Topteam ohne Gewähr

Die Bundesliga hat in dieser Saison schon einige Duos und Trios gesehen, die das Bild an der Spitze jeweils für ein paar Wochen geprägt haben. Aktuell ist ein weiteres Dreigestirn in aller Munde, das sich aus dem FC Bayern und zwei anderen Teams zusammensetzt, die mit Verlaub als die Überraschungsmannschaften der Hinrunde bezeichnet werden können.

Über Hoffenheim sind auf dieser Erdhalbkugel in den vergangenen Monaten genügend Worte verloren worden. Den Höhenflug der Hertha dagegen nimmt alle Welt mit einer ungläubig-gleichgültigen Sprachlosigkeit hin. Ungläubig, weil die Hauptstädter vor der Saison eigentlich als Geheimfavorit auf den Abstieg galten und ihr Punktekonto nicht gerade mit herzerfrischendem Fußball auf mittlerweile 30 Zähler geschraubt haben. Nicht jeder ließ im Vorhinein Äußerungen vom Stapel wie „die sind einfach mal reif“. Doch Seltenheitswert hatten diese Antipathiebekundungen beileibe auch nicht.

Warum der Erfolg dennoch mit einer gewissen Gleichgültigkeit wahrgenommen wird? Es ist vor allem die erwähnte Ungläubigkeit, die die mangelnde Aufmerksamkeit der Medien verursacht. Konstanz über 34 Spiele war in den letzten zehn Jahren nicht gerade eine typische Hertha-Tugend. Womit sich der Erfolg der Berliner relativ leicht einkreisen lässt. Erklärbarer wird er dadurch jedoch nicht.

Neun Siege hat der Hauptstadtklub in dieser Spielzeit bisher eingefahren. Davon gewann die Hertha gleich sieben Mal mit nur einem Tor Unterschied. Ein Indiz für Nervenstärke und Punktgenauigkeit? Oder doch eher für jede Menge Glück? Bei der Interpretation dieser Bilanz bewegt man sich augenscheinlich auf einem schmalen Grat. Berlin hat die drittbeste Defensive der Liga. Neun von neunzehn Gegentoren hat man in den Spielen gegen Bayern und Bremen gefangen. Vorne dagegen bedeuten 23 Tore nur Rang acht in der Liga. Die Tordifferenz ist ebenfalls die achtbeste der Liga. Unterm Strich steht jedoch der dritte Tabellenplatz zu Buche. Berechenbar ist in Berlin diese Saison rein gar nichts.

Vielleicht ist Marko Pantelic deshalb nicht ohne Grund der Hertha-Spieler, dem die größte Aufmerksamkeit auf und neben dem Platz zuteil wird. Einerseits polarisiert er mit seinem divenhaften Verhalten und seiner fragwürdigen Einstellung – wobei sich die Massen eher am Pol der Kritiker versammeln. Andererseits lässt er in regelmäßigen (aber dennoch zu großen) Abständen seine fußballerische Klasse aufblitzen. Sowohl gegen Lissabon als auch gegen Köln erzielte er wichtige Jokertore, nachdem ihn Trainer Favre zunächst auf der Bank hatte schmoren lassen. Ambivalenz ist Herthas zweiter Vorname.

Dabei dürfte Pantelic eigentlich sportlich am wenigsten im Mittelpunkt stehen. Denn die Hertha anno 2008 lebt gerade von anti-pantelic’esken Eigenschaften: von ihrer Homogenität gepaart mit fußballerischer Vielfalt, sonderbare Charaktere als Quelle des Zusammenhalts. Jaroslav Drobny zählt zu den besten Keepern der Liga. Dazu gesellt sich die starke Innenverteidigung mit Simunic und Friedrich, die wie gesagt erst 19 Gegentore zugelassen hat. Neuzugang Cicero überzeugt bislang vollends – obwohl er dem Kicker zufolge das ganze Kalenderjahr durchgespielt hat. Kacar dreht langsam aber sich auf, Maximilian Nicu hat sich als Neuzugang aus Wehen einen Stammplatz erkämpft. Dass die beiden Top-Torjäger, Cicero und Kacar, Mittelfeldspieler sind, spricht jedoch nicht unbedingt für die Offensivstärke der Berliner. Dabei verdient das Duo Pantelic-Voronin auf dem ominösen Papier zweifellos das Prädikat „internationale Klasse“. Doch noch werden Fußballspiele leider auf Rasen entschieden.

Ihre 30 Punkte kann der Hertha niemand mehr nehmen. Fraglich bleibt, wie viele die rätselhaften Himmelstürmer noch einheimsen werden. Denn einerseits ist der Überraschungseffekt ihr Geheimrezept. Andererseits könnte er dafür sorgen, dass die Herthaner selbst nicht mehr wissen werden, was sie so stark gemacht hat, falls demnächst wieder einmal tristere Wochen anbrechen sollten. Bis dahin bleiben sie ein Topteam ohne Gewähr.

03. Dezember 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, Innenrist | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Warum die Berliner bisher noch nicht gewürdigt wurden? Alle Gründe schreibst du in deinem Post.

    - Sie gewinnen nie spektakulär, also für die Medien uninteressant. Sie sind sowohl gegen einen schlechten wie auch gegen einen besseren Gegner immer nur ein kleines Stück besser oder glücklicher
    - Es gibt keinen Star. Den einzigen hat Favre offensichtlich bewusst rasiert.
    - Sie haben mit Cicero einen extrem wichtigen Spieler geholt, den man aber medial nicht fassen kann, ohne in taktische Untiefen (nicht leserrelevant!) zu verfallen.
    - Es ist schwer, das Erfolgsrezept zu beschreiben, weil es aus taktischer Disziplin (nicht leserrelevant!) resultiert.
    - Selbst wenn man das alles erkannt und verstanden hat, ist es immer noch schwer, die resultierende Botschaft publikumswirksam zu verpacken.
    - Es kann immer noch eine Menge Glück im Spiel sein und keiner will sich die Finger verbrennen und Hertha als die neue It-Mannschaft hypen

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