Absturz mit Ansage

Anderthalb Jahre nach dem Titelgewinn von 2007 ist der VfB Stuttgart im Mittelmaß der Bundesliga versunken. Keineswegs ein Einzelfall in der Vereinsgeschichte der Schwaben, wie die Statistik untermauert.

558 Tage ist es her, dass ganz Stuttgart von einem rot-weißen Meer der Glückseligkeit verschluckt wurde. In Anbetracht der tristen Gegenwart erscheint der 19. Mai 2007 beinahe unwirklich, wie aus einem anderen Zeitalter, geradezu vorsintflutlich. Der VfB weilt im November 2008 mit 18 Punkten aus 14 Spielen auf Platz 11. Offiziell genau zwischen Europacup und Abstiegsrängen – „gefühlt auf Rang 19“, wie Armin Veh vor ein paar Tagen Einblicke in das enttäuschte schwäbische Seelenleben gewährte. Dass eben jener Armin Veh mittlerweile Ex-Trainer des Meisters von 2007 ist, bleibt eine andere Geschichte. Der VfB ist tief gefallen und weiß nicht so richtig, wo er hingehört. Das Mittelmaß scheint derzeit prädestiniert.

Als Schwaben-Sympathisant wird man aktuell aus dem Kopfschütteln nicht raus kommen und sich fragen, wie auf den Überraschungscoup von damals anderthalb derart ertraglose Jahre folgen konnten. Die Meistermannschaft war jung, spielte einen herzerfrischenden Fußball und hatte die Zukunft scheinbar auf ihrer Seite. Aktuell dümpeln die Reste der Erfolgstruppe haltlos im Mittelmaß herum. Meira und Hildebrand sind weg. Hilbert und Hitzlsperger nicht wiederzuerkennen. Ein Cacau ist zurückgerudert auf sein altes Niveau. Allein Mario Gomez hält sporadisch bis regelmäßig die Fahnen hoch. Erklärungsnot macht sich breit.

Dabei gehört das post-meisterliche Versagen zum Schwabenland wie Spätzle, Mercedes und ein Dialekt, der im Privatfernsehen regelmäßig mit Untertiteln versehen wird. Betrachtet man die ersten 48 Spiele eines jeden Bundesligameisters nach seinem großen Triumph, dann fällt auf: Der VfB Stuttgart heimst in dieser Rangliste gleich die ersten drei Plätze ein – von hinten wohlgemerkt.

Nach dem Titelgewinn 1984 unter Helmut Benthaus holte der VfB im darauffolgenden Jahr schlappe 47 Zähler. Nur der 1. FC Nürnberg konnte das in seiner Abstiegssaison 68/69 unterbieten. Aus den ersten 48 Partien nach der Meisterschaft standen schließlich 70 Punkte zu Buche. Erfolgscoach Benthaus war schon nach Platz zehn im Sommer ’85 aussortiert worden.

Doch die mickrigen 70 Zähler aus den post-meisterlichen Spielen von damals waren noch lange nicht das Ende der schwäbischen Fahnenstange: Auf den Last-Minute-Titelgewinn ’92 unter Christoph Daum folgten 66 Punkte aus 48 Spielen – Minusrekord in 45 Jahren Bundesliga. Den hat logischerweise selbst der 1. FC Nürnberg nicht inne, der als erster und bislang einziger amtierender Meister aus der Bundesliga abstieg. Denn eine zweite Saison nach dem Titelgewinn erlebten die Franken damals nun einmal nicht. Daum hielt sich nach dem Titelgewinn noch drei Halbserien in Stuttgart. In der Winterpause der Saison 93/94 wurde die Ehe Daum-VfB geschieden. Der VfB musste auf Rang dreizehn überwintern.

Anno 2008 sieht es nicht viel besser aus. Auch der dritte Meistertrainer kam nicht über die dritte Halbserie hinaus. Dass Veh mit seinen läppischen 1000 Tagen im Amt drauf und dran war, den Vereinsrekord als längster VfB-Coach am Stück zu eliminieren, spricht für die enorme Fluktuation auf der Trainerbank. Vehs Bilanz in den ominösen 48 Partien: 76 Tore, 78 Gegentore, 70 Punkte. Zum ersten Mal taucht damit ein negatives Torverhältnis in der langen Liste auf. Für (Negativ-)Rekorde ist der VfB momentan eben empfänglich.

Alle Stuttgart-Anhänger dürfen sich gerne aussuchen, wie sie diese Statistik interpretieren. Ich würde sie ihnen eher als Muntermacher mit auf den Weg geben. Schließlich ging es nach jeder Durststrecke auch wieder bergauf. Und der VfB ist trotz allem der einzige Klub neben Bayern und Bremen, der sowohl in den 80ern als auch in den 90ern und 00ern einen Meistertitel erringen konnte. Bis zum nächsten sind es somit nicht einmal mehr 12 Jahre.

Und wo ich die Buchstaben- und Zahlensuppe schon einmal im Schoß habe, natürlich auch der Blick auf die vorderen Ränge in dieser Tabelle, die einmal mehr herzerfrischend sinnlos und doch so vielsagend ist. Die ersten vier Plätze gehen – einen Überraschungstusch, bitte – an den FC Bayern, der insgesamt sieben Mal in den Top 10 auftaucht. Neben dem Rekordmeister sind nur der HSV und Gladbach noch vorne mit dabei. Bayerns Rekordbilanz in Folge des Meisterjahres 1986 liest sich wie folgt: 106 Punkte, 102 eigene Treffer stehen 48 Gegentoren gegenüber. Aus Schwabensicht momentan reine Utopie.

Die zehn erfolglosesten Meister im Überblick:


Die zehn Meister, die auch danach noch für Furore sorgten:

*Die vierte und fünfte Spalte beziehen sich auf die Saison unmittelbar nach dem Titelgewinn. Spalte sechs und sieben sind für die restlichen Spiele der darauffolgenden Saison, die bis zur Vollendung der 48 noch fehlten.

27. November 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist, Zahlen, bitte | Schreibe einen Kommentar

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