Die Liga der Anderen (I): Grün-brauner Zwiespalt

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Den Anfang macht Dennis – 24-jähriger Lüneburger, Ex-Hamburger und Wahl-Dortmunder – mit einem kleinen Exkurs: Wie wird man eigentlich Anhänger einer bestimmten Fußballmannschaft? Und wie gleich von Zweien?

Von Dennis (Bremen und St. Pauli)

Ich denke, ausschlaggebender Faktor sind oft prägende Erlebnisse in frühen Kindstagen. Du wirst als kleiner Bub mit ins Stadion geschleppt; als Anhängsel eines Verwandten, behangen mit Fanschals, die länger sind als du selbst. Die Viren, die sowohl auf den Rängen als auch in der Luft grassieren, sie infizieren dich mit der Fan-Krankheit. Unerwartet trifft sie dich, volle Breitseite, und ergreift Besitz von dir, ehe du auch nur zwei Spieler kennst (klar, einen Spieler kennst du sofort: meistens ist es der eine da, der gerade das erste Tor geschossen hat. Dein neuer Lieblingsspieler). So beginnt sie oft, diese angenehme Besessenheit, die dich bei Wind und Wetter ins Stadion lockt und Wörter rufen lässt, für die deine Mutter dir den Mund mit Seife auswaschen würde.

Ein anderer, wesentlich banalerer Grund, sind Farben. Lieblingsfarben. Wer kennt das nicht; Kinder, die auf Blau stehen, tingeln wahlweise im Hamburg-, Bochum- oder Schalke-Trikot umher. Freunde der Sonne pflastern ihr Zimmer mit Postern gelber Dortmund-Stars.

Ich für meinen Teil, der weder Kot noch Nazis mag, bin St. Pauli-Fan. Kastanien fand ich früher zwar super, doch mit der Farbe Braun hat mein Sympathisantentum nichts zu tun. Es ist vielmehr eine Trotzreaktion gewesen, ein prägendes Erlebnis in der Kindheit. Lange Zeit bevor ich offensichtlich richtig denken konnte, mit elf Jahren, war ich Bayern-Anhänger. Ich glaube, weil das Logo so schwierig zu malen war. Eine klasse Herausforderung war das. So stand ich da, in meinem Zimmer. Klinsmann-Trikot, Schal, Bettwäsche, Wimpel, Wecker, bescheiden gemaltes Logo – das komplette Programm. Klinsi war für mich der Größte. Ich kann mich an einen Zeitungsausschnitt erinnern „Klinsmann erzielt 100. Bundesligator“, den ich über mein Bett hing. Ein toller Tag.

Die doppelte Liebe

Ein Treffen mit dem unsagbar unfreundlichen Thomas Strunz änderte jedoch alles. Keine Beachtung, kein Autogramm, nur Pöbelei des platinblonden Miesepeters. Ein gebrochenes Fanherz und einen Bayern-Hassschwur auf Lebenszeit später zog es mich zum Club mit den bewiesenermaßen geilsten Fans der Welt – den St. Paulianern. Keine erfolgsverwöhnten, überbezahlten Proleten, weder auf dem Platz noch auf den Rängen. Das war meine Welt. Allesamt ehrliche Arbeiter (zumindest auf dem Rasen). Schnell begann die Abgrenzung zum HSV, dem anderen Verein der Stadt. Ich fragte mich, wie ein Verein, der seit Jahrzehnten nichts geleistet hat, immer wieder solche Ansprüche an sich stellen konnte. Geld war da, ok. Aber ansonsten?

Nun ist es so, dass sich im Laufe der Zeit eine zweite Liebe entwickelt hat. Anfangs war es nur ein schüchternes Hinübergucken, doch nach und nach wurde daraus ein heißer Flirt. Dieser Flirt hieß SV W. aus B. Auch eine tolle Truppe. Andreas Herzog (das Ausrutsch-Jahr im Süden sei ihm verziehen) und Konsorten.

Jetzt kann ich auch endlich die vielmals gestellte Frage beantworten: Wie kann man zwei Vereine lieben? Hier gingen die beiden oben genannten Aspekte einher. Die Antipathie zum HSV und die Vorliebe für die Farbe Grün. Was lag da näher als die Kicker von der Weser? Dazu gesellte sich die Tatache, dass der Abstieg Paulis aus der Zweiten in die Regionalliga auch mediales Desinteresse nach sich zog. So wurde es für mich, der nicht oft die Option zu Stadionbesuchen hatte, schwierig, meinem Verein wenigstens am Fernseher die Daumen zu drücken. In den Folgejahren war dieser Fanzwiespalt auch immer leicht zu vereinbaren. Die beiden Mannschaften trafen ja selten aufeinander.

Teufelskerl Martin Driller

In der vergangenen Saison spitzte sich die Angelegenheit zusehends zu. Das Szenario ist bekannt. Die „Kiez-Kicker“ legten los wie die Feuerwehr. Eine starke Saison, die mit dem ultimativen Höhepunkt gekrönt wurde: Zum 100-jährigen Bestehen beschenkten sich Ebbers und Co. selbst und stiegen nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder in die Bundesliga auf. Endlich! Nach den Feierlichkeiten trat jedoch meine Bredouille auf den Plan: Für wen gröle ich denn nun lauter? Pauli oder Bremen?

Auf den ersten Blick: klar, St. Pauli. Sie haben mich zwar des Öfteren im Stich gelassen; auch ich habe sie oft verflucht. Damals, 6:0 in Bochum verloren. Richtig, Bochum. Das Bochum. (Da fällt mir gerade dieses Lied ein… mit der „zweiten Liga“ und „nie mehr“. Aber das ist eine andere Geschichte. Die weiß Max zu einem späteren Zeitpunkt sicherlich besser zu erzählen.) Es gab aber andererseits auch viele schöne Momente. „Weltpokalsiegerbesieger“ oder was habe ich beim 4:4 gegen Schalke gefeiert. Ich sage nur: Martin Driller, der Teufelskerl.

Generell bin ich eher der Underdog-Sympathisant, daher schien die Marschroute klar: Daumen drücken am Millerntor, wenn ich es denn mal nach Hamburg schaffe. Ansonsten gebe ich aus der Ferne mein Bestes. Oder halt im Auswärtsblock sämtlicher Pott-Städte.

Verkehrte Welt zum Auftakt

Bremen braucht meine Unterstützung weniger. Es wird auch ohne Özil angreifen und versuchen, seinen Ansprüchen gerecht zu werden. So dachte ich zumindest bisher. Doch siehe da: Pustekuchen. Freiburg 1, Pauli 3. Bedeutet vorübergehend Tabellenplatz Drei. Ausgezeichnet, ein guter Anfang!

Auf der anderen Seite: Hoffenheim vier, Bremen eins. „Willst du Bremen oben sehen, musst du die Tabelle…“. Ja, danke. Und wenn man einmal ins Klo gegriffen hat, warum dann nicht noch gründlich herumwühlen. Zack, Bayern im DFB-Pokal. Und dann die ersten 92 Minuten beim Rückspiel in Genua. Es schien, als hätte sich der Zonk hinter jedem Tor versteckt. Gut, Paulis Pokalschreck Chemnitz ist jetzt auch keine Fußballübermacht. Aber wie gesagt, zwischen den Ansprüchen beider Teams liegen Welten. Hier haben wir die Champions League und ein schielendes Auge Richtung Tabellenspitze. Beim FC St. Pauli steht “Mission Nichtabstieg” auf der Agenda.

Aber das war ja erst der Anfang. Nun bin ich gespannt, wie es in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht. Ich denke mal, dass sich „meine“ Teams schnell wieder annähern werden und wahrscheinlich auch die Plätze tauschen. Bremen hat gegen Genua noch einmal die Kurve bekommen, die Bundesliga wird es ihnen im Hinblick auf die Fünfjahres-Wertung danken. Am Wochenende empfängt St. Pauli die Hoppenheimer, Bremen darf Köln versohlen. Mir soll’s letztlich gleich sein. Solange Pauli nicht absteigt und Neuzugang Wesley gegen Wolfsburg Diego wegledert, bin ich zufrieden. Bremen in den CL-Rängen wäre wünschenswert; abwarten, was die Konkurrenz aus Dortmund, Leverkusen und Schalke macht.

Was kann man letztlich mehr wollen, als seine zwei Lieblingsteams in einer Liga? Und die Tatsache, dass ich gerade nicht genau weiß, wen ich mehr anfeuern soll, kann ich getrost als Luxusproblem bezeichnen. Alles ist besser, als den Bayern die Daumen zu drücken. Danke, Thomas Strunz.

27. August 2010 von
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Schön Dennis :) Auch wenn ich mir heute einfach nicht vorstellen kann, dass je ein Fanschal länger war als du selbst ;)

  2. Gruselig, wenn man herausfindet, wie viele Leute in ihrer Kindheit Bayern-Fan waren und heute alle behaupten, sie könnten nichts dafür… Wie kommt sowas? Wäre mal eine empirische Studie wert…

  3. @Kerstin: doch klar, fast jeder. Jetzt immernoch!

    @Lisa: Ich weiß auch nicht, warum ich Alan Shearer und Dennis Bergkamp gut fand. Obwohl, bei Bergkamp weiß ich’s doch! http://www.youtube.com/watch?v=HJmX5vSz24E

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