“Wir haben doch noch unser ganzes Leben Zeit” – Ein Jahr nach dem Tod von Robert Enke

Am 10. November 2009 beging Robert Enke Selbstmord. Dass es kein Freitod war, ist seitdem deutlich geworden. Verstärkt werden die Erinnerungen in diesen Tagen durch die Biografie von Ronald Reng über “ein allzu kurzes Leben”. Begreifbar ist es jedoch noch immer nicht, auch nicht ein Jahr danach.

Die Spannung auf den letzten Seiten eines Buches ist immer dieselbe, dieses Gefühl, dass die Auflösung, dass das Ende naht. In diesen Minuten bleibt die Zeit stehen und beschleunigt im selben Moment. Vergangenen Sonntag war es mal wieder so weit. Es wurde Montag und als ich das Buch zuschlug war es 1:21 Uhr. Leider bin ich in den letzten Jahren viel zu selten dazu gekommen, ein Buch von vorne bis hinten zu lesen. Der Mensch im Internet-Zeitalter liest mehr denn je – Magazine, Blogs, Online-Auftritte große Zeitungen. Doch die 300- bis 400-seitige Faszination, die zwischen zwei Buchdeckel passt, wird ihm immer fremder.

Die Biografie über das Leben von Robert Enke, „ein allzu kurzes“, ist aber keine Geschichte mit ungewissem Ende. Mit jeder der 426 Seiten rückt der 10. November 2009 näher. Mit jeder Seite ist es weniger zu fassen, dass dieser Mensch keinen Ausweg mehr wusste, nur den einen, indem er vor genau einem Jahr sein Leben beendete, um der Dunkelheit seiner Depression zu entfliehen. Für immer. Auch wenn die Krankheit seitdem öfter thematisiert worden ist, bleibt sie für diejenigen ohne Kontakt zu depressiven Menschen ein Rätsel.

Depressionen: Scheinbar banal und mächtig zugleich

Ronald Reng, der 2002 in Barcelona erstmals auf Enke traf und sich bald mit ihm anfreundete, hat das Leben des Torhüters in eindrucksvolle Worte gefasst. Die Nähe wird dem Journalisten nicht zum Verhängnis. Keine Seite wirkt zu langatmig, zu dick aufgetragen. Reng versucht sich nicht daran, die Schattenseiten aus Enkes Leben mit einer finalen Erklärung zu versehen. Er kann wie alle anderen am Ende nur kapitulieren vor einer Krankheit, die so banal und aus eben diesem Grund so mächtig wirkt. Zweimal litt Robert Enke seinem Leben an einer klinischen Depression. „In all den anderen Zeiten“, schreibt Reng, „war er so, wie wir ihn erlebten. Ein warmherziger Mensch, der daran glaubte, dass Demut auch für einen Torwart kein schlechter Wesenszug ist.“

Wenn sich heute Enkes Todestag jährt, dann wird in den meisten Lesern dieser Zeilen auch die Erinnerung zurückkehren, wie sie am 10. November 2009 völlig unvorbereitet von dieser Nachricht getroffen wurden. Es war ein Dienstag, im Fernsehen lief das übliche, alltägliche Programm eines solchen Abends. Zu Hause zog der Martinszug durchs Dorf. Ich saß in Dortmund vorm Laptop. „1 new tweet“, erschien auf dem Bildschirm. Ein Klick und dann waren da diese vier Wörter, die in ihrer Zusammenstellung keinen Sinn ergaben, nicht zu fassen waren: „Robert Enke ist tot.“ Es dauerte nicht lange, bis die Todesursache klar wurde. Es dauerte nur ein paar Stunden, bis die Hintergründe seines Selbstmordes durch die hunderten Einträge in den Suchmaschinen schimmerten. Das heute-journal machte mit der Nachricht auf. Wieder diese vier Worte, gesprochen von Marietta Slomka, fast noch unwirklicher als im allerersten Moment: „Robert Enke ist tot.“

Am folgenden Abend gingen Oliver Bierhoffs Tränen durch die Nachrichten. Nicht nur als Nachricht selbst, sondern als ein Spiegelbild für jeden, der es als solches auffasste. Zwei Tage nach Enkes Tod setzte ich mich hin und begann, zu schreiben. Schweigen wäre eine naheliegende Reaktion gewesen, stilles Gedenken, auch als Ausdruck der Sprachlosigkeit. Doch genau die wollte ich in Worte fassen.

Unsere Lebenserfahrungen sind ein Aktenschrank. Mehr oder minder sorgfältig ordnen wir sie in Schubladen ein, beschriften sie – und greifen darauf zurück, wenn es notwendig wird. [...] Prinzipiell alle, die sich in irgendeiner Weise betroffen fühlen, haben am Dienstagabend die Erfahrung gemacht, dass ihnen eine wichtige Schublade fehlt. Eine Schublade, in die sie den Tod von Robert Enke irgendwie einordnen könnten.

Jetzt, ein Jahr später, ist da noch immer keine Schublade. Die Gedanken schwirren ungeordnet durch den Raum, als hätte ein Windzug durchs offene Fenster sie vom Schreibtisch aufgewirbelt. Im Grunde fühlt man sich mit diesem Schubladen im Kopf auch nur wohler, um in einem ähnlichen Fall darauf zurückzugreifen. Doch so weit soll es ja nie wieder kommen. Geändert habe sich, so Hannovers Präsident Martin Kind in einem Interview, seit dem Tod von Robert Enke nichts. Als sich die Fußball-Weltkugel nach ein paar Tagen der Ohnmacht am 18. November 2009 weiterdrehte, Länderspiel auf Schalke, leistete sich Manuel Neuer einen dicken Fehler. Er schoss einen Ivorer an, der Abpraller trudelte ins Tor. Anschließend gab es höhnischen Applaus für den Nationalkeeper bei jeder geglückten Aktion. Mario Gómez kam ins Spiel, wurde mit Pfiffen bedacht. An jenem Abend nahm die Normalität etwas Last von den Schultern. Im Nachhinein wirkte es erschreckend, wie schnell der Fußball sich wieder gefangen hatte.

Die wichtigen Tore im Leben fallen nicht auf dem Platz

Im Nachhinein bleibt nicht nur die Frage, warum es im Fall von Robert Enke so weit kommen konnte, dass der 32-Jährige keinen Ausweg mehr wusste. Man fragt sich weiterhin: Wie konnten von all den Menschen, die tagtäglich mit Enke zu tun hatten, nur so wenige hinter seine Fassade blicken? Es ging wohl nicht. Sein Tod bleibt ein Jahr danach so unbegreiflich wie am ersten Tag.

Irgendwann, als das Internet noch eine Erfindung war, auf die vielleicht der Sitznachbar in der Schule, der Klassenlehrer, aber ich selbst keinen Zugriff hatte, gehörte ein Buch zum Abend wie das Schließen der Augen. Aus dieser Zeit stammt die Gewohnheit, mittendrin auf die letzte Seite umzublättern und den letzten Satz des Buches vorab zu lesen. Der verrät selten etwas über den Ausgang. In Ronald Rengs Enke-Biografie lautet der letzte Satz: „Wir haben doch noch unser ganzes Leben Zeit.“

Das „ganze Leben“ kann so kurz sein, „allzu kurz“. Deswegen hat uns der Tod von Robert Enke auch die Botschaft mit auf den Weg gegeben, dass zu viel Tempo, zu viel Druck bisweilen gegen das Leben arbeitet. Dass es gut tut, an irgendeinem Punkt die Hetze nicht mehr mitzumachen und sich stattdessen einen Moment des Durchatmens zu gönnen. Robert Enke gelang dies nicht, weil ihn die Angst umtrieb, sein berufliches Umfeld – Verein, Medien, Öffentlichkeit – werde ihm das nicht zugestehen. Und falls in geraumer Zukunft doch die bitter benötigte Schublade entstehen sollte, dann wird sie uns hoffentlich ständig daran erinnern, dass die wichtigen Tore und die wichtigen Paraden nicht auf dem Fußballplatz passieren. Wer nicht der Beste ist, der darf in keiner Lebenslage das Gefühl haben, stattdessen der Schlechteste zu sein.

Stimmen zum ersten Todestag von Robert Enke:

Biograf und Enke-Freund Ronald Reng über das Buch (stern.de)
Oliver Bierhoff im Interview mit dem sid
Enke-Berater Jörg Neblung im Gespräch mit der FAZ

Rückblick:

Das heute-journal vom 10. November 2009
Das heute-journal vom 11. November 2009
Das heute-journal vom 15. November 2009

10. November 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf | Schlagwörter: | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. “bleibt sie für diejenigen ohne Kontakt zu depressiven Menschen ein Rätsel” – im übrigen gilt das auch für Menschen, die Kontakt zu depressiv Erkrankten haben.

  2. Das glaub’ ich. Da ich den persönlichen Kontakt aber noch nicht hatte, zumindest nicht intensiv und im Alltag, wollte ich darüber jetzt nicht urteilen. Aber im Grunde macht es die Biografie auch deutlich.

  3. Was du schreibst stimmt zwar und es bleibt eine traurige Angelegenheit. Dass aber der Suizid von Robert Enke und das Zurückkehren zum Business as usual im Fußball bis zum Erbrechen in den Medien breitgeschlagen wurden und jetzt wieder werden, ist fast noch trauriger. Als wäre Enke der einzige gewesen, der unselbstbestimmt in den eigenen Tod getrieben wurde. Suizid bleibt im Allgemeinen ein Tabuthema, aber aus irgendeinem Grund interessiert es die Öffentlichkeit nur, wie im Fußball damit umgegangen wird. Aber wen interessiert schon der gemeine Mann auf der Straße?

  4. Pingback: Minutenandacht, Teil 2 | catenaccio

  5. Schön, dass du dein Zitat mit den Schubladen von vor einem Jahr noch mal ausgepackt hast.
    Fand es damals im großen -teilweise unpassenden- Geschreibsel aller Medien und Blogs sehr angenehm und passend. Habe das Zitat damals auch genutzt einer guten Freundin (fußballfremd) die Tragweite des Unglücks und die Reaktionen der Menschen zu erklären.
    Danke

  6. Vielen Dank für diesen Beitrag.

    “bleibt sie für diejenigen ohne Kontakt zu depressiven Menschen ein Rätsel” – im übrigen gilt das auch für Menschen, die Kontakt zu depressiv Erkrankten haben.

    Im Übrigen gilt das genauso sehr für Menschen, die unter Depressionen leiden!

  7. @BAE: Verstehe nicht ganz, was deine Forderung ist? Das Schicksal eines jeden Einzelnen in der breiten Öffentlichkeit dokumentieren? Dass Enke der Einzige gewesen sei, hat niemand behauptet. Im Gegenteil soll sein Fall doch dem von Dir angesprochenen “kleinen Mann” helfen.

    Enkes Berater sagt im oben verlinkten Interview auf die Frage, ob die Aufklärung etwas bewirkt habe:

    “Ja, zum einen ist die Bereitschaft, sich an einen Therapeuten zu wenden, gestiegen. Zum anderen sagen Psychologen, dass ihnen Roberts Geschichte einen Fall an die Hand gegeben habe, über den sie mit ihren Patienten viel konkreter sprechen können. Über ihre anderen Patienten dürfen sie ja nicht reden.”

    Außerdem verhält es sich mit dem Suizid als generellem Thema, losgelöst von den Depressionen, aufgrund des Werther-Effektes noch einmal ganz anders als mit anderen Tabuthemen. Da sollte man die Gründe für den Suizid thematisieren, doch aber den Suizid selbst nicht breitschlagen – da hätten die potentiell Gefährdeten genauso etwas von.

  8. Pingback: Scribito – Ich erlaube mir zu denken » Post Topic » Zum Todestag von Robert Enke …

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