Die Liga der Anderen (III): Meister der Aufholjagd

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Stuttgart, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Sebastian widmet sich heute seinem VfB Stuttgart, der momentan das tut, was er in der Hinrunde mit Vorliebe tut: sich die Bundesliga von unten anschauen. Ob das auch diesmal wieder gut geht?

Von Sebastian (Stuttgart)

„Die Situation ist alles andere als zufriedenstellend.“ Zu dieser Feststellung kam VfB-Manager Fredi Bobic am Donnerstag im „kicker“. Die Erkenntnis ist alles andere als überraschend, wenn man die Fakten nach zwei Spieltagen betrachtet: Ein Tor. Fünf Gegentore. Zwei Niederlagen. Null Punkte. Letzter Platz.

Doch wo hakt es im Moment bei den Schwaben? Diese Frage habe ich in den letzten Tagen als bekennender VfB-Anhänger öfters zu hören bekommen. Meistens kommt sie von Freunden und Bekannten, die Fans von Clubs sind, die in der Tabelle besser da stehen – kein Wunder bei Rang 18. Als Antwort gibt es dann: „Passt auf, da kommt noch was!“

Und tatsächlich, es sieht wieder nach einer typischen VfB-Saison aus. Die Hinrunde verpennt man schon fast traditionell, um dann in der zweiten Saisonhälfte eine grandiose Aufholjagd zu starten. Am Ende ärgert man sich dann am Neckar über die knapp verpassten Europa-League-Plätze. Ärgerlich, weil dem Verein dadurch viel Geld entgeht. Ärgerlich, weil die Leistung in der Rückrunde zeigt, was die Mannschaft eigentlich kann. Aber dieser Saisonverlauf ist vor allem eines: Riskant. Denn bleibt die Aufholjagd aus, sind einige der jungen Talente nicht mehr zu halten – und damit müsste der VfB eine fast neue Mannschaft aufbauen.

Zurück zu den Problemstellen. Bevor wir zur Mannschaft kommen, kurz ein Wort zu Manager und Trainer. Auch wenn ich als Fan nicht jede Entscheidung von Horst Heldt gut fand, hat er in Stuttgart sehr viel bewegt. Und damit hinterlässt der kleine Mann eine große Lücke für Fredi Bobic. Ob sie zu groß ist, wird sich noch zeigen. Trainer Christian Gross hat in der vergangenen Saison gezeigt, was er mit der Mannschaft kann. Jetzt nach nur zwei Spielen schon auf ihn loszugehen, ist viel zu früh. Das Problem liegt also (noch) wo anders. Bei der Mannschaft.

Wo ist er hin, der Erfolg?

Werfen wir noch kurz einen Blick auf den Kader aus der Spielzeit 2006/2007, die Meistermannschaft. Im Tor steht Timo Hildebrand, seit mehreren Jahren ein etablierter Bundesliga-Torhüter. In der Abwehr lernen junge Talente wie Andreas Beck oder Serdar Tasci das Handwerk von gestandenen Profis wie Markus Babbel, Matthieu Delpierre, Fernando Meira oder Ricardo Osorio. Pavel Pardo und Thomas Hitzlsperger unterstützen im Mittelfeld Sami Khedira und Roberto Hilbert. Und vorne sorgen Cacau und Mario Gomez für die Tore. Eine starke Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern.

Hildebrand, Beck, Babbel, Meira, Osorio, Pardo, Hitzlsperger, Khedira, Gomez: alle weg. Geblieben sind noch Tasci, Delpierre und Cacau, Christian Gentner ist diesen Sommer aus Wolfsburg zurückgekehrt. Tasci und Cacau laufen der Form, die sie zur WM gebracht hat, seit genau dieser hinterher. Doch gerade sie gelten beim VfB als gestandene Spieler, die der Mannschaft Rückhalt geben und sie führen sollen, so jedoch nicht. Delpierre soll nach seiner Verletzung dieses Wochenende in die Startelf zurückkehren. Hoffentlich verleiht er der Abwehr die Stabilität, die in den ersten beiden Saisonspielen noch Urlaub hatte.

Gestopft wurden diese Lücken vornehmlich mit jungen Spielern, in der Summe vielleicht etwas zu jung. Nehmen wir beispielsweise das Mittelfeld, das am ersten Spieltag bei der 0:2-Niederlage in Mainz auf dem Platz stand.: Gebhart (21), Gentner (25), Kuzmanovic (22), Träsch (23). Von hinten feuert kein Jens Lehmann mehr die Vorderleute an, sondern der 22-jährige Sven Ulreich. Der hat sein Talent schon unter Beweis gestellt, als Raphael Schäfer schwächelte oder Lehmann mal wieder rot-gesperrt war. Bleibt abzuwarten, wie viel er von Lehmann gelernt hat.

Fluch, Zufall oder menschliches Versagen?

Hier ist man von dem so erfolgreichen Konzept der alten Leitwölfe in einer jungen Mannschaft abgewichen. Dass es so nicht laufen kann, hat Fredi Bobic erkannt. Seine Reaktion war richtig: Die Verpflichtungen von Philipp Degen und vor allem die von Mauro Camoranesi werden noch wichtig sein. Zwar hat der argentinische Italiener seinen Zenit hinter sich. Dennoch kann und wird er als Führungsspieler eine Stütze für die jungen Spieler neben ihm sein.

Die aktuelle Situation in Stuttgart ist kein Fluch, kein Zufall. Sie ist die Folge von mehreren Management-Fehlern. Als der Kader zu jung wurde, haben Trainer und Manager (damit meine ich noch Horst Heldt) nicht reagiert. Das muss Fredi Bobic jetzt ausbaden. Nur leider badet er nicht in der heimischen Badewanne, sondern in einem Olympia-Schwimmbecken. Es gibt viel zu tun in Stuttgart-Bad Canstatt.

Meine Prognose: Wenn Delpierre die Abwehr stabilisiert, Camoranesi einschlägt und Cacau wieder seine alte Form vom Dachboden holt, wird der VfB schon in der Hinrunde die obere Tabellenhälfte erreichen. Eine typische VfB-Saison eben. Wenn nicht, dann wird‘s blamabel. Zum einen für den VfB, zum anderen für mich. Denn dann steht der VfB am 34. Spieltag hinter Gladbach – und kann ich dem Schriftführer dieses Blogs ein Jahr lang nicht mehr in die Augen sehen.

Rückblick: Kerstin über Leverkusen

10. September 2010 von
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Sebastian… ich biete dir weiterhin den Deal an, deine und meine Mannschaft zusammenzulegen. Die beste Mannschaft der Hinrunde und die Helden der Rückrunde… Was dabei rauskommen würde, brauch ich ja nicht zu erklären ;) Und jetzt kneif du bitte nicht nur wegen unseres letzten Spieles ;)

  2. @Kerstin
    Dann wäre die Liga doch nur unnötig langweilig. Das könnten wir denen doch nicht antun. Alleine was die Bayern leiden würden…

    @Sebastian
    Exzellenter Text. Sehr gerne gelesen.

  3. @hirngabel
    1. Danke
    2. Ich stelle mir das gerade schön vor, die Bayern leiden zu sehen ;)

    @Kerstin
    Auch wenn es verlockend ist, ich bring’s nicht über das Herz…

  4. Kann mich nur anschließen: Exzellenter Text. Sehr gerne gelesen.

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