Nüchterner Musterprofi mit Schnapszahl

Frings fühlt sich degradiert, Hitzlsperger will mehr zum Zug kommen – der Platz neben Michael Ballack im deutschen Mittelfeld ist hart umkämpft. Viel zu selten steht dabei ein dritter Kandidat im Mittelpunkt, der Topleistungen am laufenden Band abliefert – Simon Rolfes.

Torsten Frings gerät schon nach zwei Spielen auf der Bank in einen heftigen Clinch mit dem Bundestrainer. Thomas Hitzlsperger meldet offen Ansprüche auf die Position neben Michael Ballack an. Nur einer bleibt bescheiden und hält sich vornehm zurück. Dabei ist es gerade Simon Rolfes, der sich den Stammplatz in der Nationalmannschaft im Stillen verdient hätte.

Die Kollegen von „Du gehts niemals allein“ verweisen heute auf einen Post im Sportblog der ARD, der dem 26-jährigen Leverkusener anlässlich seines 111. Bundesligaspiels in Folge die Ehre erweist. 111 Spiele in Folge, das sind drei ganze Spielzeiten und neun Partien hintereinander. Nun könnte Simon Rolfes schlichtweg Glück gehabt haben, von Verletzungen in den letzten drei Jahren verschont worden zu sein. Er könnte Stammspieler bei einem Klub im Niemandsland der Tabelle sein, wo selbst ein wochenlanges Formtief keine Degradierung zur Folge hätte. Wenn doch, dann könnte er seine Serie noch immer mit Kurzeinsätzen über drei, vier Minuten am Leben halten. Die Tatsache, dass er in der gesamten Zeit erst sechs gelbe Karten eingeheimst hat, könnten ihm Kritiker als Passivität und Duckmäusertum auslegen. Genau da fängt es jedoch an: Kann man einem Musterprofi wie Rolfes überhaupt kritisch gegenüberstehen?

Denn bei jemandem, der in derselben Zeit bei einem aufstrebenden Topklub zum Nationalspieler aufgestiegen ist, im letzten Jahr nach Kicker-Noten der fünfbeste Feldspieler der Bundesliga war, derzeit auf Rang drei rangiert und in den letzten drei Jahren weniger als 300 Minuten verpasst hat, lässt sich eine derart beeindruckende Serie nur schwer in die „Glück gehabt“-Schublade schieben. Zumal Rolfes bis auf das Debüt seine gesamte Bundesliga-Laufbahn am Stück absolviert hat.

Rolfes kann durchaus als Spätstarter bezeichnet werden. Von Bremen aus der Umweg über Reutlingen mit ersten Meriten im Profifußball. Zurück in Bremen ließ der große Durchbruch auf sich warten. Schließlich diente die Alemannia als Sprungbrett, wo er 04/05 sogar erste und durchaus erfolgreiche Gehversuche auf internationalem Parkett unternahm. 2005 ging es nach Leverkusen, wo er mittlerweile die Kapitänsbinde trägt. Sein Länderspielkonto steht bei 16 Einsätzen. Doch erst sechsmal hat er von Beginn an und nur zweimal durchgespielt. Darunter das 3:2 im EM-Viertelfinale gegen Portugal, als er auf der Doppelsechs mit Thomas Hitzlsperger zu den heimlichen Sieggaranten gehörte. Sein Partner aus dem Portugal-Spiel stand in derselben Zeit 21-mal für den DFB auf Platz, bestritt gleich zwölf Partien über die volle Distanz.

Dabei wäre Rolfes genau der richtige an der Seite eines Alphatiers wie Michael Ballack: Technisch versiert, effektiv sowohl hinten als auch vorne, unauffällig, ohne Passiv und zurückhaltend zu wirken. Ein staubsaugender Ballverteiler, der einer ganzen Offensivabteilung den Rücken freihalten kann. Und wer den Mensch Simon Rolfes neben dem Platz kennenlernt oder zumindest etwas über ihn liest, der wird endgültig zu dem Schluss kommen: Bayers Kapitän ist einer, bei dem der Ausdruck „Musterprofi“ mehr als nur eine Floskel ist. Bliebe alleine die Frage zu klären, ob einer wie Rolfes in der schillernden Welt von Porsches, Pelzmänteln und Privatjets nicht zwangsläufig zu kurz kommt.

07. November 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, Innenrist | Schreibe einen Kommentar

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