2008×12 – Oktober

Entscheidend is auf’m Platzhirsch des Monats:
Kevin Kuranyi

Im Oktober hatte es den Anschein, der deutsche Fußball hätte alle Staffeln von „Dallas“ importiert – so sehr wimmelte es von Intrigen und Schlammschlachten. Beim Länderspiel in Dortmund begab sich Kevin Kuranyi auf die Flucht, während unten auf dem Platz die Russen in die Schranken gewiesen wurden. Kuranyis „Ära“ endete abrupt, René Adlers nahm da erst ihren Anfang.

In den folgenden Wochen konnte Jogi Löw das Studio von DFB.tv nur selten verlassen. Der Gute wusste weder ein noch aus vor lauter Stellungnahmen. Denn nach Kuranyis Demission hatte sich Michael Ballack kurzerhand dazu entschlossen, bei den „Internas“ die Vorsilbe zu ändern und mithilfe der FAZ „Externas“ daraus zu machen. Torsten Frings hielt seinem gegen Windmühlen kämpfenden Freund daraufhin den Rücken frei und stocherte das Messer noch tiefer ins Fleisch der lange Zeit beschaulichen Stimmung in der Nationalmannschaft. Don Quijote und Rosinante entschuldigten sich jedoch brav und stärkten dank dieses herbstlichen Machtgeplänkels ironischerweise vor allem ihrem Chef den Rücken. Denn der behielt letztlich die Oberhand und ließ sich nicht auf das Katz-und-Maus-Spiel seiner Leitwölfe ein.

Der Oktober brachte neben dem 2:1-Erfolg gegen Russland einen knappen Sieg gegen Wales, der die Frage aufwarf, warum es Länder wie Wales überhaupt gibt bzw. warum zum Teufel sie eine Nationalmannschaft aufrecht erhalten. Und obwohl er vier Tage nach seiner Flucht endgültig „allein zu Haus“ war, schwebte Kevin Kuranyis Schatten irgendwie doch über dem müden Spiel im Gladbacher Borussia-Park.

Robert Enke hatte derweil wenig zu lachen. Auf dem Weg zur Nummer eins setzte ihn ein Kahnbeinbruch für Monate außer Gefecht. Zudem gingen die Lehman Brothers Bankrott. Kahn..? Lehman(n)? Kann das Zufall sein?

Auch in Gladbach waren Ruhe und Zufriedenheit das, was man vergeblich suchen konnte. Das Derby gegen Köln sorgte nicht nur durch Ausschreitungen und die erste Heimniederlager der Borussia gegen den FC seit 16 Jahren für Schlagzeilen. Im Gedächtnis geblieben ist besonders Jos Luhukays Rausschmiss am folgenden Tag. Der Alptraum von Lothar Matthäus bewahrheitete sich zwar nicht. Doch auch Hans Meyer Verpflichtung wenig später löste nur bedingt Jubelstürme aus.

Dazwischen markierten 10 000 Borussenfans beim Auswärtsspiel in Bochum das Revier. Ich sah nicht nur eins, sondern sage und schreibe zwei Auswärtstore. Endlich hatten sich an die 1500 Reisekilometer bezahlt gemacht. Das 1:0 gegen Karlsruhe untermauerte zunächst das Bild vom „Hans im Glück“. Folgerichtig war der Nimbus des Trainerwechsels bereits in den folgenden Spielen aufgebraucht. In Wolfsburg setzte es ein 0:3 ohne jede Torchance, dafür aber mit zwei weiteren Elfern für den Gegner. Eine Weisheitszahn-OP ist dagegen ein Kindergeburtstag.

Und wenn es für den Verein des Herzens schon partout nicht laufen will, dann darf wenigstens die Bundesliga für heitere Momente im tristen Fußball-Alltag sorgen. „So soll es sein, so kann es bleiben“. Der vielzitierte „neutrale Beobachter“ erlebte einen regelrechten „goldenen Oktober“. Was sich besonders in „Spalte vier“ und auf den Anzeigetafeln bemerkbar machte.

Bei den Löwen in München blieb Berkant Göktan derweil seiner Linie treu und bewies erneut das richtige Näschen für Fettnäpfchen aller Art. Sein Rauswurf von 1860 im Zuge einer Kokain-Affäre markierte vorerst das Ende seiner Laufbahn, dafür aber den Beginn einer offensichtlichen „Themenwoche Kokain“. Denn: Diego Armando Maradona übernahm im Oktober das Amt des argentinischen Nationaltrainers.

In diesem relativ post-trächtigen Monat ging es außerdem um den Höhenflug des FC Barcelona, den „Klub der Hunderter“, größenwahnsinnige Portugiesen in Köln und eine „WM der sprachlichen Fettnäpfchen“ im Schwabenland mit dem Sieger Sami Khedira. Dazu war es einmal an der Zeit, einen kleinen Leitfaden in Sachen Schadenfreude zu erstellen.

Zu guter Letzt warf ein bedeutender Abschied seinen Schatten voraus: Die letzten sechs Wochen der Ära Manni Breuckmann brachen an. Grund genug für eine Würdigung seiner Verdienste um unser Fußball-Ohr. Denn Manni, der war, ist und bleibt „Einer wie keiner“.

31. Dezember 2008 von Jannik Sorgatz
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