11 Freunde-Spezial – die 50er: Mention the war!

Mit den 50er-Jahren nimmt die 11 Freunde-Redaktion nach den 90ern, 80ern und 70ern das vierte Jahrzehnt unter die Lupe. Herberger, Uruguay und Trautmanns Halswirbel – nichts fehlt. Doch angesichts einer nicht immer rosigen Zeit regieren diesmal nicht die geliebte Selbstironie und das gewohnte Augenzwinkern – was der Qualität jedoch keinen Abbruch tut. Eine Rezension.

Die 50er-Jahre im Fußball ähneln der Lebenszeit bis zum Kindergarten: Bilder hat man nur wenige im Kopf, den Rest kennt man nur aus Erzählungen – und Schalke 04 wurde noch Deutscher Meister (was mit der Kindergartenzeit jetzt aber nichts zu tun hat). Die 11Freunde-Redaktion stand also vor einer ganz anderen Aufgabe als noch bei den Spezialheften zu den 90ern, 80ern und 70ern. Haufenweise Legenden – sowohl personeller als auch ereignistechnischer Natur – gab es in jenen Dekaden. Wer das neue Heft über die 50er durchblättert und -liest, dem fällt auf: Diesmal galt es, ganz im Gegenteil, mit ein paar Legenden aufzuräumen.

„Wir sind wieder Wer“ nach dem WM-Titel 1954? Denkste! „Der Sieg über Ungarn war der Sieg einer kleinen Elite“, sagt Dettmar Cramer im Interview. Fritz Walter ein Gründungsvater der Republik? Eher nicht. Früher war alles besser? Nö. Dennoch gelingt es 11 Freunde einmal mehr, das ganze Spektrum von unterhaltsam über rührend bis überraschend abzudecken. Wer das Cramer-Interview liest, hat unentwegt dessen Stimme aus der Volksbank-Werbung im Kopf und empfindet einfach nur Hochachtung für das große Werk des kleinen Mannes.

Verstärkung aus älteren Semestern

Doch wie stemmt eine Redaktion, deren Durchschnittsalter im Grunde nicht einmal ausreicht, um sich aktiv an die 70er zu erinnern, ein Heft, in dem es um eine Zeit geht, als Bundesliga und Zweiter Weltkrieg im Vergleich zu heute noch umgekehrte Rollen inne hatten? Die Liga war schließlich nicht mehr als eine Idee im Hinterkopf, der Weltkrieg dagegen allgegenwärtig. Das Rezept: Man holt sich zwangsläufig Verstärkung an Bord, in deren Köpfen die 50er als nicht ganz so schleierhaftes Jahrzehnt präsent sind. Berufsfußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling (Jahrgang 1956) widmet sich der Geschichte des Superclásico zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Soziologieprofessor Detlev Claussen (Jahrgang 1948) schreibt über den ungarischen Trainer Béla Guttmann. Und Ulrich von Berg (Jahrgang 1955) streift zusammen mit Philipp Köster auf den Spuren von Sammy Drechsels „Elf Freunde müsst ihr sein“ durch Berlin.

Dennoch wird man zwischendurch das Gefühl nicht los, dass die Fußballwelt vor mehr als 50 Jahren auch der angestammten Redaktion beileibe nicht so auf den Leib geschneidert ist wie die fußballkulturellen Streifzüge durch die Folgejahre, ab Gründung der Bundesliga. Wobei man dies fast als Stilmittel durchgehen lassen kann: Früher war alles anders, nicht besser und niemand kann sich so richtig vorstellen, dass Inder tatsächlich barfuß spielten, der FC Bayern eine kleine Nummer war und ein Sturm der Entrüstung durch Deutschland zog, weil die Schweden es bei der WM 1958 tatsächlich wagten, ihr Team lauthals zum Sieg zu schreien. Wenigstens eins hat sich bis heute nicht geändert: Die „Bild“ trug über 2000 Protestbriefe zusammen, was mit dazu beitrug, dass das deutsch-schwedische Beziehung in eine handfeste diplomatische Krise schlitterte.

Eine einwandfreie Nummer

Highlights im Heft: Sowohl das angesprochene Interview mit Dettmar Cramer als auch der Besuch bei Bert Trautmann in Spanien. Klar, viel Herberger, viel Halswirbel, aber auch die Gelegenheit für Trautmann sich offen zu fragen: „Ich habe 15 Jahre Fußball gespielt und alles, woran man sich erinnert, ist diese Verletzung?“ Außerdem besticht das lange Stück über die kuriose Weltmeisterschaft von 1950 und dem geneigten Fußball-Fan wird einmal mehr klar, dass Wikipedia im Vergleich zu solch ausführlichen und hintergründigen Texten nur eine kleine Scheiß-Enzyklopädie ist. Wer nach einer harten, kurzen Nacht morgens schon einmal in den Spiegel geguckt und sich plötzlich zehn Jahre älter gefühlt hat, dem sei die Bilderstrecke auf den Seiten 120 und 121 ans Herz gelegt – sechs junge Fußballer im Alter von 26 bis 30 Jahren, die in den 50ern so aussahen, als würden sie dieses Jahrzehnt nach dem 19. Jahrhundert bereits zum zweiten Mal erleben.

Insgesamt dominiert auf 130 Seiten eine Es-war-schon-eine-harte-Zeit-Stimmung, getreu dem Motto „Mention the war!“. Der 11 Freunde-Redaktion ist das jedoch keineswegs anzukreiden. Man erinnere sich an die Geschichtsbücher aus der Mittelstufe: Die sahen nett aus, man lernte einiges, aber es herrschte selten Friede, Freude, Eierkuchen. Es war nicht leicht in die 50ern, als die Welt sich erst einmal schütteln musste. Es war zeitweise jedoch nicht minder amüsant als in den Folgejahren. Und so ist das 11 Freunde-Spezial eine handwerklich und optisch einmal mehr einwandfreie Nummer. Was vielleicht den Abschluss des Heftes noch runder gemacht hätte: Eine Kolumne von Günter Hetzer, der Ende der 50er auf dem Schützenfest erstmals in Berührung mit Hochprozentigem kommt.

Danke an 11 Freunde, die mir das Heft auf Anfrage zugeschickt haben!

19. September 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: TV, Radio, Print & Internet | Schlagwörter: , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Elf Freunde müsst Ihr sein. Und ich hab das Heft immer noch nicht.

    Im Übrigen muss ich natürlich im Gedenken an Basil Fawlty darauf bestehen: Don’t! ;-)

  2. Das ist ja der Witz… also so eine Art Witz. Aber den hast Du doch verstanden, oder?;)

    Im Übrigen steht auf einer der ersten Seiten “Grau is’ alle Theorie – Entscheidend is’ auf’m Platz”. Und Dir haben sie gleich einen ganzen Artikel gewidmet, dem Heinzi.

  3. Herrlich,

    es geht nichts über Fawlty Towers …

    We did not start it – yes, you did. You invaded Poland.

    Da ich in einem Englisch-sprachigen Unternehmen arbeite, in dem ich mein Büro mit Briten teile, kann ich derartigen Quatsch täglich haben.

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