Die Liga der Anderen (V): Dortmunds junge Wilde

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Stuttgart, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Mit Dirk darf heute praktisch zum ersten Mal jemand ran, der momentan rundum zufrieden sein dürfte – und das nicht nur, weil sein BVB sich den Derbysieg geschnappt hat, den Lisa vergangene Woche schon sicher eingeplant hatte.

Von Dirk (Dortmund)

Die Presselandschaft schwärmt spätestens seit dem 3:1-Erfolg in der Veltins-Arena auf Schalke von „Klopps jungen Wilden“ oder „Dortmunds Super-Bubis“. Doch wer vor dieser Saison auf das Auftaktprogramm des BV Borussia 09 Dortmund geschaut hat, dem war gleich klar, dass es vom ersten Spieltag an um die Wurst gehen würde. Dass dabei auch Punkte liegen bleiben würden, war denkbar. Leverkusen, Stuttgart, Wolfsburg, Schalke – die ersten vier Spiele sofort gegen direkte Europa-League-Platz-Konkurrenten. Daher wird es sicher nicht wenige im BVB-Fanlager gegeben haben, die mit einem durchschnittlichen Start hätten leben können. Und ich muss zugeben, dass mir nach dem 0:2 gegen Leverkusen Böses schwante.

Doch nach fünf Spieltagen sieht die Geschichte jetzt ganz anders aus. 3:1 in Stuttgart, 2:0 gegen Wolfsburg, 3:1 auf Schalke, 5:0 gegen Kaiserslautern: Platz zwei mit zwölf Punkten und 15:4 Tore sprechen eine deutliche Sprache. Dazwischen noch das spektakuläre 4:3 in der Europa-League bei Karpaty Lviv. Dortmund hat einen Traumstart erwischt.

Aber wie kommt es, dass die Klopp-Elf so gut aus den Startlöchern gekommen ist, während Teams wie Bremen, Stuttgart oder Herne-West der Musik hinterherlaufen? Ein guter Grund dafür ist wohl die Vorbereitung. Während die oben genannten Teams große Teile ihres Kaders aufgrund der WM oder eines verspätetet eingetretenen Einkaufswahns erst kurz vor Bundesligabeginn zusammen hatten, konnte der BVB vom Trainingsauftakt an (fast) aus dem Vollen schöpfen. Von der sich derzeit abzeichnenden Startelf durfte lediglich Lucas Barrios seinen Urlaub wegen seiner WM-Teilnahme für Paraguay verlängern. Neven Subotic, zweiter BVB-WM-Fahrer stieg dank des frühen Ausscheidens seiner Serben nur mit wenigen Tagen Verspätung ins Training ein. Shinji Kagawa verzichtete gar freiwillig auf Teile seines Urlaubs. Und deutsche Spieler aus Dortmund gab es in einem WM- oder EM-Kader zuletzt 2006 bei der Heim-WM. Eigentlich kann man also Jogi Löw ein wenig dankbar sein, dass er den Topleistungen der BVB-Bubis so strikt keinerlei Beachtung schenkt.

Jüngste Mannschaft seit fünf Jahren

Womit wir beim zweiten Dortmunder Erfolgsgeheimnis wären: Die junge Mannschaft. Mit Neven Subotic (21), Mats Hummels (21), Marcel Schmelzer (22), Nuri Sahin (22), Sven Bender (21), Mario Götze (18), Shinji Kagawa (21) und Kevin Großkreutz (22) standen beim Derby acht von elf Spielern in der Anfangsformation, die Jahrgang 1988 und jünger waren. Dies ergab einen Altersschnitt von 23,5 Jahren, was die jüngste BVB-Mannschaft der letzten fünf Jahre bedeutete.

Der Eine oder Andere wird sich jetzt fragen: „Wieso ist eine junge Mannschaft denn ein Erfolgsgeheminis?“ Die Antwort ist ganz einfach: Die jungen Wilden sind heiß. Sie zerreißen sich auf dem Platz, wollen den Erfolg mit aller Macht. Sie haben in der vergangenen Saison den Einzug in die Europa-League geschafft und ernten jetzt die Früchte ihrer harten Arbeit. Gleichzeitig wissen sie aber genau, dass sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen dürfen, sondern den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung machen müssen, wenn sie sich auf Dauer erfolgreich auf der europäischen Bühne präsentieren wollen. Jürgen Klopp wird dieser Tage nicht müde zu betonen, dass seine Spieler genau wüssten die aktuellen Geschehnisse richtig einzuordnen und blockt auch immer wieder Stimmen über zu hohe Belastung ab. „Jeder Fußballer will ins internationale Geschäft. Bei uns wird kein Akteur über die Belastung lamentieren.“

Nuri Sahin bestätigte die Aussagen des Trainers nach der 5:0-Gala gegen Kaiserslautern: „Wir sind noch nicht am Limit und haben großen Bock zu spielen.“ Wenn Jürgen Klopp derzeit also ein Problem hat, dann ist es jenes, die steigende Erwartungshaltung und die Euphorie etwas zu dämpfen. Denn man sollte es nicht übertreiben. Steve McClaren erklärte den BVB nach der 0:2-Pleite seiner Wolfsburger in Dortmund zwar zu einem „Klub, der den Titel holen kann“, doch so weit ist die junge Mannschaft bei allem Respekt (noch) nicht.

Was, wenn es mal nicht mehr so läuft?

Auch die Spieler sehen die aktuelle Lage realistisch: „Durch diese Siege werden wir sicher nicht arrogant”, meinte zum Beispiel Neven Subotic nach dem 5:0-Sieg gegen Kaiserslautern und Marcel Schmelzer fügte glaubhaft an: „Wir passen gegenseitig auf uns auf, dass wir nicht abheben.“

Richtig interessant wird es jedoch, wenn der BVB dann doch mal ein paar Spiele nicht so erfolgreich gestalten kann. Wenn der ein oder andere Spieler in ein, für junge Spieler durchaus üblichea und verzeihliches, Leistungstief fällt. Kann die Mannschaft dann den berühmten Schalter umlegen und nach einem schwächeren Spiel „dreckige Dusel-Punkte“ à la Bayern München holen?

Ich bin mir sicher, dass die Elf bis zum Ende um die europäischen Plätze mitspielen wird und mit ein wenig Glück gar einen Champions-League-Platz erobern kann. Für die Schale wird es noch nicht reichen. Aber diese wird der BVB, wenn er an seiner Philosophie festhält, mit Sicherheit auch bald zurück nach Dortmund holen.

24. September 2010 von
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Sachliche Einschätzung des Saisonstarts des BvB.
    Für die Mitgucker am Mittwoch in der Sky Bar stand allerdings schon nach dem Spiel gegen Lautern fest, dass die falsche Borussia nun um die Meisterschaft mitspielt.
    Ich hoffe, dass ich das niemals erleben muss!

  2. Naja, in den vergangenen 15 Jahren haben wir es ja schon dreimal erlebt, dass es sogar funktioniert hat. Da gibt es genug Mannschaften, bei denen es schlimmer wäre.

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