Fohlengeflüster (6): Pilgerfahrt

“Wie ich einmal vergaß Schalke zu hassen” ist ein großartiges Buch von Christoph Biermann. Seit dem sieglosen, aber trotzdem erfolgreichen Ausflug nach München, weiß ich genau wie er sich damals gefühlt haben muss. Nur muss “Schalke” in meinem Fall gegen einen anderen Verein ausgetauscht werden.

Irgendwo auf der A3. Irgendwo im Niemandsland der Bundesrepublik zwischen Hadamar und Welschehahn. So eine Fahrt nach München ist lang und vor allen Dingen geht es meist nur geradeaus. Langsam ziehen weitere illustre Orte wie Geiselwind und Kitzingen vorbei.

Und das alles für einen einzigen Fußballverein, der am Abend mit großer Wahrscheinlichkeit dem schier übermächtigen und noch immer ungeschlagenen Rekordmeister in der 2.Runde des DFB-Pokals unterliegen wird. Trotz der schlechten Karten und dem nicht gerade verheißungsvollen Blick in die Geschichtsbücher, die erst einen einzigen Sieg bei den Bayern in 4,6 Milliarden Jahren Erdgeschichte verzeichnen, zieht es am Mittwochmittag 6000 Gladbacher aus allen Teilen des Landes und besonders vom Niederrhein in die bayerische Landeshauptstadt. Auf der A3 wimmelt es von Autos und Bussen mit den Kennzeichen MG, NE, VIE und HS. Je tiefer die Raute im Herzen sitzt, desto weiter fährt man ihr hinterher, um ihr zu huldigen.
Wenn heutzutage der Jakobsweg von vielen nur noch zur forcierten Partnersuche heimgesucht wird, dann fällt diese Art der fußballerischen Verehrung mit mehr Berechtigung unter den Begriff Pilgerfahrt.

Um 17 Uhr ist Mekka – ’schuldigung – ist München erreicht. Meine Magen-Darm-Probleme, die mich am Morgen aus „heiterem Himmel“ überfallen hatten, haben sich mittlerweile gelegt. Diese Zweite Liga, diese Borussia – sie machen mich nicht nur zum Schwein, sondern auch noch zum Simulanten. Wo soll das hinführen?

Weil wir vier – meine Eltern, mein Bruder und ich – nach dem historischen Sieg gegen die Bayern, den es gegen Mitternacht zu bejubeln geben wird, und den anschließenden Siegesfeiern auf dem Marienplatz nicht nachts nach Hause fahren wollen, beziehen wir ein Hotel im schnuckeligen Aschheim im Nordosten der Stadt. Wobei zum Beziehen nicht viel Zeit bleibt. Schnell die Taschen und die Kühltruhe mit Schnitzeln, Frikadellen und Käsehäppchen aufs Zimmer gebracht, schon brechen wir auf in Richtung Allianz-Arena.

Vorher werde ich jedoch noch vom Blitz getroffen: Mein weißes Glückstrikot passt nicht über die Winterjacke, die bei null Grad aber vonnöten ist. Was ein großes Unglück für einen Fußballschamanen wie mich ist, der sich an jedem Spieltag die Fingernägel schneidet und zuerst die Unterseite eines Brötchens beschmiert, weil wir bei Beachtung dieses Ablaufs vier Spiele nicht verloren haben.
Also muss das kleine Weiße im Zwiebellook unter die Jacke. Das neue grüne Dress – Teil zwei der weiß-grünen und seit zwei Monaten ungeschlagenen Glückskombo – ist Gott sei Dank groß genug für „oben drüber“.

Der Weg zum Stadion über S- und U-Bahn zieht sich wie eine Physikstunde. Um viertel vor sieben ist das rote U-Boot erreicht. In der Bahn konnte man den Eindruck gewinnen, dass Gladbach heute ein Heimspiel hätte. Schwarz-weiß-grün so weit das Auge reicht. Das schöne Bild wird allein von ein paar roten Farbtupfern getrübt.

Die Bayern-Fans scheinen sich trotz hunderter Meisterschaften, DFB-Pokal-Siege und Erfolge im Europacup jedoch für ihren Verein zu schämen. Oder warum blitzt nur ab und zu ein Trikot unter einem Wintermantel hervor? Soll einer verstehen, diesen Verein.
Wobei ich für diese Art von Scham durchaus Verständnis habe.

Für ihr Stadion müssen die Bayern sich aber alles andere als schämen. Imposant, imposant. Allein die 12°-bewölkt-grauen Sitze werden dem Anmut der Allianz-Arena nicht gerecht. Und dann wäre da natürlich die Außenfarbe. Grün wäre freilich viel schöner.
Die anderen Fans aus MG, NE, VIE und HS haben mittlerweile ebenfalls ihre Reise beendet und machen schon vor dem Spiel mächtig Radau im Gästeblock. Beim Blick ins weite Rund fällt mir der merkwürdige Münchener Fanblock auf. Der 20 Meter breite Stehplatzabschnitt in der Südkurve erinnert an eine Kuhwiese mit der Zuschauerdichte eines Rockkonzertes. Soll einer verstehen, diesen Verein.

Komisch versucht auch der Stadionsprecher zu sein, meist gelingt es ihm nicht. 45 Minuten vor dem Anpfiff kann ich den Schmarrn nicht mehr hören und möchte ihm am liebsten das Mikro aus der Hand reißen und selber weitermachen. Geht aber schlecht, also stelle ich mich in den Katakomben mit einem Leberkäs-Brötchen zufrieden. Währenddessen fährt ein Wägelchen mit der Aufschrift „Tabakwaren“ an mir vorbei. Zigarren und Schnupftabak im Stadion? Soll einer verstehen, diesen Verein.

Um acht, bereits eine halbe Stunde vor Anpfiff, ertönt das Vereinslied mit dem Titel „Stern des Südens“ in der mittlerweile gut gefüllten Arena. Anders als bei der „Elf vom Niederrhein“ im Borussia-Park lässt dies die Bayern-Fans jedoch kalt wie ein Eiskaffee und so dient das (zugegebenermaßen) nette Lied mit dem blöden Text eher der Hintergrundbeschallung. Soll einer verstehen, diesen Verein.

Kurz vor dem Anpfiff wird die Tormusik schon einmal vorsorglich eingespielt. Als hätten sie Angst, dass es während des Spiels nicht dazu kommen könnte. Es ist der „Zillertaler Hochzeitsmarsch“, der Musikantenstadl- und Oktoberfeststimmung aufkommen lässt. Eigentlich dürften wir uns mit unserem tiefgängigen „Döp, döp, döp, dödö, döp, döp döp“ von Scooter nicht beschweren. Aber so kann eben auch Schmarrn Kultstatus erreichen. Soll einer verstehen, diesen Verein (hier sind immer noch die Bayern gemeint).

Fußball wird dann übrigens ab 20:30 Uhr ebenfalls gespielt, wobei die Betonung durchaus auf „gespielt“ gelegt werden darf. Die Borussia versteckt sich nicht, sondern beweist, dass sie auch gegen die großen der Bundesliga in der Lage ist, ihr neu gewonnenes Gesicht zu zeigen.
Bayern spielt zwar seine technische Klasse aus und kommt – der Gladbacher Offenheit sei Dank – früh zu Tormöglichkeiten. Aber Gladbach ist genauso gewillt, etwas zu der Partie beizutragen. Und so haben Paauwe und Marin gute Szenen, als sie es aus der Distanz versuchen. Auf der Gegenseite ist es erst Toni per Kopf, dann der für Miro Klose spielende Podolski, der alleine auf Heimeroth zuläuft und vergibt.

Das Aufeinandertreffen der beiden Klubs, die einst dafür sorgten, dass von 1969 bis 1977 kein anderer Vereinsname als Bayern oder Gladbach auf der Meisterschale eingraviert wurde, wird mit der Zeit immer hitziger. Munter geht es zur Sache, als Toni lauthals einen vermeintlichen Ellbogencheck von Friend reklamiert und im Eifer des Gefechts den Linienrichter wegschubst. Der Italiener sieht Gelb. Rot wäre nicht zwingend nötig gewesen, aber durchaus vertretbar.

Nachdem Neuville freistehend vor Rensing vergibt, geht es torlos in die Halbzeit. Die Haupttribüne gleicht in der Pause der russischen Taiga – weit und breit kein Mensch, nur triste graue Sitze. Die Scampi-Prosecco-Tribüne macht ihrem Namen alle Ehre.
Die werten Herren haben den letzten Schluck noch im Mund, als 6000 Gladbacher auf den Rängen und 11 auf dem Platz eiskalt erwischt werden. Podolski flankt von links, der Ball tippt auf, Heimeroth verlässt sich auf Voigt, der vertraut auf seinen Schlussmann und schon steht Toni mutterseelenallein am langen Pfosten und köpft ein.

60000 Verrückte in Rot und Weiß hüpfen auf einmal jubelnd um die Wette. Vom scheinbaren Winterschlaf, den die Münchener Anhänger in Halbzeit eins gehalten haben, keine Spur mehr.
Konsterniert und mit dem Kinn auf die Hand gestützt, lasse ich meinen Blick durchs weite Rund schweifen.
Wie in einem Film kommen alte Szenen wieder hoch, die mir einst beigebracht haben diesen Verein zu hassen: Manchester dreht vor meinen Augen das Endspiel in Barcelona ’99, Olli Kahn pariert den entscheidenden Elfmeter gegen Valencia und stürmt im selben Moment zur Eckfahne in der AOL-Arena und bejubelt die Last-Minute-Meisterschaft 2001. Vor Wut zerreiße ich das Mannschaftsfoto des FCB im damaligen Kicker-Sonderheft.
Mir wird klar, dass ich aufgrund unserer eigenen Bundesliga-Abstinenz und den starken Auftritten des FCB schlichtweg vergessen hatte, diesen Klub zu verachten. Und deshalb denke ich mir: Selbst wenn’s schief geht, hat dieser Ausflug wenigstens etwas Gutes.

Da kann ich ja noch nicht ahnen, dass Neuville im nächsten Angriff von Ndjeng geschickt und nur durch eine Glanzparade von Rensing auf dem Weg zum postwendenden Ausgleich gestoppt wird.
Die Jungs von Jos Luhukay geben nicht auf und probieren weiter Geschichte zu schreiben. Zehn Minuten später scheinen die Lichter für die Borussia jedoch zu erlischen. Toni nutzt eine schon fast vergebene Chance, um per Weitschuss das 2:0 zu erzielen. Der Ofen ist wohl aus.

Da kann ich ja noch nicht ahnen – man sieht, ich tappe von einer Ahnungslosigkeit in die nächste –, dass Marcel Ndjeng aus dem Nichts abzieht und in der 70.Minute aus gefühlten 37 Metern den Anschluss wieder herstellt.
Spätestens jetzt übertönt der Gästeblock den Rest der Allianz-Arena. Nachdem zuvor zum Zwecke der Solidaritätsbekundung schon Klassiker wie „You’ll never walk alone“ angestimmt wurden, glimmt die Hoffnung jetzt wieder ein wenig.
Doch der Borussia gelingt es nicht, den erhöhten Druck in Chancen und vor allen Dingen in Tore umzumünzen. Das 3:1 des eingewechselten Klose ist kurz vor Schluss die Entscheidung.

Ottmar Hitzfeld wird der Borussia nach dem Abpfiff bescheinigen, dass am Wiederaufstieg des fünfmaligen Deutschen Meisters Dank solcher Auftritte keine Zweifel bestehen. Und die Medien werden größtenteils feststellen, dass der VfL sich „teuer verkauft“ habe.

Ehrlichen Beifall hat eine Mannschaft nach einer Niederlage noch nie von mir erhalten, doch heute haben die Jungs es sich verdient. Auch wenn der Traum von einem historischen Abend ein Traum blieb.
Aber auf Pilgerfahrten gibt es schließlich selten etwas zu gewinnen. Pilgerfahrten sind dazu da, zu einer Erkenntnis zu kommen und etwas mitzunehmen. Und was ist meine Erkenntnis von diesem Ausflug gen Süden, was nehme ich mit?

Ich hatte tatsächlich vergessen, wie sehr ich den FC Bayern von ganzem Herzen verabscheue…

02. November 2007 von Jannik Sorgatz
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