Deutschland – Aserbaidschan: Kurz vor zehn Uhr

Die deutsche Nationalmannschaft dringt in kantersiegähnliche Sphären vor. Manuel Neuer legt sich ein Ei ins Netz, das seinesgleichen sucht. Und eine Mannschaft mit dem Trainer Berti Vogts bietet sich im Antiquitäten-Laden selbst zum Verkauf an.

Zwischen dem erhobenen und dem gesenkten Daumen liegen genau 180 Grad. Wo genau ordnet man da ein 6:1 gegen 105. der FIFA-Weltrangliste ein? Es dürfte mehr Menschen auf diesem Planeten geben, die einen Rubik-Würfel in weniger als zehn Sekunden lösen können, als solche, die das Zustandekommen dieser Rangliste überhaupt fehlerfrei erklären können – ohne Zeitdruck. Aber ja, Aserbaidschan liegt zwischen Thailand und dem Kongo. Schlauer macht uns das nicht.

Da war zum einen ein Fußballer, dem manch einer schon das Präfix „Anti“ verliehen hat. „Anti“, um zu sagen: Lukas Podolski übt die falsche Sportart aus. Dieser unorthodoxe Typ traf am Dienstag zum 41. Mal in seinem 81. Länderspiel. Damit wird sich Podolski – komme, was wolle – im nächsten Kalenderjahr an Namen wie Rummenigge, Völler und Klinsmann heranpirschen. Im Grunde genommen hat dieser 25-Jährige mit dem Hang zu ungewollt philosophischen Aussagen im Vereinsfußball geleistet, was folgt: eine halbe Bundesligasaison mit rasantem Durchbruch bei einem Absteiger, eine überragende Zweitligasaison, ein gutes Jahr in der Bundesliga, drei verschenkte Jahre bei Deutschlands größtem Fußballverein und eine Spielzeit, in der er bei einem unterdurchschnittlichen Klub exakt zwei Tore erzielte.

Ab und zu tritt man Lukas Podolski in den Arsch, um ganz ernsthaft die Drohung an ihn zu richten, dass seine Zeit in der Nationalmannschaft in Kürze und dann zumindest kurzzeitig ablaufen könnte. In Köln passiert das nie, weil man Podolski lediglich damit drohen könnte, an seiner Stelle niemanden aufzustellen. Bei den Bayern passierte es nie, weil der Rekordmeister weder Zeit noch Grund hat, auf jemanden zu warten. Unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw lässt sich eine Mischung aus beiden Verhaltensweisen beobachten – Lukas, wir könnten Dich draußen lassen, aber zeig‘ erstmal gegen Aserbaidschan, was selbst ein Anti-Fußballer Großartiges vollbringen kann. Und es reichte, um Toni Kroos für die nächsten beiden Länderspiele wieder die Trainingsjacke anzuziehen – bis zum nächsten Tief.

Dienst nach Vorschrift

Nach den „Wir schießen entweder vier Tore oder fast gar keins“-Festspielen von Südafrika musste man sich geradezu fragen, wie die Differenz gegen eine Mannschaft, nach der hiesige Discounter offenbar ihre Billig-Wodkas benennen, nur um ein Tor höher ausfallen konnte als gegen Argentinien. Tatsächlich nahm sich der eine oder andere in Köln eine Auszeit und verabschiedete sich in die Unauffälligkeit. Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Philipp Lahm, Mesut Özil, Manuel Neuer – allesamt anwesend, ein paar davon auch an Toren beteiligt (für Neuer eher kein Ritterschlag), aber über weite Strecken mit Dienst nach Vorschrift.

Vor fast auf den Tag genau einem Jahr kamen 35 000 Zuschauer zu einem Quali-Heimspiel gegen Aserbaidschan. 2009 hatte man bis dahin eine eher unmotivierte, uninspirierte Nationalmannschaft gesehen, die manchen Pflichtsieg einfuhr, gegen Norwegen jedoch verlor und gegen China nicht gewinnen konnte. Das Endspiel von Moskau stand kurz bevor. Man musste sich ernsthaft fragen, wie das gut gehen und wie anschließend in Südafrika überhaupt etwas gehen sollte. Gelb-Rot für Innenverteidiger Abbasow und ein Miroslav Klose mit Wut im Bauch retteten die DFB-Elf vor was auch immer. 4:0 ging die spaßlose Angelegenheit in Hannover aus.

Wer die Partie am Dienstag gesehen hat, könnte mit dem 4:0 vor einem Jahr im Kopf denken, die Austragungsorte von Länderspielen hätten einen erheblichen Einfluss auf die Leistung. 2009 spielte die DFB-Elf wie die Stadt Hannover, wie Christian Wulff. In Köln dann, vor 44000 Zuschauern: nicht über weite, aber über viele Strecken rheinischer Frohsinn, wie die Bläck Föös, spaßig, aber zielorientiert. Mer bruche keiner, dä uns sät, wie mer Fossball spille deit.

Videokassette raus und vergleichen

Selbst wenn man bedenkt, dass Manuel Neuer den Baku-Boys ein Tor so lustig wie eine Büttenrede schenkte und dass ein wahrer Kamelleregen in Sachen eigene Treffer drin gewesen wäre, neigt sich der Daumen immer noch nach oben. Es sah anders aus als bei früheren Auftritten gegen, nun ja, Aserbaidschan und Konsorten. Wie schwer solche Siege einzuordnen sind, zeigt allein schon die Tatsache, dass man überhaupt danach fragt. Daumen hoch? Daumen runter? Wenn oben 12 Uhr ist, dann war das am Dienstag in etwa 10.

Vor einem Jahr war Aserbaidschan übrigens 137. der Weltrangliste. Die Länder, von denen es damals eingerahmt wurde, werden kaum anders geklungen haben als Thailand und der Kongo. Ein 6:1 klingt nur um Nuancen anders als ein 4:0. Aber es sah anders aus. Wer kann, hole die Videokassette vom 9.9.2009 raus – Deutschland gegen Aserbaidschan, in Hannover.

PS: Den Rubik-Rekord hält übrigens ein Niederländer mit 7,08 Sekunden.

08. September 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | Schlagwörter: , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Mir gefällt die Auflistung von Podolskis “Verdiensten” in der Bundesliga. Trifft ins Schwarze, und sein Status als einer der Stars des deutschen Fußballs erscheint absurder denn je – ABER: Nur auf den ersten Blick, denn an dieser Stelle sei dann doch mal eine Lanze für den Kerl gebrochen.

    1. Anti-Fußballer??? Wer neunmal (!) Torschütze des Monats wurde, darf den Ball getrost als besten Freund bezeichnen!
    2. Unorthodox? Mag hinsichtlich seiner Laufwege stimmen, aber wenn ich mir einen Fußballer schnitzen müsste, käme in neun von zehn Fällen ein Podolski dabei raus. Schnell, kraftvoll, feine Technik, gewaltiger Schuss. Thomas Müller darf man hingegen gerne unorthodox nennen!
    3. In München hätte man gar nicht großartig auf Podolski warten müssen. Fingerspitzengefühl, Grundvertrauen und drei Spiele über 90 Minuten hätten da ausgereicht. Heynckes hat es am Ende vorgemacht. In dieser Hinsicht haben in München alle versagt! Allen voran Klinsmann!
    4. Gegen die “Kleinen” trifft der Poldi gern. Das stimmt: Hier gibt’s meine eigene Theorie, warum das so ist: http://www.stadion-wurst.com/2010/09/lauf-poldi-lauf/
    Ich erinnere aber gerne an das kleine Schweden im WM-Achtelfinale 2006. An das kleine England im WM-Achtelfinale 2010. Übrigens hat man Miro Klose bis vor seinem Treffer gegen Argentinien 2006 den gleichen Mist vorgeworfen!

    So, genug der Lanzenbrecherei. Fazit: Poldi könnte besser sein, als er ist. Aber trotzdem nicht vergessen: Er ist ein Guter!!!

  2. Die meisten seiner Tore des Monats waren aber Weit- bis Gewaltschüsse, oder? Ich gehöre ja grundsätzlich auch zu denen, die Podolski eher verteidigen. Etwas Faszinierendes hat diese Spielweise eben an sich. Was er in der Bundesliga treibt, ist mir aus naheliegenden Gründen sowieso egal. Solange er dann in der Nationalmannschaft regelmäßig seine Dinger macht, ist alles in Ordnung.

    Dem Vorwurf der unwichtigen Tore bzw. Tore gegen kleine Gegner will ich mich auch gar nicht anschließen. Erst einmal müsste man definieren, was ein Topteam ist. Bei Wikipedia eine Auflistung gesehen, bei der alle Tore gegen Mannschaft zählen, die fünf Jahre davor oder danach bei einer WM oder EM im Halbfinale standen. Würde bei Podolski sein Tor gegen Brasilien 2005 (Confed-Cup) und das Tor in der WM-Quali gegen Russland machen. Und sämtliche Treffer von Klose gegen Argentinien würden rausfallen. Schwierige Angelegenheit.

  3. Gewaltschüsse?

    Ich verweise auf den März 2005: http://www.youtube.com/watch?v=ZHI46lYqgXY&feature=related

    Da steckt schon viel Gefühl im Fuß!

    Hast Du noch den Link zur Wikipedia-Liste? Würde mich mal interessieren!

  4. Schon klar, deswegen schrieb ich auch “die meisten seiner Tore des Monats”.

    Hier der Link zur Wikipedia-Liste.

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