Die Liga der Anderen (IX): Momente des Glücks

In der “Liga der Anderen” kommen jede Woche Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Stuttgart, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Heute erzählt Sarah vor dem Spiel des BVB gegen Hamburg, was die Borussia aktuell so gut macht. Sie hat aber auch schlechte Nachrichten: Meister wird Dortmund dennoch nicht.

Von Sarah (Dortmund)

Letzte Woche irgendwo in einer Sky-Bar: Es läuft die 60. Minute. Es steht 0:1. Der BVB ist in Bedrängnis. Ich muss gehen und werde das blöde Gefühl nicht los, dass ich es noch bereuen werde. Am Ende heißt es 0:4. Die Schwarz-Gelben haben auch gegen Hannover in der Schlussphase ordentlich zugelangt. 18 Tore in Halbzeit zwei, so die Bilanz nach elf Spieltagen. Tja, die Statistik lügt eben nie.

Es ist eben dieses Phänomen, das den BVB momentan so erfolgreich macht: Eiskalt sein und genau in dem Moment, wenn es drauf ankommt, zuzuschlagen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat man das Gefühl, dass immer noch was geht. Und sei es, wie beispielsweise gegen Hoffenheim, in letzter Sekunde. Zeigt Dortmund etwa Meisterqualitäten? Eines ist klar: Es läuft!

27 Tore in der Liga, 190 Torschüsse, nur 7 Gegentore, 2.644 geführte Zweikämpfe
(alles Ligabestwerte)

Und nicht zu vergessen, die wohl populärsten Zahlen: 12 Punkte Vorsprung auf die Bayern, 19 auf die aus Herne-West. Dortmund ist auf Titel-Kurs.

Traum und Realität: Warum der BVB den Titel nicht holt

Und trotzdem, am Ende wird es für den Titel wohl nicht reichen. So gerne ich es auch glauben würde. Der Weg ist noch lang und mit dem ein oder anderen Steinversehen, über den die Klopp-Elf stolpern wird.

Gefahr Nr.1 – Die lange Rückrunde:
Die Dortmunder werden für ihr laufintensives Spiel zahlen müssen. Ein Kevin Großkreutz läuft so gut wie jedes Spiel seine 13-14 km (der BL-Schnitt eines Mittelfeldspielers liegt bei ca. 10 km, wenn ich mich nicht irre). Dass das auf Dauer nicht durchzuhalten ist, liegt auf der Hand. Das frische Auftreten, die kämpferische Leistung und der totale “Bock aufs Kicken” – das größte Kapital der Mannschaft – hat ein Verfallsdatum.

Gefahr Nr. 2 – Die Großen kommen:
Außerdem gibt’s da ja noch die Anderen. Dortmunds paradiesische Ausgangssituation ist ein Geschenk der Magaths und Van Gaals dieser Welt: Viele Stars, viel Geld, aber wenig Erfolg. Doch wenn sich auch die letzte Krisentruppe eingespielt hat, wird es eng. Am Ende wird man mit der Qualität eines Bayern- oder HSV-Kaders nicht mithalten können.

Gefahr Nr. 3 – “All-Men-Show” forever?
Vor zwei Jahren sprach jeder von Kloppo, vor einem Jahr von Lucas Barrios – und in diesem Jahr? Momentan ist Dortmund eine “All-Men-Show” und so etwas wie ein einziger harmonischer Knubbel. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt. Die verletzten Zidan und Owomoyela kommen zurück, die Medien suchen ihre Geschichten und Hauptdarsteller.

Gefahr Nr. 4 – Die Nerven:
Die Mannschaft ist jung, erwartungsvoll und wild entschlossen. Doch genau das könnte ihr noch zum Verhängnis werden. Wie die Nerven versagen können, mussten wir schon in Europa und Offenbach schmerzlich feststellen. Und damit kommen wir auch schon zur Kehrseite der Medaille.

Die Sache mit der Europa League und dem Pokal…

Was in der Liga passt, wird auf der großen, weiten Fußballbühne vergeigt. Die traurige Bilanz: Nur ein europäischer Sieg aus vier Spielen und das Aus bei Drittligist Offenbach im Pokal. Die Abgebrühtheit fehlt. Ein Lewandowski vergibt hier mal eine Riesenchance in der Nachspielzeit, da mal einen Elfmeter. Es ist, als ob sich die Leichtigkeit in Luft auflösen würde, sobald es um etwas wirklich Großes geht. Wir sehen super Spiele, viele Chancen, aber keine Punkte. “Was nützt einem der schönste Teller, wenn nichts zum Essen drauf ist?” Schon Friedel Rausch (der Typ, der damals beim Revierderby von einem Polizeihund in den Allerwertesten gebissen wurde) wusste Bescheid.

Raus aus dem DFB-Pokal und jetzt das Aus in Europa vor der Tür? Selbst wenn es so kommt – am Ende der Saison wird sich niemand darüber beschweren. Denn dann wird man hoffentlich voller Stolz auf einen Champions-League-Platz blicken und den vielleicht entscheidenden Energiereserven danken.

Aber bis es soweit ist, genieße ich den Hype, die Doppelpässe und Hackentricks – die verdienten Momente des Glücks eben, nach denen man sich in Dortmund so lange Zeit gesehnt hat.

12. November 2010 von
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Also wenn die einzig wahre Borussia so da stehen würde, gäbe es für mich keinen einzigen Gefahrenpunkt, ich würde schon den Sekt kalt stellen.
    Wie kann man denn so pessimistisch sein?

  2. Pingback: Die Liga der Anderen (XVII): “Kein Selbstläufer” at Entscheidend is auf’m Platz

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