Köln – Gladbach: 0:4, Kölnisch Wasser

Noch ist er immer da, der Ohrwurm nach dem Derbysieg: “Oh wie ist das schön!” Mit einem 4:0 in Köln fährt die Borussia den ersten Sieg seit neun Spielen ein, den höchsten seit 2002 und den höchsten in der Fremde seit 17 Jahren. Das hat einen Hauch von Geschichtsträchtigkeit – und fühlt sich auch genau so an.

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Es ist nicht viel, was Köln und Mönchengladbach verbindet. Was immer es auch sein mag, die jeweils vierspurigen Anfahrtswege zu den Stadien zählen dazu. Übersetzt müsste „Aachen“ in etwa „verstopft“ heißen, denn in jenem Zustand befindet sich die Aachener Straße in aller Regelmäßigkeit. Wobei es ihr egal ist, ob sie ihre Fahrbahnen nun durch Köln oder Mönchengladbach zieht. Denn in beiden Städten führt sie am Stadion vorbei.

Um zwölf Uhr sind wir aufgebrochen, mit dem Auto, das hat sich im Frühjahr bewährt. Flaschen fliegen höchstens, wenn ich bremse und mein Bruder eine auf der Rückbank liegen lässt. Scheiben zerbersten nicht durch Menschenhand. Feuerwerkskörper sucht man vergebens. Die Gewaltbereitschaft hält sich in Grenzen, wenn die Borussia nicht gerade ein Auswärtsspiel wie in Stuttgart abgeliefert hat. Und Fahnen klaut im Auto sowieso niemand – wie denn auch, beim Alkohollimit von 0,3 Promille.

Köln gegen Gladbach - das fand diesmal zum Glück nur auf dem Fußballplatz statt.

All die beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten haben die vergangenen Jahre Derbygeschichte zeitweise mehr bestimmt als ein rollender Ball. Im März 2008 entwenden Kölner Ultras eine Zaunfahne ihrer Gladbacher Pendants aus deren heiligen Räumlichkeiten. Die Ultras MG lösen sich zeitweise auf. Wenige Wochen danach präsentieren die Kölner eben jene Fahne beim Derby im Rhein-Energie-Stadion. Der Gästeblock und all die Borussenseelen darin kochen, die Spieler müssen deeskalieren, es folgen Ausschreitungen im Anschluss. Im darauf folgenden Herbst schreiben Gladbacher Was-auch-immers das nächste Kapitel, indem sie Fanbusse mit Feuerwerkskörpern beschießen. Beim Rückspiel fliegen außerdem noch Fäuste, und wieder Raketen, diesmal auf eine Straßenbahn mit Gladbacher Fans. Die Polizei hat ihre liebe Mühe.

Vergangene Saison bedeutet ein Alkoholverbot in der Gladbacher Innenstadt dann die nächste Stufe der offiziellen Maßnahmen. Es bleibt ruhig, genauso im März dieses Jahres, als die Einsatzkräfte die Lage nach kurzer Eskalation schnell in den Griff bekommen. Das also ist die Chronik der vergangenen zweieinhalb Jahre. Die Chronik des Aufruhrs rund um ein Derby, das für mich zuvor immer ein Spiel gewesen war, auf das man sich einfach nur freute und das die Borussia in schöner Regelmäßigkeit für sich entschied.

Doch kein Großer Preis von Müngersdorf

Jetzt, Saison 2010/2011, ist es ein Novembertag mit so viel Regen, dass die sportliche Lage beider Mannschaften nur allzu gut verbildlicht wird. Egal ob „das Wasser bis zum Hals“ steht oder VfL und der FC gewaltig „schwimmen“ – alles, was das Metaphernherz begehrt, prasselt am Samstag ununterbrochen vom Himmel. Es ist so ein Scheißwetter, das einen all die Leute verfluchen lässt, die immer vom Herbst als Jahreszeit von unerkannter Schönheit schwärmen.

Ecke des Glücks - rund 7000 Borussen fanden den Weg hierhin.

Nach trügerischer Leere und Ruhe im einen und G8-Gipfel-Aufgebot im anderen Jahr, bietet sich vor dem Stadion diesmal ein noch anderes Bild. Die berüchtigte Wiese, von einigen gerne mit der Vorsilbe „Blut-“ versehen, ist weiträumig abgesperrt. Gitter ziehen sich von einer Ecke zur anderen. Circa ein Dutzend Polizeipferde und die riesigen Pfützen wecken CHIO-Assoziationen. Springreiten mit Wassergraben, Lukas Podolski auf „Faryd“ und Marco Reus auf „Boba“ – bei gleich vielen Punkten zählt nicht das Torverhältnis, sondern die Zeit.

Mein Bruder, erstmals beim Derby, und Stefan, Boisheimer Handballkollege, wirken beeindruckt, während Nils und ich es längst gewohnt sind, die Polizeisirene eine Woche lang nicht aus dem Gehörgang zu bekommen. Wie eine Erbse, die sich darin verirrt hat, obwohl man Erbsen im Gehörgang, genau wie diese Szenerie in Köln, eher traurig findet. „Platzsperre“ steht auf einem Schild vor der Blutwiese. Der Große Preis von Müngersdorf fällt ins Wasser, stattdessen soll Fußball gespielt werden. Deal.

Ein Kölner im Gästeblock

Immerhin scheint sich die Polizei wirklich mit ihren bisherigen Derbyeinsätzen zu beschäftigen. Vielleicht liest irgendein Auszubildender sogar diese Texte hier. Vielleicht ist man deshalb darauf gekommen, dass weder Non-Präsenz noch freundliches Bereiten des Schlachtfeldes Idioten beider Lager davon abhalten wird, die Kräfte zu messen. (Wobei festzuhalten ist, dass sich Borussenfans im direkten Stadionumfeld zuletzt nichts geleistet haben, was das Kommentatorenherz bei Sky in Rhytmusstörungen versetzen würde). Jedenfalls bleibt es ruhig. Kein Wunder: Nur wer eine Karte für die entsprechenden Blöcke vorzeigen kann, darf die blickdichten Bauzäune passieren.

Derbytime im Rhein-Energie-Stadion

Ein Kölner hat sich dennoch in den Gästeblock verirrt. Mit seinem rot-weißen Karnevalshut und dem auffälligen Schal zählt der FC-Fan jedoch eher zur bemitleidenswerten Sorte, die das jecke Treiben immer wieder mit dem Fußball verwechselt. Getreu dem Motto: Rosenmontag ist, wenn der Schiedsrichter pfeift – und „Mer losse d‘r Dom im Abseits“. Nach ein paar Pöbelarien der freundlicheren und vor allem rein verbalen Sorte ist für den Verirrten jedoch Aschermittwoch. Ein Security-Mann geleitet ihn aus dem Block, was er dem Mann in der grellgelben Jacke im Nachhinein danken wird.

Ohnehin lässt sich ein Stadionbesuch in Köln ja nie ohne jecke Eindrücke bewältigen. Die Bläck Föös dürfen eine Wir-haben-uns-alle-lieb-Hymne performen, mit Kölner und Gladbacher Schülern im Chor. Sogar Rainer Bonhof singt mit und kurz hat es den Anschein, als hätten sich wirklich alle lieb. Dann laufen diverse andere Karnevalsbands und ich würde nur allzu gerne in meinen Bruder hineinblicken, der sich als Ganzjahresfan dieser Musik in einem unwürdigen Zwiespalt befindet. Im Stau auf der Aachener Straße hatte er als Kontrast drei Kölner Fans als „Mistkerle“ bezeichnet, woraufhin ich ihn freundlich darum bat, dies zu unterlassen, sobald wir den Faraday‘schen-Derbykäfig verlassen. Er sollte sich dran halten.

Pyrotechnik und die nicht endende Diskussion

Zur Eröffnung der Wasserspiele von Köln gibt es eine ansehnliche FC-Choreo auf der Südtribüne. „Em Veedel häld mer zosamme, egal, wat och passeet“ – Jajalo, Varvodic und Co. werden die Botschaft auf dem Banner sicher verstanden haben. Wir wollen es an dieser Stelle mal nicht übersetzen. Nachher kommt die bunt zusammengewürfelte Truppe noch darauf, was die Fans da von ihnen gefordert haben. In den Refrain hinein zünden die Ultras im Gästeblock ein paar Bengalos. Sollen sie sich doch ihren Hintern verbrennen, ist mir doch egal, sagte Kai Dittmann auf Sky sinngemäß über die Hannoveraner-Fans, die in Mainz ihren pyrotechnischen Trieben freien Lauf ließen.

Bengalische Feuer im Gästeblock - diesmal kreativ, jedoch weiterhin Streitobjekt.

Nach all dem Gefluche, nach all den hilflosen Allgemeinplätzen über die Sinnlosigkeit von Bengalos belässt man es wohl wirklich am besten bei dieser Einstellung: Fackelt euch doch ab, wenn ihr wollt, nur lasst uns damit in Frieden. Immerhin kann man ihnen diesmal zugute halten, dass sie relativ kreativ waren und die Flammen unter einer schwarzen Fahne mit weißem „VfL“-Schriftzug ganz nett aussahen – solange ich nicht drunter oder daneben stehen muss. Der Rauch hüllt das Stadion dennoch minutenlang in dichten Nebel.

Als ob die FC-Fans da bereits ahnen, dass ihre Mannschaft die Borussia in den folgenden 90 Minuten nicht überbieten wird, legen sie wenigstens in Sachen Dummheit größeren Einsatz an den Tag. Während das riesige Choreo-Banner aus der Kurve entfernt wird, stürmen ein paar Was-auch-immers den Platz. Die Ordner sehen ein paar Sekunden so untätig zu wie die Verteidiger ihrer Mannschaft im Anschluss. Platzstürmung vor dem Spiel – im Fachjargon nennt man das ein „Berliner Frühstück“. Vielleicht waren die angezogenen Flitzer so aufgebracht, weil im Gladbacher Block jemand ein rotes Etwas präsentierte, das von oben wie eine geklaute Zaunfahne aussah. Es hätte in jedem Fall etwas von Stierkampf.

Zunächst Kölner Vorteile beim Wasserball

Ach ja, genau, Fußball, darüber wollte ich auch schreiben. Dass es noch nicht an der Zeit ist, ein paar Worte über ein echtes Fußballspiel zu verlieren, liegt diesmal jedoch weder an Fans noch an Spielern. Tief „Carmen“ ergießt sich weiter über Köln und sorgt nach abgesagtem Springreiten und einem Hauch von Stierkampf für eine Runde Wasserball. Die Länder vom Balkan sind darin eine große Nummer. Womit erklärt wäre, warum der FC zunächst etwas besser mit den Verhältnissen zurecht kommt. Jajalo (Kroate) lässt Brouwers (Niederländer) aussteigen und kommt völlig frei zum Abschluss. Doch Heimeroth hat sein Repertoire (geschlossene Bahnschranke etc.) erheblich erweitert. Neu dabei: die geöffnete. Seelenruhig bleibt er stehen, macht sich groß und lässt sich von Jajalo anschießen. Vorbei die Gefahr.

Laut Südtribüne hält man zusammen - "egal, wat och passeet". Ob ein 0:4 im Derby dazu zählt?

Die Borussia steht viel zu tief in der ersten Hälfte, um nach Ballgewinnen gewohnt überfallartig in die Spitze zu spielen. Stattdessen geht es, auf beiden Seiten, meist hoch nach vorne. Bezeichnend, dass Levels am Ende mit 59 die meisten Ballkontakte bei den Gästen hat. Einmal wenigstens entwischt Bobadilla auf der Außenbahn seinem Gegenspieler. Hinter ihm verbleibt eine Wasserfontäne, als hätte jemand Superbowl-like einen Behälter mit isotonischem Getränk über dem Siegercoach entleert. Als die Wassermassen zurück in ihrem Ursprungszustand sind, ist Bobadilla längst in Strafraumnähe, legt zurück auf de Camargo. Doch der versucht es auf dieselbe Weise wie beim Steinetitschen auf dem Ententeich und kommt nicht ganz so weit, wie er es wohl im Sinn hatte.

Beim Eckenverhältnis sieht es ungewohnt eindeutig aus. Ein Kantersieg nach Eckbällen bahnt sich für die Borussia an. Kölns Keeper Varvodic arbeitet immer noch akribisch an der Übersetzung des Bläck-Föös-Liedes. Einmal hakt es bei „Hüsjer un Jasse“ – da verfehlt Reus knapp das Tor. Dann kommt Varvodic in Strophe zwei bei „Bühle un Schramme“ nicht weiter – und seine Kollegen müssen gleich drei Schüsse abblocken.

Tom Buhrow, der Vollprofi

In die Pause geht es torlos, zum dritten Mal in Folge beim rheinischen Derby. Die Gastgeber haben Tom Buhrow eingeladen. Der Tagesthemen-Sprecher ist FC-Mitglied. Das scheint er wirklich zu sein, nicht nur honorarmäßig für ein Interview in der Halbzeitpause, sondern mit ganzem Herzen. Jedenfalls lässt ihn der Stadionsprecher von seinen Taxifahrten zum Hamburger Flughafen erzählen, wenn er als Exil-Geißbock mit dem Fahrer, ebenfalls Köln-Fan, wenigstens ab und zu über seinen Verein philosophieren kann. Und weil er das so fein verkauft, bekommt Buhrow ein FC-Trikot überreicht. Sein Name steht sogar hinten drauf. Doch irgendjemand hat das „h“ vergessen. Buhrow, ein Vollprofi eben, lässt sich nichts anmerken. Er nimmt den roten Lappen mit einem Gesicht entgegen, als bekäme er in den Tagesthemen die Eilmeldung reingereicht, dass sein eigenes Auto gestohlen wurde, und müsse die Nachricht nun ganz nüchtern verkünden. Huht ab!

"Smoke on the Water" - ein Bild wie ein Lied

Ganz so komisch beginnt die zweite Halbzeit jedoch nicht. Brouwers hat sich kurz vor der Pause einen Muskelfaserriss zugezogen und muss raus. Für ihn gibt Dante sein Comeback, mit einem Komparativ von Afro, ach Quatsch, mit einem Superlativ von Afro. Der steht zunächst aber nicht im Fokus. De Camargo leistet sich an der Mittellinie ein kleines Duell im Schlammcatchen. Der Linienrichter will ihn als Sieger gesehen haben, hebt die Fahne und will Freistoß signalisieren. Schiedsrichter Gagelmann plädiert für ein Unentschieden, deutet gestenreich wie der Priester im Sonntagsgottesdienst „Weiterspielen!“ an.

Marco Reus ist immer noch erstaunt, liebäugelt kurz damit, die Steuererklärung zu machen, um sich etwas zu beruhigen. Doch dann zieht er wieder an. Die FC-Abwehr staunt wie ein Düsseldorfer über Alaaf-Rufe. Letztes Mittel: ein Foul zwanzig Meter vor dem Tor. Gleich vier Borussen tummeln sich um den Ball, keiner heißt Arango. Da er wenigstens Spanisch spricht, übernimmt Bobadilla die Aufgabe. Flach, mit Aufsetzer – das muss bei dem nassen Boden das Mittel sein. Bobadilla aber ist Ästhet, zirkelt den Ball lang in die Torwartecke. Varvodic ist woanders. Mit den Bläck Föös im Vip-Bereich? Keiner weiß es. Was aber alle wissen: Der Schuss trifft den Innenpfosten, der Ball springt ins Tor. Je später der Nachmittag, desto glücklicher die Gäste.

Dante und Brouwers verletzt

Die Führung fordert aber gleich zwei Opfer. Herrmann humpelt zwar nicht aus dem Grund vom Platz, dass die Borussia führt. Es hat jedoch den Anschein, als sei das der Deal: Lacht, schießt Tore und habt Spaß – aber gebt dem Fußballgott dafür auch etwas zurück. Weil der nach Herrmanns Auswechslung für Idrissou immer noch nicht zufrieden ist, rutscht Dante kurz darauf aus und verdreht sich das Knie (auf andere Weise kann man so viel Verletzungspech kaum erklären). Die Sanitäter müssten im Schwimmbad Köln-Müngersdorf längst mit Schlauchbooten aufs Feld eilen. Dante verlässt den Platz aber auf der Trage – immerhin hat sich der Verdacht auf einen Kreuzbandriss nicht bestätigt.

"Es ist schon viele Jahre her, da ging mein Herz verlor'n; in Eicken auf dem Bökelberg, meine Liebe war gebor'n."

Vier Minuten später zieht Bobadilla von der Strafraumgrenze ab. Der Abpraller landet bei Idrissou, der den Ball direkt wieder dahin befördert, wo er herkam. Wiederum Bobadilla verleiht dem Angriff mit der Hacke einen Hauch von Wasserballett und legt ab auf Bradley. Der einzige Gladbacher Spieler ohne nasse Haare zieht ab, Varvodic taucht ab und denkt sich das 7. Kölner Gebot: Wat wellste maache? Denn Mohamad fälscht so ab, dass sein Keeper ohne Chance ist. Und 7000 Borussenfans ist schlagartig klar, warum zuvor gleich zwei Spieler auf einmal verletzt runter mussten (den Dritten, Brouwers, haben sie da schon vergessen, doch das wird sich ändern).

Gladbach und eine Führung – das ist bisweilen keine gute Kombination. Häufig igeln sich elf Borussen in der eigenen Hälfte ein. Diesmal ist es anders. Sie greifen an, wollen mehr. Denn wer läuft, steht nicht im Regen. „Und jetzt was fürs Torverhältnis tun“, habe ich nach dem 2:0 in die Wassermassen hinein gerufen. Manchmal verkauft man Dinge als Ironie, obwohl man sie ernst meint. Jedenfalls macht der VfL weiter, wittert, dass Großes in der Luft liegt.

Wende zum Guten

Wieder läuft der Angriff über Bradley, heute so stark wie der Dollar in besten Zeiten. Über konjunkturschwache Kölner hinweg rollt der Konter. Reus kann es schon selbst machen, entscheidet sich für ein Integrationspässchen auf de Camargo. Der bedankt sich mit dem 3:0. Noch vor vierzehn Tagen fühlte sich der FC nach dem 3:2 gegen Hamburg schier übermächtig. In Gladbach stattdessen überlegte man im Umfeld nach dem 0:3 in Lautern, ob Kontinuität nicht doch Blödsinn ist, ob nicht langsam etwas passieren müsste – oder ob es zumindest bald so weit war, dass man darüber nachdenken konnte, etwas passieren zu lassen. Zwei Wochen danach hat sich das Blatt gewendet. Köln ist Letzter und alle Borussen haben einen Ohrwurm von „Oh, wie ist das schön“.

Heimische Gefühle beim Auswärtsspiel

In den Schlussminuten wird de Camargo behandelt. Frontzeck hat dreimal gewechselt. Doch in jenen Momenten ist das Selbstbewusstsein so groß, dass man dafür plädieren möchte, der Fairness halber mit neun, ach was, mit acht oder sieben Feldspielern die Partie zu beenden. So richtig fair wäre das auch nicht, also reißt sich de Camargo zusammen. Da drei Tore Differenz diese Saison selbst auswärts schon vorkamen, hat Bobadilla in der Nachspielzeit noch Lust, Geschichte zu schreiben. Rechts ist Gas, denkt er sich. Den Kölner, der ihn einholt, lässt Bobadilla stehen. Ein Schuss, ein Schlenzer und mit dem 4:0 ist der höchste Auswärtssieg seit dem 13. November 1993 perfekt. Auf den Tag genau 17 Jahre zuvor gewann der VfL ebenfalls mit 4:0, ebenfalls in Köln. Das glaubt einem doch keiner.

Stefan hat gar keine Zeit, die Anzeigetafel zu fotografieren. Denn mit Bobadillas zweitem Treffer des Tages ist das Spiel zu Ende gewesen. Stattdessen läuft Werbung auf dem Videoscreen. Wenigstens da will der 1. FC Köln Überlegenheit demonstrieren. Wir können es verschmerzen, hängen neben dem 6:3 aus Leverkusen stattdessen das Bild vom 3:0 auf.

Wie das erste Butterbrot nach einem Jahr ohne

Längst müsste der Platzwart ein Schild mit der Aufschrift „Platz gesperrt“ an den Becken-, pardon, an den Spielfeldrand stellen. Gladbach hat die Regenschlacht von Köln gewonnen, in der die Betonung letztendlich mehr auf „Regen“ lag. Die Mannschaft gönnt sich den kollektiven Diver. Und überhaupt, wer spielt schon nicht gerne im Regen? Weil die Rutschpartie auf dem Bauch so viel Spaß bereitet hat, ist bei der zweiten Runde sogar Michael Frontzeck dabei. Oben ist da, wo die Bäuche unten sind. Es ist der erste Dreier nach neun sieglosen Spielen für die Borussia. Und obwohl es nur ein einziger Dreier ist, fühlt es sich an wie damals das erste Butterbrot nach dem Austauschjahr in Amerika – nur eine Scheibe Graubrot mit Schinkenwurst, aber gefühlt so viel besser.

Nach dem Spiel ärgert sich Köln-Trainer Schaefer, dass Gagelmann vor dem Freistoß zum 0:1 das Spiel weiterlaufen ließ. Und an der Stelle darf man ruhig einmal vor fremden Türen kehren: Den FC-Verteidigern blieben mehrere Sekunden, um die Situation zu entschärfen. Das Foul war eine von vielen Lösungen. Anschließend könnte ihr Torwart noch immer den Schuss in seine Ecke parieren, anstatt zuerst in die andere zu irren. Wer so nach Ausreden sucht, der muss sich nicht wundern, wenn es im Regen zum Waterloo kommt.

Nach neun sieglosen Spielen muss es verdammt gut tun, so selbstbewusst in die Kurve zu gehen.

Übrigens hatte Gladbach in der Bundesliga auch zu Hause seit Ewigkeiten nicht mehr mit vier Toren gewonnen. Am 5. Februar 2002 erzielte Arie van Lent innerhalb von 14 Minuten einen lupenreinen Hattrick. Die Borussia gewann mit 4:0 und der Gegner hieß – man muss nicht, darf es aber glauben – Köln. Dass der VfL viermal in einer Halbzeit traf, müsste ebenfalls so lange her sein. Am Abend zuvor habe ich zufällig die Ewige Tabelle der Bundesliga angeschaut und bin bei den selbst erzielten Toren auf die Zahl 2495 gestoßen. ‘Borussia Mönchengladbach könnte morgen sein 2500. Bundesliga-Tor erzielen’, schrieb ich deshalb bei Twitter, ‘fünf gegen Köln würden schon reichen. Na dann mal los!’ Und da war sie wieder, die Ironie, die man als solche verkauft und es dann doch völlig ernst meint.

Auf der Hinfahrt noch ertönte die „Elf vom Niederrhein“ dezent aus den Auto-Lautsprechern. Jetzt, im Regen von Köln, reicht der Mut sogar für volle Lautstärke. Denn wer immer uns auch folgen sollte, sieht eh nur unsere Rücklichter. Die sind übrigens rot – genau wie eine gewisse Laterne, die neben mir auf dem Schreibtisch steht und Montag den Besitzer wechselt.

15. November 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 10 Kommentare

Kommentare (10)

  1. Hi Jannik,

    einmal mehr ein mehr als gelungener Bericht! Chapeu! Ich habe beim Wasserball den folgenden Vergleich bemüht: “… – das Grün glich einem Rübenacker, der stellenweise mit derart tiefen Pfützen versehen war, dass ein Marko Marin darin bis über den Scheitel verschwunden wäre.”

  2. Ich hab ja grad wirklich keine Zeit, so lange Texte zu lesen, aber was will man machen? Sehr schön.

  3. Schoen, einfach schoen :)

  4. Huht ab!!! Auch vor dir, Jannik. Diesmal ein extra-besonderer Genuss, deinen Blog zu lesen. Du sprichst mir übrigens aus der Seele: “Und jetzt was fürs Torverhältnis tun!” Ich freue mich jede Woche jedenfalls wieder über deine tollen Berichte. Danke. Dann hoffen wir mal das Beste und auf den endlich fälligen Dreier zuhaus. Da kann Mainz gerne noch ein wenig schwächeln…

  5. Das Problem war nicht, dass Gagelmann nicht auf Foulspiel entscheidet, wie ihm sein Assistent durch wildes Wedeln mit der Fahne dezent signalisieren wollte, sondern, dass er die Situation völlig falsch verstanden hat.

    Wenn er sich als Hauptschiedsrichter über die “Empfehlung” seines Assis hinwegsetzt, dann ist das sein gutes Recht, ABER dann brauch er auch nicht “Vorteil” (beide Arme schräg nach oben) anzuzeigen, sondern kann sie einfach unten lassen.

    Spielentscheidend war die Szene deshalb, weil der Äff Zeh, aber eigentlich auch genauso BMG, in dieser Saison viel Glück braucht (wie gegen den HSV) um Spiele zu gewinnen und einfach nicht die nötige Qualität hat solche Schicksalschläge wegzustecken und zu egalisieren. Schon gar nicht bei so einem Rasen und erst recht nicht im Derby.

    Aus Erfahrung weiß ich, dass in solchen Saisons meist der Abstieg feststeht und dann nicht mal knapp.

    Gruß aus der Domstadt.

    PS: Bericht war sehr nett zu lesen.

  6. Sehr gelungener Bericht! Top!

    Nur – ist es nicht “Es ist schon viele Jahre her” in der ersten Zeile des entsprechenden Liedes?

    Aber so oder so – schöne 10 Minuten dank deines Berichts gehabt!!

  7. Vielen Dank für Eure Kommentare!

    Habt Recht, natürlich muss es “Es ist schon viele Jahre her” heißen – ist spät geworden gestern.;) War so versunken beim Schreiben, dass ich glatt den Umstieg auf der Zugfahrt verpasst habe und erst über Umwege nach Dortmund gekommen bin. Recklinghausen-Süd, Wanne-Eickel – ein Traum.

    @Gagelmann: Danke für den Hinweis zur falschen Geste von Gagelmann. Hatte ich so noch gar nicht gesehen. Vielleicht hatte er ja auch, wenn überhaupt, ein Foul an und keins von de Camargo gesehen. Dann wäre “Vorteil” wieder die korrekte Entscheidung gewesen. Und Kopf hoch, Du weißt, im Grunde will ja niemand, dass der FC absteigt. Bundesliga ohne Derby ist eben nicht dasselbe.

    @Fohlenfreundin: Die Zeichen fürs Mainz-Spiel stehen ziemlich gut: Leverkusen, Stadt am Rhein, Sieg – Leverkusen, Stadt am Rhein, Sieg – Köln, Stadt am Rhein, Sieg. An welchem Fluss Mainz liegt, muss ich sicher nicht erwähnen.;)

  8. Gagelmann hat die Situation vollkommen richtig verstanden: Foul von Salger an de Camargo, daher Vorteil als der Ball in Gladbacher Reihen blieb. Daß Schäfer sich zum Klops macht, indem er das Debakel an dieser einen Szene aufhängt ist ja wohl kaum dem Schiri anzulasten.
    Aber gut, schließlich hat Michael Frontzeck solcherart Slapstick auch schom zum Besten gegeben, nach dem 0:4 gegen Frankfurt beispielsweise wegen des nichtgegebenen Tors von Idrissou – somit kann Gleichstand konstatiert werden.
    Jetzt heißt es gegen Mainz nachlegen! Mich beschleicht da so ein ungutes Gefühl in Erinnerung an den letzten Derbysieg unter H. Meyer als das folgende Heimspiel vergeigt wurde, da man offensichtlich glaubte, jetzt könne man Bochum mit Hacke, Spitze, einszweidrei weghauen. Gegen Mainz sind drei Punkte Pflicht, sonst taugt der Derbysieg nicht mal für die Galerie.

    Fohligste Grüße aus Sachsen- Anhalt

  9. Immer wieder tolle Berichte :-)
    Bis ins kleinste Detail.

  10. Pingback: Gladbach – Stuttgart: Trauerfeier at Entscheidend is auf’m Platz

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