Hoffenheim – Gladbach: Die Sünder von Sinsheim

Das gab es auch lange nicht. Eine Auswärtsniederlage, schön und gut. Aber mit zwei Platzverweisen? 1996 flogen Kastenmaier und Andersson vom Platz, nun eben Arango und Schachten. Weitere Parallele zu jenem 0:1 in Bremen: Auch diesmal geht es bergab mit der Borussia, die doch eigentlich wieder da war.

Die Nachspielzeit läuft und es wird endgültig absurd. Logan Bailly irrt einmal mehr durch den Strafraum. Doch diesmal sei es ihm verziehen – es ist der gegnerische. Plötzlich zittert Hoffenheim. Der allerletzte Gladbacher Strohhalm segelt als Freistoß von Michael Bradley in den Strafraum. De Camargo köpft, foult dabei Beck und das Spiel ist vorbei. 2:3 bei einer Mannschaft, die zuvor vier Spiele lang nicht gewonnen hatte, nach einer 1:0-Führung, nach zwei Platzverweisen. Man glaubt, in dieser noch jungen Saison schon viel erlebt zu haben, aber die Borussia denkt sich immer wieder etwas Neues aus.

Dass Bobadilla bereits nach zwölf Minuten trifft, ist noch das schönste Kapitel dieser Partie. Das ständige Bemühen, den Ball schnell in die Spitze zu spielen, zahlt sich einmal aus, als Bradley einen Freistoß in der eigenen Hälfte fast schon vor dem Pfiff ausführt. Im gegnerischen Strafraum nimmt Reus den Ball gut mit, dirigiert Bobadilla dabei wie ein Trainer seinen Hund beim Agility. Der Sturmpartner mit der kalten Schnauze gehorcht, läuft in die Mitte und lupft sehenswert ins Tor – sein fünfter Bundesliga-Treffer im 38. Einsatz.

Damit nimmt das Spiel früh seinen altbekannten Lauf, wenn es gegen Angstgegner Hoffenheim geht. Der VfL führt, weigert sich aber bis zum Pausenpfiff hartnäckig, in die zugeteilte Rolle zu schlüpfen, in die des Teams, das eine Führung urplötzlich aus der Hand gibt. Stattdessen tun sich die Gastgeber schwer. Die Unzulänglichkeiten im Spiel nach vorne personifiziert Ibisevic in einer Szene, als er in Überzahl mit seinem ungenauen Pass lediglich einen Einwurf herausholt. Dass sich die Überzahlszenen in Hälfte zwei ungewollt häufen werden, ahnt da noch niemand. Gladbach schaut sich die wenig effizienten Bemühungen des Gegners geduldig an. Auf einen Ballkontakt des VfL kommen gleich zwei Hoffenheimer.

Daems, der Calmund, gegen Mlapa, den Bolt

Spiele der Borussia waren in dieser Saison meist spektakuläre Berg- und Talfahrten, wie eine Sturmfrei-Fete, die dank Facebook 500 Gäste anzieht und völlig aus dem Ruder gerät. Die zweite Halbzeit läuft erst eine halbe Minute, als ein ganzer Bus mit Leuten kommt, die nicht auf der Gästeliste stehen. Mlapa lässt Daems im Laufduell keine Chance. Ein Karikaturist würde den Hoffenheimer Youngster an Usain Bolt orientieren, den Gladbacher Kapitän an Reiner Calmund. Die Hereingabe kann Daems genau so wenig verhindert wie Anderson und Levels den Ausgleich durch Ba. Besonders Anderson zieht zurück, hat keine Lust auf ein Eigentor. Doch es gilt dasselbe wie beim Thema Überzahl: Sie werden es sich noch anders überlegen.

Auf Schalke hatten die Borussen noch Humor: Letzten Endes war die Reise selbst dann ein Griff ins Klo.

Es ist, als würde nach dem 1:1 eine ganz neue Partie angepfiffen. Spieldauer: 44 Minuten. Immerhin hat die Borussia zuvor schon dreimal eine Zwei-Tore-Führung gegen die TSG nicht über die Runden bringen können. Da dürfte ein mickriger 0:1-Rückstand für die Kraichgauer zum Spaziergang werden. Juan Arango jedoch äußert nach einer guten Stunde leichte Zweifel. Leider tut er dies non-verbal, zielt nach einem Foul von Salihovic auf dessen Kronjuwelen, landet irgendwo zwischen der ursprünglichen Zielregion und dem Bauchnabel des Gegners. Die rote Karte kommt sofort. Arango schaut verdutzt, gestikuliert, als wolle er signalisieren: ,Ich hab‘ doch gar nicht da getroffen, wo ich wollte.‘ Eine Tätlichkeit eines Borussen, das ist lang her. In der Liste finden sich Rudelbildungen und Handgemenge. Aber so etwas Glasklares? Da versagt mein Gedächtnis. Mit Galgenhumor kann man da nur einwerfen: Hut ab, Arango, und das mit dem schwachen Rechten.

Und natürlich kommt es, wie es kommen muss. Mittlerweile gilt dies auch für den Satz „Es kommt, wie es kommen muss“, der zu Duellen mit der TSG gehört wie Elch Hoffi in die Rhein-Neckar-Arena – man will etwas dagegen unternehmen, kann aber nicht. Und so senkt sich eine Ecke von Salihovic an den Innenpfosten, lugt kurz hinter die Torlinie und wird erst dann von Logan Bailly in die Gegenrichtung gefischt. Zu spät, zu drin, zurück. Erst in der Zeitlupe wird der Torschütze enttarnt. Bamba Anderson hat unfreiwillig den Kopf hingehalten. Denn was die Zeitlupe noch offenbart: Demba Ba drückt den Gladbacher Verteidiger regelrecht in den Ball, so dass ihm, anders als vor dem 1:1, gar keine andere Wahl bleibt. Da bescheißt man sich erst selbst mit einer dummen roten Karte und wird dann noch anderweitig beschissen. Um im Duktus zu bleiben: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Und wie wir das finden, dass es so läuft: Scheiße.

Platz eins in der Sündertabelle

Für die Kirsche auf einem völlig verunglückten Sahnekuchen sorgt Sebastian Schachten in der Schlussphase. Dabei ist er jedoch nicht mehr als das Bauernopfer der kapitalen Schnitzer seines Nebenmanns. Filip Daems hat nach dem verheißungsvollen Auftritt gegen Wolfsburg einen gebrauchten Tag erwischt. Eine Flanke auf Demba Ba unterschätzt er wie eine Tonne Federn. Schachten darf die Sache ausbügeln, kann Ba nicht mehr fair stoppen und sieht obendrein die nächste rote Karte. Den Elfmeter setzt Salihovic unter die Latte. Damit hat sich der VfL mit dem vierten Platzverweis an die Spitze der Sündertabelle gesetzt. Zwei Platzverweise in einer Partie gab es übrigens erst einmal in der Gladbacher Bundesligageschichte: Am 27. August 1996 flogen Thomas Kastenmaier und Patrik Andersson beim 0:1 in Bremen vom Platz. Doch anders als diesmal lag die Borussia schon vor der ersten Hinausstellung hinten.

Michael Frontzeck hatte Debütant Elias Kachunga und Igor de Camargo gebracht. Dann kommt Wissing für Reus, der so gereizt wirkte wie nach einem Wespenstich im Freibad. Tatsächlich bedeutet der letzte Wechsel keineswegs das Schwenken der weiße Fahne. Offensive ersetzt anschließend Kapitulation. Bei Hoffenheim darf Matthias Jaissle sein Comeback nach 19 Monaten Pause feiern und wird von Mo Idrissou liebevoll willkommen geheißen. Anstatt Jaissle auszuspielen, überlasst er das dem Verteidiger selbst. Mit Wucht und Wut haut Idrissou den Ball darauf zum Anschlusstreffer ins Tor.

Frontzecks Ausreden: Wahre Lügen

Womit wir wieder am Anfang dieses Textes angelangt wären. Freistoß Bradley, Foul de Camargo, Kopfball de Camargo, Schlusspfiff Weiner. Auch im siebten Aufeinandertreffen mit Hoffenheim kann der VfL nicht gewinnen, hat aber zum insgesamt fünften Mal in Führung gelegen und zum vierten Mal in der Schlussphase die entscheidenden Treffer kassiert. Ich bin es selbst fast schon Leid, mich ewig zu wiederholen. Aber: Das war ja zu erwarten. Weiterhin hat die Borussia seit November 2008 kein Auswärtsspiel ohne mich gewonnen. Mittlerweile steht die Bilanz bei drei Unentschieden und 17 Niederlagen in 20 Partien. Wenn ich da war: Fünf Siege, vier Unentschieden und nur drei Niederlagen. I can‘t help it (jemand kann gerne alles Spielberichte seit Ende 2008 durchlesen und gegenchecken). Ich kann derweil nur versprechen sowohl in Lautern als auch in Köln und Dortmund dabei zu sein.

Im Interview nach dem Spiel führt Michael Frontzeck zwar nicht mich als Grund für die Niederlage an, greift ansonsten aber kräftig in die Ausredenkiste. Natürlich wurde Anderson beim 1:2 klar gedrückt. Natürlich ist eine rote Karte bei einem Elfmeter eine harte Strafe. Natürlich häufen sich die fragwürdigen Pfiffe. Natürlich hat Diego am Samstag auch getreten. Mit welcher Selbstverständlichkeit Filip Daems das Laufduell gegen Mlapa verloren hat und wie er an der Flanke vor dem Elfmeter vorbeisegelte – dafür ist in der Analyse des Trainers anscheinend kein Platz. Immerhin hat er die Fehler am Montag eingestanden. Tobias Levels erkennt wenigstens, dass die Mannschaft sich ihren Untergang aber auch gehörig selbst zuzuschreiben hat. So bleibt am Ende nur die Erkenntnis, dass bei der Borussia derzeit folgende Devise gilt: Bescheißen und beschissen werden.

18. Oktober 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Ein trauriger Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Momentan gehen mir in Sachen Borussia wirklich etwas die Luft, die Argumente und die Fähigkeit aus, eine Erklärung finden zu wollen. Egal, wer auf der Bank sitzt, egal, wer da spielt: Irgendwie kommt es mir in der Endlosschleife so vor – “Neue Gesichter, altes Spiel”. Ich fühle mich sehr deprimiert, kann mich nicht mal mehr wirklich aufregen. Danke, Jannik, trotzdem, für deinen immer wieder erscheinenden Blog.

  2. Sicherlich ist die unbekümmerte Spielweise (wie gg. LEV) abhandengekommen. Nichts desto weniger sind hier die Spieler gefragt, die Misere zu beenden, das Beispiel WERDER mit den eingefrorenen Gehaltstüten sollte auch bei uns stärker greifen.

    Warum sich DFL, Ligaausschuß und DFB nicht zu einem Fernsehbeweis hinbewegen ist mir persönlich allerdings schleierhaft. Fußball ist Business – hier entscheidet jeder Zentimeter und wir blöden Deutschen verlassen uns immer noch auf die Schiedsrichter, die logischer Weise keine zusätzliche Instanz dulden. Dies nennt man Arbeitsplatzsicherung – verständlich. Der Gang zum Augenarzt sollte hier quartalsweise Pflicht werden.
    Als Spieler kann ich Arrango verstehen, der Tritt, den er bekommt ist ebenfalls ROT, denn der Gegenspieler versucht nicht den Ball zu treffen, sondern die Archillesferse. Das ist absolut eine Attacke auf die Gesundheit des Spielers und wird nicht geahndet. Auch der “Elfer” ist mMn ein Witz. Schachtens Bein ist KLAR VOR dem Schützen. Dieser fädelt ein – gegen BMG ist es natürlich ein 11er.
    Als Moderator von Spielaufzeichnungen muss man keine Ahnung vom Fußball haben. Dies ist immer schon so gewesen – traurig diese verblendeten und verblödeten Aussagen. Gleiches gilt für die Presse. (Nichts reimt sich auf Presse ;-) )

    Danke Dir, Jannik, für den Bericht und schließe mit den berühmten Worten Guten Abend allerseits”.

  3. “Unterschätzt wie eine Tonne Federn” :D

    Du solltest deine Spezialität, die Vergleiche, an untalentierte Rapper verkaufen, da könntste reich werden.

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