Gladbach – Wolfburg: Saisonauftakt

Gladbach schlägt sich nach der Drei-Spiele-Krise weiterhin wacker in der Reha. Auf das 2:2 gegen Schalke folgte ein 1:1 gegen Wolfsburg, bei dem der VfL erstmals die richtige Mischung aus Hurra und Sicherheit fand – weiter so.

Schnell die drei Schnallen geöffnet, das Stativ höher gestellt, Blende auf, Bild scharf und auf den roten Knopf gedrückt – schon ist der vorbeifahrende Kinderwagen im Dortmunder Kreuzviertel eingefangen. Dann vibriert es in der rechten Hosentasche. 16:55 Uhr. Thorben Marx hat den Ausgleich erzielt – und ich erinnere mich daran, dass es nicht verkehrt wäre, im Borussia-Park zu sitzen.

Am siebten Spieltag hat es mich also zum ersten Mal erwischt. Nach fünf Stadionbesuchen, einem 0:7 vor dem Fernseher nun, gegen Wolfsburg, eben ein Tag an der Uni. Immerhin bekomme ich diesmal keinen Stoff eingebläut, den man – wie vergangenes Jahr zum Derby gegen Köln – auch auf ein paar Handouts hätte packen können. Mit zwei Kollegen und Dozent geht es mit der Kamera durch Dortmund. Und da das tatsächlich mehr Arbeit ist, als es im Fernsehen immer den Anschein hat, bleibt mir gerade einmal Zeit, in regelmäßigen Abständen aufs Handydisplay zu gucken.

Die Borussia hat so gut angefangen wie sie das ganze Spiel über auftreten sollte – entschlossen, offensiv, hinten sicher. Man könnte sagen: So wie es seit dem 6:3 in Leverkusen nur selten der Fall war. Nicht umsonst wird das Sportstudio kurz vor Mitternacht von der „mit Abstand besten Saisonleistung“ sprechen. Was rund 40 000 im Borussia-Park gesehen haben, muss der gewünschten Mischung aus Hurra und Sicherheit bislang am nächsten gekommen sein.

Dass der VfL mit einem einzigen Manko aus dem Spiel geht, das er leider nicht gewonnen hat, ist dabei sogar annähernd zu verschmerzen. Er hat überzeugt und ist dabei auch noch beschissen worden. Die Argumente, Diegos Fallrückzieher gegen Levels durchgehen zu lassen (und es ist ja schon bezeichnend, Fallrückzieher auf einen Gegner und nicht auf den Ball zu beziehen), würden wohl auf einen Fingernagel passen. Die Argumente für ein Foul könnte man dagegen in einer ganzen Powerpoint-Präsentation erläutern. Kahlenberg ließ Anderson ins leere Grätschen und sorgte für die unverdiente Führung.

Rücksicht wie nach einem Schleudertrauma

Um kurz nach fünf stehe ich an einer Kreuzung im Kreuzviertel. Beim Italiener hat sich die Dortmunder Dekadenz zum Rudelgucken bei Carpaccio und Rosé versammelt. Durchs Fenster kann ich den Fernseher erblicken. Die Nürnberger Fantribüne ist auf einmal rechts im Bild? Gladbach spielt wieder einmal in Hälfte zwei auf die Südkurve? Ach nein, es ist ein Spiegel, auf dem ich seit zwei Minuten gebannt die Konferenz schaue. So erklärt sich das auch das merkwürdige Bildformat von 8:14. Nach Gladbach wird nur einmal kurz geschaltet. Wolfsburg wechselt gerade, Michael Frontzeck kratzt sich an der Glatze, dann geht’s nach Hamburg. Einen rollenden Ball habe ich am Samstag damit nicht live gesehen.

Später sitze ich in der Unibibliothek und lese mir den Spielbericht auf kicker.de durch. Es wimmelt von Gladbacher Namen. Selbst wenn Verteidiger involviert sind, geht es um vielversprechende Vorstöße in die Hälfte des Ex- und Hoffentlich-nie-wieder-Meisters. Der VfL Wolfsburg wird derweil fast ausschließlich mit Adjektiven wie „harmlos“ und „zurückhaltend“ bedacht.

In der Sportschau wird dann doch ein Hauch von Enttäuschung und Ärgernis breit. Eine Chance reiht sich an die andere. Aber es ist wohl wie nach einem Autounfall mit Schleudertrauma: In der Erholungszeit will noch nicht alles gelingen, Nachsicht ist angebracht. Immerhin präsentiert sich die Brouwers-Sperre derzeit eher als Chance denn als Nachteil (wobei das Urteil natürlich noch mit Vorsicht zu fällen ist). Vier-Millionen-Neuzugang De Camargo, dem man schon eine Währungsreform wünschte wie einst Marco Reich („Jetzt bin ich nur noch der Drei-Millionen-Euro-Einkauf!“), habe ich erstmals laufen sehen. Und so ist seine ansprechende Rückkehr ein Sinnbild dafür, dass die Saison auf Schalke und spätestens am Samstag gegen Wolfsburg noch einmal von vorne begonnen hat.

04. Oktober 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Hallo Jannik,

    dafür werde ich dieses Jahr beim Derby gegen Köln Dein Schicksahl teilen, da ich an diesem Wochenende Modulabschlussprüfungen zuabsoliveren habe.

    Wenn die Borussia immer so gut spielt, sofern Du ihr fern bleibst, solltest Du überlegen, Dich vom VfL bezahlen zu lassen.

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