Gladbach – Frankfurt: Solche Tage marx geben

Die Borussia ist schneller wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen, als ihr lieb war. Das 0:4 gegen Eintracht Frankfurt bedeutet eine der höchsten Heimpleiten der letzten Jahre. Und so sucht der VfL weiter nach Konstanz, von der er derzeit noch meilenweit entfernt ist.

Während die Fans der Borussia von der Rheinischen Post am Montag als abgehobene Europacup-Träumer hingestellt werden, zeigen sie sich auf der Vereinshomepage in Wirklichkeit rundum realistisch. „Wir waren diesmal schwach, zu schwach“, urteilt die Mehrheit von 61 Prozent in einem Voting. Nur 19 Prozent meinen: „Wir sind vor dem 0:3 zu oft benachteiligt worden, zu oft!“ Dass Frankfurt ein übermächtiger Gegner und schlichtweg zu stark gewesen ist, finden verschwindend geringe sechs Prozent. Der Rest meint, das Spiel sei einfach dumm gelaufen – so kann man es auch nennen.

Auf der Suche nach einem Spielabschnitt, der diese Verteilung von Pech und Unvermögen am besten darstellt, wird man in der 34. Minute fündig. Nach einer Ecke wird eine Arango-Flanke abgefälscht, segelt in hohem Bogen in Richtung Fünfmeterraum. Mo Idrissou springt hoch, ziemlich hoch. Oka Nikolov hüpft zum Ball, doch den hat Gladbachs Mittelstürmer bereits ins Tor genickt. Schiedsrichter Jochen Drees zeigt mit dem rechten Arm deutlich zum Mittelpunkt. Die Mannschaft spurtet zum Jubeln in Richtung Eckfahne und der Stadionsprecher dürfte den Finger schon auf dem Knopf mit der Tormusik haben. Doch dann, wie ein überforderter Background-Tänzer bei einer 90er-Jahre-Choreografie, streckt Drees zaghaft seinen linken Arm aus. „Foul, kein Tor“, soll das heißen. Ich bin beileibe kein Frühjubler. Selbst wenn ein Spieler von der Mittellinie alleine aufs Tor zuläuft und trifft, linse ich meist noch rüber zum Linienrichter, um nicht umsonst in Wallung zu geraten. Doch diesmal war ich mir sicher, dass alles völlig regulär gelaufen sei.

Das Spiel geht bereits weiter, da diskutieren die VfL-Spieler noch immer so beherzt, als habe man ihnen eine Jahreskarte als Gast bei „Anne Will“ zugesichert. Der Eintracht ist es wurscht, sie schaltet um, sucht Alexander Meier mit einem langen Pass in die Spitze. Warum auch immer zieht Logan Bailly den geplanten Sonntagsausflug vor, grätscht den Ball gegen Meiers Bein. Mühelos schiebt der Frankfurter nach links, wo Theofanis Gekas sich noch weniger anstrengen muss, um zum 2:0 zu treffen. Köhlers Führungstreffer liegt da bereits zwölf Minuten zurück. Den Kopfball von Gekas nach einem Freistoß hatte Bailly noch entschärfen können – vor die Füße von Köhler, der das erste von vier Gladbacher Geschenken dankend in Empfang nahm.

Hoffen auf die Wende in Hälfte zwei

Lediglich in den zehn Minuten vor der Pause gelingt es der Borussia, eine Leistung hinzulegen, die in der Schule für die Versetzung genügen würde. Zweimal ist es Arango, der Frankfurts Nikolov fordert – erst per Direktabnahme, dann nach einer kleinen Tanzeinlage im Strafraum. Den 19 Prozent, die sich so verschaukelt fühlen, dass sie in der Schiedsrichterleistung den Hauptgrund für die Pleite sehen, wird in der 42. Minute mächtig Wasser auf ihre Mühlen geschüttet. Maik Franz pflügt im Strafraum Idrissou und den Rasen gleichermaßen um. Statt Rot und Elfer gibt es gar nichts. Den Lärm macht nicht die Pfeife von Drees. Dafür sorgen 45 000 aufgebrachte Zuschauer im Borussia-Park, so dass es zur Pause ein gellendes Pfeifkonzert gibt – das jedoch nicht der Mannschaft gilt.

Wenigstens lindert in der Halbzeit das gute Gefühl die Schmerzen, dass ein 0:2-Rückstand noch längst nicht die Entscheidung bedeutet. Es hat Zeiten gegeben, da konnte man nach einem Gegentor in der 12. Minute die Heimreise antreten und sicher sein, dass nichts mehr passieren würde. Das Gegenteil von Ereignislosigkeit dürfte die Borussenfans nach dem Wiederanpfiff jedoch kaum milder stimmen. Statt eines Feuerwerks folgen im Angriff Brandschutzmaßnahmen. Hinten sind sich Daems und Brouwers bereits nach fünf Minuten so uneinig wie ein altes Ehepaar beim Kauf einer neuen Schrankwand. Ochs nutzt die Schläfrigkeit der Gladbacher Hintermannschaft. Mit einer Mischung aus Schuss und Lupfer lässt er Bailly keine Chance.

Kurz darauf erlöst Michael Frontzeck den schwachen Roman Neustädter, der dem Spiel der Borussia an diesem Tag ein Gesicht gibt. Noch gegen Leverkusen schwamm der 22-Jährige gegen Ende fünf Minuten auf der Woge des Erfolgs mit. Als Ersatz für den verletzten Marx gelang ihm diesmal wenig. Neustädter wirkte überfordert und nervös, rief sein Potential nicht ansatzweise ab – wie der gesamte Rest der Mannschaft. Wie wichtig Thorben Marx für das Spiel der Borussia ist, wird deutlich, wenn man sich die Bilanz aus den sieben Spielen ansieht, die der Ex-Bielefelder seit seiner Ankunft am Niederrhein verletzungsbedingt verpasst hat: Ein Sieg, zwei Unentschieden, vier Niederlagen und das sagenhaft schlechte Torverhältnis von 6:21 stehen aus diesen Partien zu Buche. Marx war sowohl bei der 1:6-Pleite von Hannover Ende der vergangenen Saison nicht dabei als auch bei den 0:4-Heimniederlagen gegen Wolfsburg und Frankfurt (die jeweils höchsten seit 1998).

Exodus im Borussia-Park

Moment, 0:4 gegen Frankfurt? Ja klar! Altintop startet in der 64. Minuten an der Mittellinie durch. Wäre der Rasen die A9, würde er mit diesem Tempo in zwei Stunden in München ankommen. Bradley versagt, mit Gelb vorbelastet, genauso als Streifenpolizist wie Dante. Anstatt eines taktischen Fouls gibt es das 0:4 durch Gekas, von Levels wohlwollend unterstützt, der anscheinend links mit rechts verwechselt hat und in die Mitte gerannt ist. Der Borussia-Park führt prompt das 2. Buch Mose in einem Laienschauspiel auf – der Exodus setzt ein.

Ich mache es mir gemütlich in meinem Sitz (die Kamera, um das Namensschild zu fotografieren, habe ich leider vergessen). Bereits um halb sieben soll ich beim Handball selbst auf dem Platz stehen. In der 79. Minute schreibt Nils eine SMS. Er stehe bereits am Treffpunkt vor dem Stadion, abfahrbereit. „Da fährt man ins Stadion und bekommt nicht mehr als eine Bratwurst“, hatte ein Fan die Abgenutzheit dieses Tages treffend in Worte gefasst. In der 87. Minute mache auch ich mich auf, so früh wie noch nie in meinem Stadionleben. Auf dem Parkplatz herrscht bereits so reges Nach-Hause-Fahren, als sei die Partie seit 20 Minuten vorbei. Dabei hört man im Hintergrund einen Pfiff, als ich die Autotür zuschlage. Die Überreste dessen, was einmal 45 000 Zuschauer bei einem Bundesligaspiel waren, sind zu leise, um das Ende zu übertönen. Gladbach ist unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

Rückblick: Das 6:3 in Leverkusen

13. September 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Wie immer sehr gut und treffend analysiert!
    Tatsächlich wurde nach dem Schlusspfiff aus der Nordkurve noch etwas applaudiert, aber das waren wohl diejenigen, die nicht in Leverkusen dabei waren und der Mannschaft auf diese Weise ein kleines Danke für den Auswärtssieg zeigen wollten; für das gerade gesehene Spiel kann das wohl nicht gewesen sein.

  2. Hallo Jannik,

    ein amüsanter Bericht zu einem absolut “unkoscheren” Spiel :-)

  3. Das Spiel der Borussia war definitiv nicht koscher! Aber o.k. – das wurde ja auch treffend (wie immer) beschrieben.

    Wir hätten wahrscheinlich auch ohne den Schiri verloren. Aber: diese eine Szene, wie er (Schiri) den rechten Arm schon zum Anstoßkreis gehoben hat, dies habe ich genauso so gesehen und registriert und habe mit meinen Leidensgenossen (Berliner Fohlen 07) die Arme zum Jubeln gehoben. Denn: ich bin auch ein gebranntes Kind und wahrhaftig kein Frühjubler.

    Diese eine Szene habe ich genauso gesehn, wie Du sie beschrieben hast! Denke nicht, daß wir die einzigen waren. Naja – sei es drum, manchmal wird man beschissen und spielt obendrein schlecht.

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