Die Liga der Anderen (VI): Die Aufsteigbaren

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Stuttgart, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Heute wird es zweitklassig – was die Liga angeht. Denn Max musste wieder einmal mitansehen, wie sein VfL Bochum im Mai abstieg. Der Start verlief nun äußerst holprig, doch langsam scheint sich der VfL zu fangen.

Von Max (Bochum)

“Einen Verein suchst du dir nicht aus, er wird dir gegeben” – wo Nick Hornby Recht hat, hat er Recht. Ich habe es trotzdem versucht. Als mein Vater mich im Alter von sieben Jahren vor die Wahl zwischen Dortmund und Bochum (wir wohnten genau dazwischen) stellte, entschied ich mich für die schwarz-gelbe Variante. Mit diesem Irrtum musste ich weitere sieben Jahre leben. Erst in der Saison 2001/2002 wurde mir der VfL gegeben. Und zwar wie die Faust ins Gesicht. Es war ein grandioses 0:0 im Zweitligaspiel gegen Arminia Bielefeld. Was ich da an fußballerischer Qualität im damaligen Ruhrstadtion gesehen habe, kann es nicht gewesen sein, aber ich hatte mich verliebt. Die Borussia aus Dortmund versuchte mich zwar noch zurückzugewinnen, indem sie die Meisterschaft gewann. Aber zu dem Zeitpunkt war mir schon klar, dass Fansein nichts mit erfolgreichem oder schönem Fußball zu tun hat – ich war Fan des VfL Bochum.

Den VfL zu lieben, heißt zu leiden

In der Rückrunde der vergangenen Saison gab es für VfL-Fans nur zwei Siege zu feiern. Die Mannschaft spielte mutlos, lustlos und mit einer Abwehr, die bei eigenem Ballbesitz eine größere Gefahr für das eigene Tor darstellte, als jeder gegnerische Stürmer. Wenn Mavraj, Maltritz und Co. mal wieder mit unnötigen Querpässen und unbeholfenen Dribblings versuchten, ein Gegentor vorzubereiten, war man über jeden noch so unpräzisen Befreiungsschlag glücklich. Dass daraus allerdings kein konstruktives Offensivspiel entstehen konnte, leuchtet wohl jedem ein.

Gründe für die miesen Leistungen des VfL wurden schnell gefunden. Nachdem Marcel Koller zur Zufriedenheit aller Bochumer von Heiko Herrlich beerbt wurde, war die Euphorie groß. Doch wir mussten schnell einsehen, dass die Mannschaft immer noch beschissen spielte. Auch diesmal lag es am Trainer. Heiko Herrlich litt nämlich an akutem Größenwahn. Anstatt das eigene Spiel oder das des Gegners per Video zu analysieren, soll Herrlich Interviews von van Gaal gezeigt haben. Daraufhin habe er der Mannschaft erklärt, dass sie Glück hätten, weil er ja genauso cool wie Louis sei. Mit so einem Trainer hat man im Abstiegskampf einfach keine Chance.

Die Trainer waren in Bochum allerdings nicht das einzige Problem. Wir sind eine der wenigen Bundesligamannschaften, die in ihren Verhältnissen wirtschaften. So wird in Bochum nicht Geld investiert, was man gar nicht hat, und auf die Teilnahme in der Champions-League spekuliert. Ich befürworte diese Linie des Management, allerdings entsteht daraus ein Problem, das in Bochum schon seit Jahren bekannt ist: Wir verlieren unsere Leistungsträger. Wir mussten Spieler wie Misimovic, Gekas oder auch Drobny an finanziell besser gestellte Vereine abgeben. Und selbst Spieler wie Freier oder Hashemian, die nach Gastspielen auf den Ersatzbänken von Bayer und Bayern wieder an die Castroper Straße zurückkehrten, konnten nicht an alte Leistungen anknüpfen. Bleibt zu hoffen, dass die Talentscouts vom VfL dieses Jahr wieder mal ein, zwei neue Leistungsträger ausgegraben haben.

Der Wiederaufstieg

Fast zehn Jahre nach meinem ersten Stadionbesuch, stand ich vergangenen Mittwoch mal wieder in der Bochumer Ostkurve, wieder hieß der Gegner Arminia Bielefeld und wieder trafen wir uns in der 2. Bundesliga. Diesmal gab es wenigstens Tore und Bochum hat mit dem 3:1 ein wenig Wiedergutmachung betrieben. Es war nicht das Spiel, was man von einem Verein mit Aufstiegsambitionen erwartet. Die Abwehr machte auch ohne den Unsicherheitsfaktor Marcel Maltritz wieder keinen unbezwingbaren Eindruck. Aber in der Offensive haben wir wieder einen Stürmer, der diesen Namen auch verdient: Chong Tese. Er ist kopfballstark, gewinnt Zweikämpfe und trifft das Tor. Zudem ist er auch noch der lebende Beweis dafür, dass die nordkoreanische Fußballnationalmannschaft nach ihrem Abschneiden bei der WM doch nicht kollektiv in irgendwelche Arbeitslager gesteckt wurde.

Diesen Montag machte Tese aus einem verpatzten einen durchwachsenen Saisonstart. Mit seinem vierten Tor für den VfL besorgte er den wichtigen 1:0-Auswärtssieg in Düsseldorf und hat damit auch die Hälfte aller Bochumer Tore erzielt. Der VfL hat jetzt von den ersten sechs Ligaspiele drei gewonnen und drei verloren, steht im Mittelfeld der Liga und hat in meinen Augen beste Aufstiegschancen. Das liegt nicht nur an dem Ausnahmestürmer Tese, sondern auch an unserem Trainer. Er ist nicht irgendein schweizer Langweiler oder ein selbstherrlicher Ex-Profi, sondern der José Mourinho der zweiten Liga. Als Spieler und als Trainer hat Friedhelm Funkel mit sieben Aufstiegen in die erste Liga sogar einen mehr als die “Fahrstuhlmannschaft” vom VfL. Wenn uns jemand zurück in die erste Liga bringen kann, dann ist es Funkel.

Einen Grund für den direkten Wiederaufstieg des VfL hab ich noch: die Statistik. Denn Bochum hat in seiner gesamten Vereinshistorie nie länger als eine Saison für den Wiederaufstieg gebraucht.

01. Oktober 2010 von
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