Leiser Jubel, lauter Sieg – das 4:3 des BVB in Lviv

Zwei Jahre nach dem bitteren Aus in Udine kehrte Borussia Dortmund gestern auf die europäische Bühne zurück. Dirk, BVB-Fan aus dem Sauerland mit Wohnsitz in Bochum, war erst gelassen, dann der Verzweiflung nahe – und durfte am Ende nicht einmal wie wild durchs Wohnzimmer springen.

Von Dirk (Dortmund)

Es gibt Spiele, bei denen einem schon Stunden vor dem Anpfiff schlecht vor Aufregung und Anspannung ist (siehe quasi jedes Spiel mit deutscher Beteiligung bei der WM 2010 in Südafrika) und es gibt Spiele wie gestern Abend. Mein BVB kehrt nach fast zwei Jahren Abstinenz zurück auf die europäische Bühne und wie geht’s mir? Ich sitze völlig entspannt mit einem frischen Bier aus der Sauerländer Heimat auf dem Sofa und freue mich einfach auf das Spiel. Von Anspannung keine Spur. Einzig der hundertprozentige Glaube, dass dieses Spiel nur mit drei Punkten für Schwarz-Gelb enden kann, ist da.

Kurz vor Spielbeginn verletzt sich Sebastian Kehl beim Warmmachen. Da Kehl bzw. „der Michael Ballack des BVB“ meiner Meinung nach sowieso weit über den Zenit hinaus ist, steigert sich meine Zuversicht eigentlich nur. Schließlich hat das Duo Sahin/Bender Sebastian Kehl schon in der vergangenen Saison größtenteils vergessen lassen.

Das Spiel im „Hexenkessel von Lviv“, wie ihn Kommentator Holger Pfandt nennt, beginnt und ich nehme meinen ersten Schluck aus der Bierflasche, an dem ich mich fast verschlucke, weil Roman Weidenfeller bereits in der zweiten Minute in höchster Not vor dem Brasilianer Batista retten muss. „Was ist hier denn los?“, frage ich mich. Natürlich war mir bewusst, dass Karpaty Lviv heimstark ist und immerhin Galatasaray kurz vor der Gruppenphase aus der Europa League geschossen hat. Aber deswegen muss das ja noch lange nicht dem BVB passieren. Das Publikum kocht und peitscht seine Elf in den Anfangsminuten nach vorne.

2:0 im Vorbeigehen

Glücklicherweise kommt der Warnschuss früh genug und die mit im Schnitt 23,5 Jahren jüngste BVB-Mannschaft der letzten fünf Jahre fängt sich. Als Götze Barrios mustergültig in Szene setzt, der argentinisch-paraguayanische Panther von Karpaten-Keeper Tlumak und Tubic gemeinschaftlich im Strafraum umgesenst wird und Sahin vom Punkt zur BVB-Führung trifft, nehme ich genüsslich meinen zweiten Schluck Bier. Dass der BVB das Spiel anschließend beherrscht und nach einer Traumkombination von Barrios und Götze auf 2:0 erhöht, nehme ich einfach hin. Zu deutlich war die Überlegenheit, als dass ich dieses Tor nicht erwartet hatte.

Einzig Lucas Barrios gefällt mir irgendwie noch nicht so richtig. Keine zwingende Torchance und die Bälle, die er auf dem Fuß hat, drischt er in die Karpaten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er nicht richtig ins Spiel findet. Bei meinen Überlegungen verdränge ich völlig, dass er den Elfmeter herausgeholt und das 2:0 aufgelegt hat.
Als Lviv eine Minute vor der Pause den Anschlusstreffer erzielt, geschenkt. Die Abwehr sah zwar aus wie in der F-Jugend, in der alle zum Ball rennen, aber dieses Gastgeschenk wird nichts am deutlichen BVB-Sieg ändern.

Nach dem Wechsel, das fanatische Publikum ist längst wieder auf Betriebstemperatur, hat Mats Hummels auch noch ein Geschenk mitgebracht. Von Neven Subotic angespielt, merkt er nicht, dass er im Rücken von Kopolovets angegriffen wird und der Batista-Ersatz lässt Weidenfeller, der auf der Strafraumkante steht, keine Abwehrmöglichkeit. Das Stadion kocht jetzt und der BVB droht auseinanderzubrechen. „Sie müssen jetzt erstmal wieder Ruhe reinbringen und die Zuschauer ruhiger kriegen.“, simse ich meinem Kumpel Michi.

“Ker, deine Dortmund haben aber ziemlich nachgelassen”

Kloppo reagiert derweil und bringt Kuba und Lewandowski für Kagawa und Großkreutz. Der BVB fängt sich wirklich wieder und trifft binnen 120 Sekunden durch Sahin und Barrios zweimal die Latte der Gastgeber. Während Sat.1 sich noch an der Wiederholung erfreut, rasten die Heimfans im Stadion völlig aus. Was ist passiert?! Nach einem langen Schlag von Torwart Tlumak kommt Hummels beim entscheidenden Kopfballduell nicht an den Ball. Das Leder springt durch die Nahtstelle der zu dem Moment mit drei Mann besetzten Viererkette. Kozhanov trifft zwölf Minuten vor dem Ende zum 3:2. „Ker, deine Dortmunder haben aber ziemlich nachgelassen“, simst mir Stephan, ein weiterer Freund.

Jetzt bin ich doch nervös. Es kann doch nicht sein, dass der BVB mit einer Niederlage gegen Lviv in die Europa League startet. Kloppo nimmt Bender raus und bringt mit Antonio da Silva einen offensiveren Mittelfeldspieler und Last-Minute-Neuzugang, der zuvor vereinslos war und sich beim BVB fit hielt. Noch einmal bündelt die junge BVB-Elf all ihre Kräfte und schafft tatsächlich noch nach feinem Zusammenspiel von Lewandowski und Barrios den Ausgleich. Ich raste aus, springe vor Freude auf dem Bett rum, renne jubelnd durch die Wohnung – aber nur in Gedanken. Denn neben mir liegt meine Freundin, die schon tief und fest schläft. Also behalte ich meine Freude für mich und simse Stephan stattdessen: „Jetzt machen sie auch noch das 4:3.“

Scheinbar hat Barrios Stephans Handy in der Hosentasche und lupft in der zweiten Minute der Nachspielzeit den Ball in den Lauf von Mario Götze. Und das BVB-Eigengewächs trifft cool und überlegt zum 4:3. Ich will schreien, jubeln, auf dem Bett rumspringen und wie geisteskrank durch die Wohnung rennen. Doch dann fällt mir gerade rechtzeitig wieder meine Freundin ein. Also genieße ich im Stillen. „Da schalte ich einmal um und verpasse alles“, simst Stephan. Ich lache ihn aus, natürlich ganz leise, und freue mich aufs Derby gegen Herne-Ost am Sonntag.

17. September 2010 von
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. bist du ich!?:) kommt mir bekannt vor!!

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