Die Liga der Anderen (II): Leverkusener Laien

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Stuttgart, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Heute schreibt Kerstin von einem aus ihrer Sicht schlechten Remake eines torreichen Spiels ihrer Leverkusener. Michael Ballack gibt sie die Zeit, die er anscheinend noch braucht – und hofft, dass sich die eigenen Gesetze des DFB-Pokals auf ganz neue Weise zeigen.

Von Kerstin (Leverkusen)

Leverkusen liegt zur Halbzeitpause mit 1:3 hinten. Die Zuschauer runzeln die Stirn. Das letzte Spiel wurde doch noch so souverän zu Null gewonnen. Eine lange Serie von ungeschlagen Spielen gegen diesen Gegner in diesem Stadion scheint sich dem Ende zuzuneigen. Doch vielleicht stemmt sich die rot-schwarze Elf in der zweiten Halbzeit gegen die Niederlage. 45 Minuten später erfolgt die Ernüchterung. Auch noch drei weitere Leverkusener Tore durch Dimitar Berbatov, Andrej Voronin und Jacek Krzynowek reichen nicht aus, um die Partie zu drehen. Kevin Kuranyi, Sören Larsen, Lincoln und Gerald Asamoah schießen die Gastgeber zum Kantersieg.

Der kleine Mathematiker, der vom Fußball nichts versteht, aber durch Zufall mitgekriegt hat, dass Leverkusen letzten Sonntag 3:6 gegen Mönchengladbach untergegangen ist, beginnt nach dieses ersten Sätzen nervös mit den Fingern zu schnippsen. Er hat Einwände. Ein Leverkusener Tor in der ersten Halbzeit und drei weitere Treffer in der zweiten Hälfte ergeben höchstens bei Pippi Langstrumpfs Rechnungen nur drei Tore.

Bevor sich jetzt auch noch fachkundige Leute melden, denen auffällt, dass Berbatov doch längst englische Bänke deutschen Strafräumen vorzieht, Krzynowek momentan vereinslos ist, Voronin seit Anfang 2010 im Fußballerparadies Russland kickt und Kuranyi, Larsen, Lincoln und Asamoah zudem relativ wenig mit Mönchengladbach zu tun haben, löse ich schnell das Missverständnis. Bei dem eingangs beschriebenen Spiel handelte es sich um die Begegnung von Schalke 04 und Bayer Leverkusen am 21. Spieltag der Saison 2005/2006. Sie endete 7:4 und war eine der torreichsten und kuriosesten Partien in der Bundesligageschichte. Es war ein Spiel nach dem selbst die unterlegenen Fußballer schmunzelten und der damalige Trainer Michael Skibbe zu Protokoll gab, dass so ein Ergebnis ja auch seine positiven Seiten hätte. Schließlich hätten seine Mannen vier Tore geschossen.

Brutal von der schönen Wolke geholt

So sehr der torreiche Spielverlauf vom 11.02.2006 dem vom letzten Sonntag auch ähnelt – meine Gefühlswelt nach den Spielen könnte kaum unterschiedlicher sein. Nach der Niederlage gegen Schalke hat man gelacht. Man hatte das Gefühl bei etwas Einzigartigem dabei gewesen zu sein. Als hätte man nicht für ein Fußballspiel bezahlt, sondern für ein durchgeplantes Theaterstück, das nach mehrfacher Probe endlich die Vorhänge für das Publikum geöffnet hat. Das unerhoffte 3:6 fiel dann eher unter die Kategorie “schlechtes Remake”.
Gladbach stellte die Hauptakteure und die Männer um Kapitän Hyypiä wirkten wie kleine Laienschauspieler. Die große Zahl an Fehlpässen und die gruseligen Fehler im Defensivverhalten waren nach dem 2:0 in Dortmund erschreckend. Ich wurde ganz langsam und brutal von meiner schönen Wolke geholt, auf der ich seit dem Auftaktsieg saß und in der Ferne schon die Meisterschale blitzen sah.

Und dann war da noch ein Mann, der sich nicht einmal das Prädikat Laienschauspieler verdiente: Michael Ballack. Die zwanzig großen und kleinen Ballacks um mich herum zeigten mehr Präsenz auf den Rängen, als ihr Idol auf dem Platz es tat. Er fand keine Bindung zum Spiel und hatte vermutlich weniger Ballkontakte als der Balljunge hinterm Tor, der René Adler nach den Gladbacher Angriffen den Ball reichte. Aber ich finde es gut, dass Heynckes Ballack Spielpraxis gibt. Natürlich kann der Kapitän der deutsche Nationalmannschaft nicht von Spiel zu Spiel von den zehn Spielern um ihn herum mitgeschleppt werden, nur damit er Spielpraxis erhält. Aber ich denke und hoffe, dass er bald wieder zu alter Form und Fitness findet und dann, wie schon bei seinem Einstand gegen Simferopol, der Mannschaft enorm helfen kann. Alle, die mich jetzt schon wieder auf der schönen, rosaroten Wolke sehen, sollen mit ihren Vorwürfen bitte ein paar Wochen und weitere Ballackspiele abwarten.

Ballack holte übrigens in der Saison 2005/2006 das Double mit Bayern München. Leverkusen reihte sich hinter Schalke auf dem fünften Platz ein. Alles unschöne Dinge, die diese Saison so nicht unbedingt passieren müssen. Um sich jetzt nicht in Vorzeichen, Sternkonstellationen und Rechenspielen zu verlieren, lenke ich den Blick schon einmal auf das nächste Spiel gegen Mönchengladbach. Ich bin mir sehr sicher, dass die Leverkusener, wenn der Vorhang sich am 27. Oktober öffnet, eine ganz andere Vorstellung als noch letzten Samstag zeigen werden. Denn der Pokal hat seine eigenen Gesetze, da kann auch mal eine Mannschaft gewinnen, die wenige Wochen vorher noch gänzlich gegen eine übermächtige Mannschaft untergegangen ist.

03. September 2010 von
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Der letzte Satz klingt zwar enorm “phrasenschweinverdächtig” aber ich befürchte, dass Kerstin recht haben wird. Allerdings, wenn wir bei den Pokalgesetzen sind… und Gladbach zuhause spielt… wäre ja schön, wenn wir doch endlich mal in die 3. Runde einziehen. Es ist und bleibt also spannend.

  2. Aber Vorsicht! Du darfst Ballack auch nicht zu viel Zeit lassen, sonst macht der höchsten noch beim Kickern im Altenheim seine Buden… :D

  3. “Der Pokal hat seine eigenen Gesetze” – Schön :)

    Für mich war das Spiel allerdings schon etwas besser als ein schlechtes Remake. Ich hätte zwar nichts dagegen, wenn das nächste Spiel dieser Kategorie mal zu unseren Gunsten ausfällt, aber dennoch verliere ich lieber auf diese Weise, die auch noch gut anzusehen ist, als öfter mal 0:1.

  4. Pingback: Die Liga der Anderen (III): Meister der Aufholjagd at Entscheidend is auf’m Platz

  5. Tipps und Tricks rund ums Kickern, wir haben nun unsere erste Liga gestartet und sind gespannt wie sich die Tabellenspitze von Tag zu Tag ändert.

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