scheiße

1:1 gegen den 1. FC Nürnberg – 1:1 Idrissou (31.)

Nun hat das Kind doch einen Namen bekommen. 2008/2009 wurde die “Mission 40″ mit dem Klassenerhalt tendenziell erfüllt, “Im Zweiten” wurde es 2009/2010 wirklich “besser”. Und jetzt: “Es führt ein Weg nach Irgendwo”. Wo genau das liegt, werden wir sehen. Knapp nördlich von Platz 12 wäre schwer in Ordnung.

„Lebenslang“ – länger geht’s nicht. Bekanntlich muss in Deutschland kein Straftäter, der dieses Urteil erhält, automatisch bis ans Ende seines Lebens einsitzen. Ähnlich wird es hoffentlich im Borussia-Park sein. Denn erst, als ich das kleine Schildchen mit meinem Namen auf meinem Sitz erblicke, wird mir klar, dass ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen dieser „Lebensdauerkarte“ in etwa so gut durchgelesen habe wie damals die Texte im Religionsunterricht der Oberstufe.

Meinen vermeintlichen Wohnort haben sie ebenfalls unter dem Namen eingraviert. Wobei „Willich“ seit einem Jahr bestenfalls Zweitwohnsitz ist. Letztendlich wird es jedoch effektiv den Vandalismus im Borussia-Park eindämmen, dass dort nicht „Dortmund“ steht. Ansonsten ist im Block alles beim Alten – die Sitznachbarn, die Atmosphäre, das Wohnzimmer-Gefühl.

“Die Seele brennt”

103 Tage Abstinenz haben ein Ende und ein Hauch von Champions-League liegt in der Luft. Dass es da erst 15:26 Uhr ist und die Herrlichkeit nur zehn Minuten anhält, muss man ja nicht so laut erzählen. Zum 110-Jährigen macht die Nordkurve ihrer Borussia ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk – eine Choreo vom Allerfeinsten. Damit nichts schief geht, sind im Stadion Flyer verteilt und Plakate aufgehängt worden. Inmitten eines schwarzen Pappmeeres werden im Unterrang die vier Logos der Vereinsgeschichte gehisst. Im Oberrang wird zwischen weißem Zeichenblockpapier in Übergröße an die Gründungszeit und die größten Erfolge erinnert.

„Die Seele brennt“ hallt es durch den Borussia-Park. Und jeder, der in einem Fußballstadion schon einmal Gänsehaut in Ausmaßen eines Tennisballes, einen Kloß im Hals und feuchte Augen bekommen hat, der weiß, wie sich solch eine brennende Seele anfühlt. „Du, die Sonne unserer Heimat“ – mutet sehr pathetisch an, aber wer den Niederrhein kennt, der weiß, dass das Wetter hier wirklich besser ist, wenn es für die Borussia läuft. Die Regenmenge ist übrigens ganz ordentlich. Weiter heißt es im Lied: „Wenn dich einer fragt, woher Du kommst, dann sag‘ ,Borussia‘.“ So ist es eben. Diese „City near Düsseldorf“ kennt in Spanien, Italien und England niemand. Sehr wohl aber einen Fußballverein namens Borussia Mönchengladbach.

Nach so viel Gänsehaut, Pathos und Vergangenheitshudelei kommt der Boden der Tatsachen schneller als gedacht. Er heißt Hegeler und trägt ein weinrotes Trikot. Der VfL hat ordentlich begonnen, früh das Heft in die Hand genommen. Doch die Führung für Nürnberg kommt nach einer Viertelstunde nicht unverdient. Pinola, Ekici und Gündogan haben zuvor bereits Bailly und den Pfosten geprüft, als Hegelers Kopfball im langen Eck einschlägt. Keine Chance für Bailly, sehr wohl aber für Brouwers, der unter Judts Flanke durchsegelt wie ein Drachen, der im Kunst- und Textilunterricht nur eine 4+ bekommen hat.

Idrissou: Doch ein Knipser?

Ginge es nach meinen stets präzisen und wohlfundierten Vorhersagen, würde das 1:0 für den „Club“ gleichzeitig das Endergebnis bedeuten. Schließlich hat der Wechsel von Mo Idrissou vom SC Freiburg an den Niederrhein so manch ein Fragezeichen auf meine Stirn gezaubert. Ein 30-Jähriger mit dürftiger Torquote, der mal öffentlich äußerte, keinen Bock mehr auf seine minderbemittelten Mitspieler im Breisgau zu haben? Sollte der uns wirklich weiterbringen? Wer Idrissous Dreierpacks gegen Luxemburg und Union Berlin gesehen hat, der glaubt schon eher dran. Wer von seinem Treffer in Aue gehört hat, der beginnt, noch mehr zu hoffen. Und wer in der 31. Minute beobachten darf, wie er nach Pass von Marco Reus gleich mehrere Nürnberger zu Litfaßsäulen degradiert, den überkommt ein Gefühl, das bei Gladbacher Neueinkäufen für den Sturm schon längst verloren schien. Ein Knipser? Im Borussia-Park? Man würde es so gerne glauben. Abwarten. Erstmal.

Damit auch wirklich alles klappt: Genauste Anweisungen zur Durchführung der Choreo.

Daems mit einem Linksschuss und Bradley mit einem Heber katapultieren die Kreativität und Entschlossenheit im Gladbacher Spiel kurzzeitig auf Kunst-Leistungskurs- und Lumberjack-Niveau in Personalunion. Dann ist Pause und der zuvor schon unruhige Borussia-Park einigermaßen beschwichtigt.

Ich gönne mir ein Eis in der Halbzeit, zur Feier des Sommerfußballs. Kurz muss ich es mir jedoch ans Ohr halten, weil in Hälfte eins schräg hinter mir die Cholerik ein ungeahntes Comeback gefeiert hat. Die Stimmung bei Saisonauftaktspielen hat Frank Goosen einst mehr als treffend in Worte gepackt: „Es dauert fünf Minuten im ersten Heimspiel, da schreit der Typ vor mir im Stadion: ,Dat is‘ doch diesälbe Scheiße wie inner letzten Säsong!“ (Das Video dazu – sehenswert!) Ähnlich lässt der Sportsfreund in Reihe 13 seinem Unmut über eine eher dürftige Leistung freien Lauf. Mein Trommelfell und ich verkriechen uns bis zum Wiederanpfiff in ein Stoßgebet, dass der an für sich unscheinbare Mittvierziger keine Dauerkarte hat. Zuhause gibt der Blick in den Ticketshop Entwarnung: Er ist Tageskartenbesitzer. Kein Wunder. Denn solch ein Tempo und solch eine Lautstärke würde er wohl kaum bis zur Winterpause durchhalten. Das wird ihm sein Hausarzt schon erzählen.

Abseitsfestival der Borussia

Zum Glück bieten die ersten Minuten nach der Pause kein gefundenes Choleriker-Fressen. Die Borussia weckt kurzzeitig Erinnerungen an vergangene Saison (was für Außenstehende jetzt so klingen mag, als sei sie damals ins Champions-League-Endspiel vorgeprescht). In der Folgezeit ist es nur Schiedsrichter Gagelmann, der den Unmut der 42 000 auf sich zieht. Dreizehn Mal stellen er, seine Assistenten und die Nürnberger Viererkette die Borussia ins Abseits. Zeitweise hat man das Gefühl, Idrissou, Matmour und Co. würden es sogar bei Eckbällen und in der eigenen Hälfte fertigbringen, näher am Tor zu stehen als der vorletzte Gegner. Doch wie es aussieht, liegen Gagelmanns Assistenten stets richtig.

Nach 64 Minuten kommt Bobadilla für Matmour, der nach einer non-existenten Leistung mit überraschend begeistertem Applaus bedacht wird. Unter Umständen können die Zuschauer ihren Beifall als Spende von der Steuer absetzen. Der wieder genesene Argentinier macht es jedoch wenig besser. Schäfer lässt einen Schuss nach vorne abprallen. In einer an für sich geschmeidigen Bewegung legt Bobadilla den Ball am Nürnberger Keeper vorbei – um ihn dann aus der Luft und sieben Metern Entfernung beinahe ebenso hoch übers Tor zu setzen. Die Fahne des Linienrichters bewahrt ihn, zu seinem Glück, vor der Favoritenrolle beim Nicht-Tor des Jahres.

Ein Schuss von Bradley bringt die Borussia derweil nah ans Siegtor. Der Amerikaner, mit einer bärenstarken WM in Südafrika, und Kollege Marx auf der Doppelsechs schlüpften allzu häufig in die Rolle des jeweils anderen. Marx versucht, in der Offensive Impulse zu setzen, während Bradley meist den Ball von der tiefstehenden Innenverteidigung annimmt. Ohne die Energie von Reus, der es sich auf seiner rechten Außenbahn allzu oft allzu gemütlich macht, verpuffen viele Angriffe. Auf der Gegenseite heißt das Duell plötzlich Bunjaku gegen Bailly, das Gott sei Dank mit einem belgischen Sieg endet. Um ein Haar wäre der Saisonauftakt völlig in die Hose gegangen.

Wenn das Vorspiel besser ist als der Sex

Ansonsten ist die Borussia weitaus näher dran am zweiten Treffer. Der eingewechselte Herrmann legt sich den Ball auf den linken Fuß, der Einschlag im Winkel ist schon vorbereitet – doch Torwart Schäfer hat beileibe nicht nur beim Zeitschinden ein glänzenden Tag erwischt. So endet das erste Spiel der neuen Saison eher mit einer Enttäuschung.

Schon gegen Liverpool hatte das Geschehen vor dem Spiel mit der Live-Version von „You‘ll never walk alone“ mehr zu bieten als die gesamten 90 Minuten. Assoziationen, die die Wörter “Vorspiel” und “Sex” enthalten, bieten sich an. Nun trotte ich erneut zum Bus und habe das Gefühl, die Momente vor dem Anpfiff – mit Choreo und „Die Seele brennt“ – hätten das Leben mehr bereichert als das, was anschließend folgte. Die deutlichste Erkenntnis des Tages folgt wiederum erst auf dem Nachhauseweg. Die Shuttle-Busse kommen so schleppend an wie die meisten Angriffe der Borussia. Ist eine Mannschaft also doch nur so gut wie das ÖPNV-System ihres Vereins?

22. August 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Das mit der “Lebensdauerkarte” und eingraviertem Namen ist jetzt aber nicht wahr, oder? Hätte ich doch mitkriegen müssen …

  2. Hallo Jannik, also, “Es führt ein Weg nach Irgendwo” finde ich sehr gelungen als Motto für diese Spielzeit. Ich hatte zwar auch noch drüber nachgedacht, aber so recht kam mir nichts “Tolles” in den Sinn. Das Video von Frank Goosen ist klasse!!! Ansonsten, das Spiel habe ich (zum Glück) dann doch nicht gesehen und auch wenn Bobadilla abseits gewesen wäre, es ist einfach zum Gääääähnen, was für 120prozentige Dinger er immer wieder vergibt. Knoten, platz doch endlich!!! Freu mich auf weitere 33 Bundesliga-Blogs. Viele Grüße, Fohlenfreundin

  3. @babading: Doch, es ist wahr. Mal kurz überlegen… hier ist alles wahr.;)

    @fohlenfreundin: Freut mich, dass es gefällt. Wie so oft kam die Idee dann erst, als sie kommen musste. Sprich, beim Schreiben des Textes.

  4. Pingback: Nürnberg - Blog - 22 Aug 2010

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