Gladbach – Bayern: Hammer!

Am Ende freut sich die Borussia über einen 3:3-Sieg gegen überlegene Bayern – und das zu Recht. Erneut musste ich das Duell mit dem Rekordmeister aus der Ferne verfolgen. Diesmal ging es nach Hamm, während sich im Borussia-Park eine mitreißende und denkwürdige Partie abspielte.

Auch in der Mitte des Kreisverkehrs steht einer, natürlich. Der Elefant trägt das rote Trikot des heimischen Handballvereins, sogar blaue Adidas-Schuhe hat er an. Vor der Volksbank hatten wir bereits einen gesehen, eigentlich überall. Hamm ist Elefantenstadt. 1984 fand hier die Landesgartenschau statt, weshalb man mitten in der westfälischen Savanne einen 40 Meter hohen Glaselefanten errichtete. Was den Berlinern ihre Bären, den Dortmundern ihre Nashörner sind, das sind den Hammern ihre Elefanten.

Wir biegen auf den Parkplatz vor dem Maxi-Center. Es ist 16:45 Uhr und bei Edeka, Takko und DM herrscht reger Betrieb. Kurz bevor Sebastian den Wagen ausmacht, meldet sich WDR 2 aus der Werbung zurück – Beginn der Schlusskonferenz. Sven Pistor ruft den „De-Camargo-Tag“ aus und 150 Autokilometer vom Borussia-Park entschwinde ich in die Glückseligkeit. Gladbach hat das Spiel gedreht, 3:2. Und ich sitze in Hamm, was in jenem Minuten aber ein akzeptabler Deal zu sein scheint. Noch vergangene Saison war ich ein nervliches Wrack, wenn es mal nicht hinhaute mit dem Heimspiel-Besuch. Jetzt schmerzt es weiterhin, aber ich kann mich mit der Abwesenheit besser abfinden.

Weil es in Hamm nun einmal von Elefanten wimmelt, ist es auch ein Vertreter dieser Spezies, wegen dem es uns an einem Samstagabend in den Maxi-Park zieht. Michael Stiebler hat eine Maskottchen-Firma gegründet, nachdem er 2007 bei der Handball-WM als einer von vielen „Hanniballs“ Blut geleckt hatte. Jetzt ist er wahlweise Elmar, der Elch der TuSEM Essen, der Obi-Biber oder eben auch Maxi, der Elefant aus Hamm. Wir wollen ihn fürs Uni-Fernsehen mit der Kamera porträtieren. Ein schweres Los – nicht wegen der Maskottchen, nicht wegen Hamm, sondern weil ich dadurch schon wieder ein Heimspiel gegen den FC Bayern verpasse.

Gladbach und Hamm: Parallelen im Abstiegskampf

Auf dem Dach von Edeka und Co. liegt die Halle der HSG Ahlen-Hamm, ihres Zeichens Aufsteiger in die Handball-Bundesliga und noch sieglos in der nicht mehr ganz so jungen Saison. Sollte ein Spieler mal durch den Hallenboden brechen, würde er mit etwas Glück in der Wursttheke landen (oder auch bei den Pizzen, je nach Geschmack). In der Maxi-Park-Arena muss Stiebler alias Maxi am Samstagabend arbeiten. Wetzlar ist zu Gast. Anfang der Woche haben die Gastgeber ihren Trainer entlassen. Jetzt muss in Handball-Gottes Namen ein Sieg her. Denn die Hessen aus Wetzlar sind ein direkter Konkurrent im Kampf um den Klassenerhalt.

Um 19 Uhr wird das Spiel erst angepfiffen. Noch bleibt genug Zeit, um sich der Bundesliga zu widmen. Nach Pistors Hiobsbotschaft der schöneren Art sind wir ausgestiegen und sehen uns nun etwas um. Die Minuten vergehen. Ich stehe mit einem Kamerastativ auf einem Kreisverkehr in Hamm und filme eine Elefanten-Plastik, die ein rotes Trikot trägt. Die Minuten vergehen weiter. „Schon 17:11 Uhr“, verkünde ich stolz, dankbar für jede weitere Sekunde, „wir gewinnen das, wir gewinnen das.“

Selbst Stuttgart-Fan Sebastian scheint dem Überraschungserfolg nicht ganz abgeneigt sein. Auch wenn er dadurch wieder die rote Laterne übernehmen könnte, auch im echten Leben. Denn weil Schalker, Stuttgarter, Gladbacher und Kölner sich nicht nur im Tabellenkeller, sondern auch im Dortmunder Studiengang tummeln, haben einige von uns bei Ikea einen Spontankauf gemacht – eine rote Laterne wechselt seitdem munter den Besitzer. Seit einer Woche steht sie bei mir auf dem Schreibtisch, noch immer in die Tüte eingepackt, in der ich sie überreicht bekommen habe.

Verwirrung ums Ergebnis

Um 17:14 Uhr vibriert mein Handy, eine Botschaft aus dem Borussia-Park. „Irgendwann ist der Druck der Bayern zu groß, wenn keine Entlastung mehr kommt“, schreibt meine Mutter. „Hoffe, es reicht für den Punkt.“ Wie? Wie meint sie das? Nur ein Punkt? Führen wir nicht mehr? Zwei konkrete Zahlen hätten ihre Nachricht durchaus bereichert. Kurz danach kommt die nächste SMS. Es schreibt der Nachbar, Schalke-Fan: „Ich bin begeistert! Glückwunsch!“ Die Verwirrung ist perfekt. Hat meine Mutter etwas verschwiegen? Entzücken wir die Leute nun schon mit einem Punktgewinn? Sebastian kramt sein iPhone aus der Tasche. Tatsächlich. Sechs Tore hatte Philipp Lahm in seinen ersten 201 Bundesligaspielen erzielt, das siebte hob er sich für Gladbach auf.

Zunächst ist der Ärger groß, dass es wieder nicht für den Sieg gereicht hat, Bayern hin oder her. Zum vierten Mal in dieser Saison hat die Borussia eine Führung aus der Hand gegeben. Doch während die HSG Ahlen-Hamm Ähnliches vollbringt, wird mir langsam klar, dass das Unentschieden an sich schon eine große Überraschung ist und auf der Skala an die Tür mit der Aufschrift „Sensation“ klopft. Die HSG führt kurz vor dem Ende mit 27:25. Nach 60 Minuten heißt es 27:30. Im Umkleideraum lässt Maxi den Kopf nicht nur hängen, er hat ihn ganz abgenommen. Maxi ist wieder Michael. Und die HSG Ahlen-Hamm noch immer sieglos. Man könnte ihnen eine Reise nach Leverkusen empfehlen.

25 Minuten Fußball und ebenso viel Ballbesitz, in Prozent, haben für einen Punkt gegen den Rekordmeister gereicht, der damit nur eines seiner letzten neun Gastspiele in Mönchengladbach gewonnen hat. Die Parallelen zur vergangenen Saison machen Mut. Damals bereitete die Borussia mit einem Unentschieden im eigenen Stadion die Wende vor, gewann anschließend in Hamburg. Die dort getragenen grünen Trikots wurden anschließend zur Heimkluft. Fürs Bayern-Spiel holte Michael Frontzeck die Auswärtstrikots wieder raus. Es wurde ein Unentschieden und vielleicht ist es ja erneut der erste Schritt auf dem Weg zu besseren Tagen geworden. Nächstes Wochenende geht es nach Köln zum Derby. Und es hilft ja ohnehin nur: warten, hoffen und glauben.

07. November 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Gegen unsere Handballdamen hätten sie bestimmt ne Chance. ;-)

  2. Der Fußball und der Aberglaube :-)
    Mal schauen welche Trikotfarbe ihr in Koloohn anhabt.

    “Entzücken wir die Leute nun schon mit einem Punktgewinn?”

    Köstlich !

  3. Ich bin zuversichtlich, da wir qualitativ über eine bessere Mannschaft verfügen als beim Aufstieg.

  4. Tja – als ich im letzten Jahrhundert nach Berlin gezogen bin, mußte ich das auch durchmachen. Schnell findet man einen modus vivendi, um den Entzug der Stadionatmosphäre erträglicher werden zu lassen. Oder es stellt sich einfach ein.

    Nunja – in Zeiten von Premiere, Arena, Sky hat man es aus der Ferne dann wieder einfacher. Zumindest ist das In-der-Kneipe-gucken mit anderen Mitleidenden Junkies ein gar nicht mal so schlechtes Methadonprogramm.

    Trotzdem unerreicht: live dabei zu sein. Diesesmal war ich vor Ort – und es war echt mal Hammer! Klar – der Punkt ist eigentlich zu wenig. Aber ich teile Deine Hoffnung, daß es vielleicht die Wende geben könnte – wie letzte Saison in Hamburg. Jetzt gilt´s!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*