Stuttgart – Gladbach: Wind of Change

Was kommt eigentlich nach oder, besser gesagt, unter dem Boden der Tatsachen? Gladbach sendet demnach freundliche Grüße aus der Hölle. Das 0:7 beim VfB Stuttgart bedeutet die Einstellung der höchsten Bundesligapleite – genauso sah es aus, genauso hat es sich angefühlt.

Wenn ich mich hier jeden Spieltag ausweine und mein Seelenleben als Fan der Borussia preisgebe, ist das im Grunde ja eine sehr private, geradezu intime Sache. Doch das geht schon in Ordnung, schließlich gibt es unter den Gefühlen bei Fußballfans keine Unikate. Die Mehrheit leidet, freut und ärgert sich gleichzeitig. Und irgendeiner fühlt immer mit. Anders sieht es da aus mit Details aus dem Privatleben, die auf den ersten Blick scheinbar nichts mit dem Spiel zu tun haben. Wenn ich an dieser Stelle nun jedoch verrate, dass ich mich Freitagnacht – wie man so schön sagt – aufs Gesicht gelegt habe und derzeit arg ramponiert aussehe, könnte das im Nachhinein noch mehr als relevant sein, geradezu sinnbildlich.

In den vergangenen Jahren habe ich mir desöfteren bei fussballdaten.de einen Wolf geklickt, um herauszufinden, wann die Borussia zum letzten Mal dieses oder jenes vollbracht hat. Dass das diesmal nicht vonnöten ist, zeigt deutlich, in welchen Sphären sich der VfL am vergangenen Samstag bewegt hat. Jeder hat mitbekommen, dass man noch nie höher verloren hat in der Bundesliga. Wobei das mit den „Sphären“ den Kern der Sache nicht wirklich trifft: Sphären liegen schließlich über uns, womit die Borussia lediglich Grüße von Hades aus der Unterwelt bestellen kann – und auf der Postkarte von dort prangt mein Gesicht.

Ich habe nach dem 0:4 gegen Frankfurt für das Spiel in Stuttgart rein gar nichts erwartet, ging fest davon aus, dass Gladbach sich die übliche 1:2- oder 0:2-Niederlage abholen würde, um sich dann mit vergleichsweise wenig Brimborium auf die Partie gegen St. Pauli konzentrieren zu können. Selbst als Pogrebnyak bereits nach zwei Minuten traf, ahnte ich nichts Böses. Mir war lediglich klar: Das würde mal wieder nichts geben im Schwabenland. Zu den Hauptakteuren beim 0:1 gehörte Roel Brouwers, der nunmehr in jeder Partie irgendwie an einem Tor beteiligt war. Gefühlt galt das auch in der ganzen letzten Saison – nur war er da meist auf der Gegenseite aktiv. Das 0:2 ging schließlich mit auf die Kappe von Logan Bailly, der erst sorglos wie ein Safari-Tourist durch den Strafraum schlenderte, um dann am Horizont ein unzähmbares Tier namens Niedermeier zu erblicken und sich brav zurückzuziehen.

Der Angriff nur in der Abwehr präsent

Das Offensivspiel war derweil ebenso ein Fall für die Couch. Mo Idrissou nahm sich einen freien Tag, nachdem er in den ersten Partien ein Arbeitspensum für fünf Spieltage hingelegt hatte. Patrick Herrmanns Leistung war wohl nur mit Jugendschutzmaßnahmen zu erklären – dreimal in Folge darf ein 19-Jähriger nur spielen, wenn er sich dabei mindestens einmal eine Auszeit nimmt. Marco Reus wäre mit diesem Auftreten selbst bei seinem alten Klub in Ahlen zur Pause vom Platz genommen worden. Und Juan Arango musste nach 36 Minuten das Bauernopfer mimen, als Frontzeck ihn auswechselte. Sollte lustlose Körpersprache der Grund dafür gewesen sein, stellt sich die Frage, warum sich der Trainer im 38. Bundesligaspiel des Venezolaners plötzlich erstmals daran störte. So viel also zur Offensive, die ansonsten nur mitwirkte, wenn der VfB mal wieder nach einer Standardsituation traf (was fünfmal der Fall war, sagenhaft).

Michael Frontzeck hat seine Startelf bislang nicht einmal aus Leistungsgründen geändert. Karim Matmour hätte nach dem Nürnberg-Spiel vermutlich aber auch ohne Verletzung weichen müssen. Ansonsten fiel Thorben Marx gegen Frankfurt verletzt aus und kehrte gegen Stuttgart wieder zurück. Doch jetzt, nach vier Spieltagen, dürfte der „Wind of Change“ erstmal durch den Borussia-Park wehen. Dabei könnten die Maßnahmen durchaus gravierend ausfallen. Zur Diskussion stehen nicht weniger als der Torwart, der Kapitän und der achtfache Torschütze der vergangenen Saison in der Innenverteidigung.

Sturz mit Sinnbildcharakter

Roel Brouwers ist seit Saisonbeginn völlig von der Rolle. Sein Stellungsspiel gleicht jemandem, der beim Schach andauernd Malefiz-Regeln anwendet. Bezeichnend war es da, wie er bei Pogrebnyaks 1:0 seelenruhig den Arm hob, um Abseits zu signalisieren. Dabei vergaß Brouwers sowohl, dass er gar keine Fahne in der Hand hatte, als auch, dass Cacau in der Situation deutlich weiter weg vom Tor stand.

Filip Daems ist seit seiner Rückkehr nach langer Verletzungspause (und die feierte er zu Beginn der Rückrunde) unentwegt von der Rolle. In der Offensive ist er so präsent wie Lebkuchen im September: sie wollen nicht, müssen aber. Hinten stößt Daems bereits an seine Grenzen, wenn die technischen Fähigkeiten seines Gegenspielers durchschnittliches Bundesliganiveau überbieten. Leider mangelt es an ernsthaften Alternativen. Jaurès hat sich keinesweg empfohlen als Daems-Vertreter. Vielleicht ist nun schon die Stunde von Neuzugang Jens Wissing gekommen. Jedoch würde das Kapitän Daems vollends demontieren, wobei der Schritt aus sportlicher Sicht Sinn ergäbe.

Bleibt zum Schluss noch Logan Bailly. Die Klimaanlage, die ihm vergangenen Sommer trotz Schmuddelwetters auf den Fuß fiel, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Aus dem Teufelskerl der Rückrunde 08/09 ist ein Torwart geworden, der derzeit mehr Tore verschuldet, als seine Mannschaft schießen kann. Wer hätte gedacht, dass ich, dass überhaupt irgendjemand einmal nach Christofer Heimeroth verlangen würde. Als Bahnschranke habe ich ihn tituliert. Das war zwar nicht nett, aber wahr. Doch derzeit wäre mir nichts lieber als eine besonnene Bahnschranke. Wirklich fundiert wird diese Forderung, wenn ich nun noch verrate, wo genau ich mich Freitagnacht langgelegt habe – es war an einem beschrankten Bahnübergang.

20. September 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Gute Besserung! Körperlich wie… ach nee, wahrscheinlich sind Deine Borussia-Schmerzen auch schon körperlich.

    Sorry, ich hab leicht reden nach diesem Spiel.
    Und würde Deiner Einzelkritik eher nicht widersprechen.

  2. Gefällt mir gut, die Analyse, inhaltlich also auch stilistisch. Fällt halt leider sehr niederschmetternd aus. Nach den soliden Auftritten der letzten Saison traute ich Gladbach für die neue Runde eine noch bessere Leistung zu. Zumal das Team im Großen und Ganzen bestehen blieb (Gegenentwurf zu Schalke). Nun also ein desaströser Start. Bin gespannt, wie es sich weiter entwickelt. Und hoffe, dass die Verantwortlichen erst mal einen kühlen Kopf bewahren.

  3. Tja, hätte nach dem Aufwachen am Samstag auch nicht gedacht, dass die Schmerzen noch am selben Tag auf Platz zwei verdrängt würden. So habt Ihr jetzt ein Torverhältnis, das auf einen ganz ordentlichen Saisonstart schließen lässt.;)

  4. Den Nagel auf den Kopf getroffen. Bailly muss raus, Brouwers und Daems auch…ich konnte von Anfang an nicht verstehen warum Daems Kapitaen geblieben ist…weil seine Probleme schon letzte saison so gravierend waren. Kann man ueberhaupt seinen Kapitaen auswechselen ohne das der rest der Mannschaft irritiert wird? Ich glaube nicht. Anderson, Heimeroth und Wissing rein und abwarten…es wird sehr schwer werden wenn wir gegen St. Pauli nicht gewinnen. Danke fuer die Analyse – Stevie

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