Schalke – Gladbach: Das Ampelorakel

Gladbach hat sich mit einem 2:2 auf Schalke wieder einem Stück der Normalität genähert. Wobei: Von Normalität kann man nach dem ersten zweiten Punktgewinn in der Veltins-Arena kaum sprechen. Dafür jedoch von der Rückkehr eines echten Orakels und einem packenden Fußballspiel.

Der Weg ins königsblaue Gelsenkirchen beginnt grün. Ich rolle auf eine Ampel zu, oder besser gesagt: auf die Ampel. Im Aufstiegsjahr war das gute Stück an der B7 in Richtung Autobahn 44 nämlich ein wahres Orakel. Zeigte die Ampel grün, standen die Zeichen auf Sieg, bei rotem Licht hätte man so sofort umdrehen und den Samstagnachmittag anderweitig verplanen können. Jetzt also grün, noch knapp 100 Meter bis zur Kreuzung. Dann plötzlich – mal außen vor gelassen, dass Ampeln einen Farbwechsel selten ankündigen – springt sie um auf gelb. Mein rechter Fuß nähert sich fix dem Erdmittelpunkt und gerade so husche ich um die Ecke. Dass ich um hab zwölf am Samstag damit die Wiedergeburt des Ampelorakels erlebt habe, weiß ich da natürlich noch nicht.

Rund zwei Stunden später kommen wir in Gelsenkirchen an. Wir, das sind diesmal mein Bruder, Nils und seine Freundin Eva. Neue Kombination, neues Glück – ein Punkt dürfte dennoch sicher sein, denn den hat mein Bruder bislang immer geholt, wenn er ohne seine Eltern „nach auswärts“ fahren durfte. Seinen Optimismus teilt Samstagmittag jedoch kaum jemand. Einen Punkt hat die Borussia bis dahin in Deutschlands größter Turnhalle geholt. Und es fahren tatsächlich Jugendliche in Deutschland Auto und kaufen legal Schnaps, die noch nie einen Sieg bei S04 erlebt haben. Nun könnten diese Vorzeichen Nils, meinen Bruder und mich, die Serienbrecher vom Niederrhein, vergleichsweise kalt lassen. Doch drei Niederlagen in Folge, zuletzt gegen St. Pauli zur Abwechslung sogar nach einer 1:0-Führung, steckt man nicht so einfach weg.

Das große (Verkehrs-)Sündigen

Die Prozedur auf dem Weg zur Veltins-Arena ist mittlerweile so traditionell wie „Dinner for one“ zu Silvester. Während sich die Borussenfans in einer Dönerbude hinter dem Bahnhof, Marke „Fresstempel mit Rundumversorgung“, noch in Scharen mit türkischen Spezialitäten versorgen, bleibt eine kleine Bude gegenüber fast unbemerkt. Auf der Fensterbank liegt die Hürriyet vom Morgen, dazu ein Kik-Prospekt auf Türkisch. Und der Döner ist so gut, dass man diesen Tag selbst als einen guten im Lebenslauf verbuchen könnte, wenn ab 15:30 Uhr ein 0:5 folgen sollte.

Einmal „Komplett, nicht scharf, mit Zaziki“ später geht es in die Busse. Stünde das Ampelorakel in Gelsenkirchen, würde die anschließende Fahrt nichts Gutes verheißen. In polizeilicher Begleitung geht es über eine rote Ampel nach der anderen. Die ganze Stadt steht an den Kreuzungen Spalier. Würde Gelsenkirchen für jedes Vergehen von jedem Businsassen das fällige Bußgeld von 125 Euro kassieren (länger als eine Sekunde rot, keine Gefährdung), hätte die chronisch klamme Stadt Gelsenkirchen im Nu keine Finanzprobleme mehr und jeder Verkehrssünder mehr Punkte in Flensburg als Schalke vor der Partie gegen Gladbach in der Tabelle.

Für 30 Euro hat es uns diesmal auf Sitzplätze nahe der Schneefallgrenze verschlagen. Block 59, vorletzte Reihe – das liegt so hoch, dass der Videowürfel nur oberhalb der wuchtigen Dachstreben zu sehen ist. Als die Mannschaft zum Warmmachen kommt, erhält sie einen ebenso warmen Applaus. Nachtragend scheint kaum jemand zu sein. Und so krisenverdächtig die Spiele gegen Frankfurt, Stuttgart und St. Pauli gewesen sind, so wenig ist bislang nachhaltig kaputt gegangen.

Trommelfelle aus Teflon

Schon im Frühjahr hatte ich verwirrt und irgendwie auch verärgert zur Kenntnis genommen, dass die Sitzplätze im Gästeblock auf Schalke bunt gemischt sind mit Fans beider Mannschaften. Schuld daran könnten drei Dinge sein. Erstens: Es gibt im Oberrang gar keine strikte Trennung. Zweitens: Viele Gladbacher begehen ansatzweise Verrat am eigenen Verein und besorgen einem königsblauen Kumpel eine Karte. Oder aber drittens: Schalker sind vor lauter Verzweiflung Mitglied von diversen Bundesligavereinen geworden, um über das Vorverkaufsrecht an Karten zu kommen. Ein Hauch von allem dürfte stimmen.

Während ich mich vor dem Spiel provisorisch über Schiri Gagelmann aufrege, ist Nils die musikalische Beschallung in der Arena ein Dorn im Auge, oder vielmehr im Ohr. „WDR 4“, lautet sein Urteil, das ein vernichtendes sein soll. Und tatsächlich ist es irgendwie WDR 2,8: Bei Kiss, Steigerlied, „Zeig’ mir den Platz in der Kurve“, „Blau und weiß, wie lieb’ ich Dich“ und „Eye of the Tiger“ muss man schon ein Trommelfell aus Teflon haben. Sein Übriges tut der Stadionsprecher, der aus Anderson einen Ändersen macht, Bailly wie einen Crèmelikor klingen lässt, aber wenigstens so nett ist, uns als „Fans der einzig wahren Borussia zu begrüßen“.

Von Rotation hält Michael Frontzeck auch diesmal wenig. Bobadilla spielt für den gesperrten Idrissou, ansonsten bleibt alles beim Alten. Dass dies nur bedingt für die Anfangsphase des VfL gilt, stimmt in den ersten Minuten gleich einen Tick optimistischer. Beide Mannschaften versuchen so langsam in das Spiel reinzukommen wie ein Rentner morgens in seine Stoffhose. Einmal bricht Daems auf links durch und in der Mitte klärt ein Schalker zur Ecke. Mehr Grund zur Aufregung gibt es nicht, höchstens über einen circa achtjährigen Borussen, der von hinten permanent gegen meinen Sitz tritt. „Ich mach’ doch gar nix“, entgegnet er mir auf meine Bitte, die beim Stand von 0:3 in der 73. Minute sicher weniger freundlich ausgefallen wäre. Im Grunde hat er damit Recht – wenn man annimmt, dass man mit den Knien nicht treten kann.

Der Kuss des Laurent Blanc

Nach einer Viertelstunde lenkt Bobadilla die Aufmerksamkeit endgültig ohne Einschränkung auf das Spielgeschehen. Erneut geht es über links. Mit einer Drehung ist der Argentiniener vorbei an seinem Gegenspieler. Im Strafraum rauscht Höwedes heran und rempelt Bobadilla um. Die Rechts-vor-links-Regel mag auf seiner Seite gewesen sein, nicht jedoch Schiedsrichter Gagelmann und DFB-Regel 14. Den fälligen Elfer verwandelt Filip Daems schlafwandlerisch, die Borussia führt plötzlich mit 1:0 auf Schalke. Erneut ist das Ziel einer jeden Auswährtsfahrt anno 2010 erreicht, auswärts wenigstens vorübergehend in Führung zu gehen. Und schnell dämmert es mir, warum mein Bruder im März in Dortmund so schlecht gelaunt war, nach der BVB beim 3:0 kein Erbarmen gezeigt hatte: Er ist einfach verwöhnt. Nach Cottbus, Hoffenheim, Leverkusen, Frankfurt.

Wie schon in Leverkusen finde ich mich damit ab, dass die Freude nicht lange anhalten wird. Damals dauerte es zunächst drei Minuten, bis der Ausgleich fiel. Doch diesmal sind sage und schreibe fast zehn Minuten um, als Reus kurz davor ist, das Wohlbefinden überzustrapazieren. Nach einer Kombination aus dem Lehrbuch „Wie kaschiere ich möglichst geschickt, dass ich zuletzt 16 Tore in vier Spielen kassiert habe?“ taucht der 21-Jährige mutterseelenallein vor Manuel Neuer auf. Der Nationalkeeper verhindert im Stile eines Nationalkeepers das 2:0 – woran Marco Reus jedoch nicht ganz unbeteiligt war, weil er Patrick Herrmann übersah, der sogar mutter- und vaterseelenallein stand.

Erst nach 25 Minuten taut Schalke allmählich auf. Nach vorne geht es dennoch weiterhin eher kühl und überlegt. Die größte Gefahr bringt mal wieder eine Eckballorgie, wobei man sich nicht so sicher ist, ob daran nun die Schalker Stärke oder aber die Gladbach Schwäche bei Standards Schuld sein soll. Weil beide sich nicht in ihrer Hülle und Fülle entfalten dürfen, bleibt es zunächst bei brenzligen Situation, die Führung dagegen hat auch nach 43 Minuten noch Bestand. Kurz vor der Pause schwingen sich Daems und Arango zum magischen Zweieck auf. Nutznießer einer starken Kombination ist Reus, der im Rückraum Bradley sieht. Mit dem schwächeren Linken setzt der den Ball unhaltbar für Neuer in die lange Ecke. „Ja kann das denn wahr sein?“, schießt es mir durch den Kopf, als ich vor Freude im Laurent-Blanc-Stil den Kopf meines Bruders küsse (in der Rolle des Fabian Barthez).

Levels im hundertjährigen Schlaf

Zur Sicherheit versende ich in der Halbzeit ein paar Grüße an einen königsblauen Freund, jedoch nicht ohne den Hinweis: „Wer weiß, wie lange das hält.“ Das Wort „Pappenheimer“ kommt auch in der SMS vor. Derweil outen sich meine Sitznachbarn zur Linken als Holländer und Schalke-Fans. An beidem könnte man etwas ändern, in der Pause ziehen sie jedoch ein Gesicht, als wollten sie momentan lieber ihre Staatsbürgerschaft als ihren Verein behalten.

Wenn die Borussia schon partout nicht den Schalker Ausgleich zulassen wollte, lässt sie sich wenigstens mit dem Anschlusstreffer kaum Zeit. In der 52. Minute muss es Huntelaar am Ende immerhin noch selbst erledigen. Levels pennt hinten rechts nach einem eigentlich geklärten Eckball einen hundertjährigen Schlaf und Metzelder sichert sich seinen ersten Scorerpunkt für S04. Und so kommt es, dass Gladbach die Ehre hat, 38 Minuten lang eine 2:1-Führung zu verteidigen.

Obwohl die Real-Madrid-Allstars in ihren königsblauen Trikots Großchancen im Minutentakt herausspielen, verhält sich der Ausgleich wie ein Debütant beim Fallschirmspringen: liegt in der Luft, will aber nicht fallen, wird es zwangsläufig dennoch tun. Auf der Gegenseite ist Entlastung über weite Strecken ein Fremdwort. Die Devise „Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor schießen“ mag nach drei Ladungen Phrasenschwein klingen, wahr ist sie dennoch. Ganz nah dran an einem Hauch von Entscheidung ist die Borussia in der 64. Minute. Der Schuss von Marco Reus landet mit so viel Wucht an der Latte, dass er mit dieser Geschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften auf lange Zeit den Führerschein verloren hätte. Erst hatten wir hinten Glück, dann kam vorne auch noch Pech dazu.

Arango mit der Fast-Entscheidung

Spätestens in der Schlussviertelstunde befinden sich meine Augen in der R.E.M.-Phase und pendeln unentwegt zwischen Uhr und Spielfeld. Schachten ist für Herrmann gekommen, den Frontzeck gerade so noch vor Gelb-Rot bewahrt hat. Was Roel Brouwers sich in der 78. leistet, hatte der Trainer wohl aber nicht auf dem Schirm. Wie auch? Vermutlich weiß Brouwers selbst nicht, was er sich bei seiner Kung-Fu-Attacke gegen Huntelaar gedacht hat. Nach dem zweiten Platzverweis binnen zwei Spielen müssen zehn Mann auf einmal die Arbeit leisten, für die vorher schon 13 vonnöten gewesen waren, um den Bedarf zu decken. In der Defensive herrscht unentwegt Vollbeschäftigung. Lediglich Arango dämpft beinahe die Schalker Konjunkturprognose, als er zum 3:1 einköpft. Mit dem Entscheidungsschrei auf den Lippen wandert beim Blick zum Linienrichter, der das Auswärtssiegfieber – leider zurecht – im Keim erstickt.

85:15 ist die letzte Zahl, die ich bewusst auf der Anzeigetafel wahrnehme, bevor eine 35-minütige Schlacht in einer Zwangskapitulation endet. Ausgerechnet Raúl, ja ja, ausgerechnet, ich weiß, wähnt sich drei Minuten vor dem Ende in den besten Zeiten seiner Karriere und trifft zum 2:2. Traurig und wohltuend zugleich: Kein Borusse konnte wirklich etwas dagegen ausrichten, kein individueller Fehler, nur die Klasse eines Klassestürmers, den man schon a.D. wähnte. Die Holländer neben mir haben ihren Verein trotzdem noch nicht wieder lieb.

Obwohl es am Ende nicht gereicht hat, sieht das mit meiner, unserer und eurer Borussia schon wieder etwas anders aus. Die Mannschaft hat gekämpft, das kann ihr niemand absprechen. Sie hat phasenweise fußballerisch gezeigt, was sie drauf hat. Logan Bailly hat blendend gehalten, trotzdem wieder mit nur einem einzigen Fehlgriff beim Herauslaufen die Lebenserwartung aller VfL-Fans gesenkt. Am Ende hat sich die Borussia um den Lohn gebracht, den sich stattdessen Schalke schnappte. Aber wie wäre das auch, wenn es dauernd gelingen würde, auswärts eine Zwei-Tore-Führung über die Runden zu bringen? Letztendlich war der Schalker Druck zu groß und irgendwie muss man auch dankbar dafür sein, dem erst zweiten Punktgewinn in der Veltins-Arena beiwohnen zu dürfen. Siege in Leverkusen, Siege auf Schalke, innerhalb weniger Wochen – das würde mir ja keiner mehr abnehmen, fehlte nur noch München.

Sieg im Sangesduell

Einen deutlichen Punkt-, wenn nicht sogar K.o.-Sieg erringt die Borussia dafür am Gelsenkirchener Hauptbahnhof. Dass die Scharmützel rein verbal ausgetragen werden, ist ein gutes Zeichen, für den Fußball, für die Sicherheit, für den Weltfrieden. Wobei die Bahngleise, die Gladbacher und Schalker bei ihrem Sangesduell trennen so deeskalierend wirken, dass man beim DFB beantragen möchte, zwischen Heim- und Gästeblöcken künftig Schienen zu verlegen, anstatt Zäune hochzuziehen. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“, „Wer schon mal Meister war, der klatsche in die Hand“, „Scheiße 04“ – außer einer Schar von Mittelfingern fällt den Schalkern, die auf die S2 warten, keine nennenswerte Reaktion ein. Klar, mag nun ein Einwand kommen, die S2 fährt ja auch nach Dortmund.

Erst als ich auf dem Nachhauseweg vom Gladbacher Hauptbahnhof von der Autobahn biege und wieder auf das Ampelorakel zufahre, fällt mir ein, dass ich einen viel ruhigeren Nachmittag hätte verbringen können. Gelb, natürlich, das stand für ein Unentschieden. Und immerhin hat die Borussia nun mehr Punkte als jemand, der bei Rot über die Ampel fährt. Mühsam ernährt sich das Fohlen.

26. September 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Die S2 fährt auch nach Duisburg und ist in der Regel lustig bevölkert. Wie das Samstag war kann ich allerdings nicht sagen, weil ich mit Sohn und deshalb im Auto unterwegs war. Bezüglich der gesungenen Aussagen hier die Fakten in so kurz wie möglich: Gladbach 5, Schalke 7.

    Schöner Text. Den Standort der empfehlenswerten Döner-Bude hätte ich gerne nochmal näher erläutert.

  2. Jawoll……….da isse wieder – die Ampel. Klasse Bericht, habe am Fernseher mitgefiebert und den Ausgleich ( und jaa, das 3:2 ) auch schon geahnt. Zum Glück zumindest einen Punkt geholt – aber jünger machen solche Spiele wirklich nicht.

    weiter so !

  3. mann mann mann, im sinne der Verstärkung von positiven Erlebnissen war das wohl das einzige Ergebniss das beiden Mannschaften hoffentlich hilft.
    Ich für meinen Teil habe ganz leichte Vorteile bei den Königsblauen gesehen, aber ich habe ja auch einen Mitgliedsausweis in der Farbe Blau in der Tasche. ;-)

    Gruß der königsblaue Nachbar.
    Ulrich

  4. Der gute Jannik fährt in einer Saison zu mehr Auswärtsspielen als Juhnke Promille im Blut hatte.

    Da kann man neidisch werden – Vollezit-Student müsste man sein :-)

  5. So, nach der Rückkehr vom Oktoberfest habe ich jetzt endlich mal Zeit zu antworten.

    @Herr Wieland: Hinterseite des Bahnhofs raus, linke Seite, erste Bude – ziemlich klein und leicht zu übersehen.

    @Borussenbomber: Morgen bin ich leider nicht dabei, aber vielleicht bekommt der Rest der Familie das mit der Ampel ja hin.

    @Ulrich: Vorteile hatte ihr – besonders in Hälfte zwei – mit Sicherheit. Vielleicht sind eure Real-Madrid-Allstars ja bald mal eingespielt.

    @Daniel: Ganz so luxuriös ist das nun auch nicht – morgen beispielsweise darf ich während des Spiels im Seminar hocken.

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