Die Liga der Anderen (X): Leverkusen lauert

In der “Liga der Anderen” kommen jede Woche Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Heute macht Kerstin vor dem Spiel Leverkusen gegen Bayern klar, dass die Bayer-Elf lauert – falls das mit dem Dortmunder Höhenflug nicht ewig anhält. Dass ihre Mannschaft dabei nur selten brilliert, sieht sie keineswegs als Widerspruch.

Von Kerstin (Leverkusen)

Dortmund thront ganz oben an der Tabellenspitze. Das ist irgendwie komisch, wird sich aber spätestens in der Rückrunde ändern. Schalke dümpelt auf dem Relegationsplatz herum. Das ist auch komisch, wird sich aber leider ebenfalls ändern.

Wenn man sich die Tabelle nach zwölf Spieltagen so ansieht, findet man nur ein paar vertraute Phänomene: Das fröhliche Köln schunkelt mal wieder am Tabellenende und steuert geradewegs auf seinen persönlichen Aschermittwoch zu. Die ehemaligen Meisterwölfe mutieren trotz Dzeko und Diego wieder zu den grauen Mäusen und auf Platz zwei steht – na klar – Bayer Leverkusen.

Im Frühjahr 1997 begann das Mysterium Vizekusen. Eigentlich war dieses Jahr ein absolutes Gewinnerjahr für den deutschen Sport. Jan Ullrich nahm noch keine Pillen in zwielichtigen Diskotheken – oder machte es zumindest geschickter – und gewann als erster Deutscher die Tour de France. Olaf Thon, Yves Eigenrauch und Marc Wilmots reckten mit ihren Schalker Kollegen den zweitwichtigsten europäischen Pokal in den Mailänder Himmel. Die schwarz-gelben Nachbarn setzten dem Ganzen noch eine Krone auf und triumphierten in der Champions League.

Im Schatten dieser großen Taten formierte sich in Leverkusen unter Trainer Daum eine Truppe, die zu weitaus mehr fähig war, als es der Fastabstieg in der vorherigen Saision erwarten ließ. Ulf Kirstens Treffsicherheit und Fußballkünstler wie Emerson holten 1997, 1999 und 2000 die Vizemeisterschaft an die Dhünn.

Die bisher letzte Saison, die Bayer als zweiter Sieger beendete, war dann auch schon die Spielzeit 2001/2002. Das Vizejahr überhaupt, indem man trotz Traumfußball alles verspielte, gleichzeitig massig Sympathien gewann und Reiner Calmund öfter im Fernsehen war als Oliver Geißen und Barbara Salesch zusammen. Lucio sprintete mit maximal drei ausladenden Schritten elegant in des Gegners Strafraum, Michael Ballack schoss Tor um Tor und selbst Carsten Ramelow nannte man nur noch Ramelinho.

Trotz Verletztenmisere gefestigt

Von dem Glanz ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Lucio, der mittlerweile das Trikot von Inter trägt, wurde direkt nach seinem Wechsel zu den Bayern gezähmt und Ramelow singt womöglich nach seiner ersten CD mit Coversongs von Lionel Richie und den No Angels eine weitere Platte ein. Der einzige Name aus der glorreichen Vergangenheit, der im Kader der aktuellen Leverkusener auftaucht, ist Ballack. Der hat in den letzten Wochen aber bedauernswerterweise eher Krückenläufe mit Stefan Kießling veranstaltet, als Fußball gespielt.

Das Gesicht des Tabellenzweiten wird also momentan von denen bestimmt, die für die vielen Verletzten einspringen. Neuzugang Sidney Sam spielt seine Schnelligkeit aus und vergisst dabei in den entscheidenden Momenten auch nicht mehr den Ball. Zudem meldet der Matchwinner des Kaiserslautern-Spiels mit Fernschüssen Ansprüche auf die Kroos-Nachfolge an. Hanno Balitsch ist souverän und abgeklärt, egal wo Heynckes ihn einsetzt.

Hinzu kommt, dass die jungen Hüpfer wie Reinartz, Schwaab und Derdiyok, die in der letzten Rückrunde noch so kläglich abgerutscht sind, an Erfahrung gewonnen haben. Arturo Vidal ist das Prachtexemplar dieser Veränderung. Mit vier Toren führt der einstige Giftzwerg die interne Torjägerliste an und hat dabei noch keine gelbe Karte gesehen. Zu guter Letzt kommen auch die Langzeitverletzten nach und nach zurück. Renato Augusto hat dem Spiel in St. Pauli schon seinen Stempel aufgedrückt und gegen Bayern rückt zum passenden Zeitpunkt Sami Hyypiä zurück in den Kader.

Leverkusener Pragmatismus

Wenn man dann noch bedenkt, dass Leverkusen als bisher einzige Mannschaft den Tabellenführer aus Dortmund geschlagen hat, müssten es die anderen Teams eigentlich mit der Angst zu tun bekommen. Doch irgendwie interessiert es niemanden, dass die Heynckes-Elf so weit oben steht. Das liegt wohl daran, dass der Fußball, den sie spielen, über weite Strecken überhaupt nicht schön anzuschauen ist. Statt Galaauftritten, die unter Daum und Toppmöller fast schon an der Tagesordnung standen, Kabinettstückchen eines Bernd Schneider und hohen Kantersiegen mit mindestens einem Hackentor, gewinnen die aktuellen Leverkusener Spiele mit 1:0 in letzter Minute, laufen mit einer Spitze auf und sorgen selten für Zungenschnalzen auf der Tribüne.

Kurz gesagt, sie spielen so, wie Bayern München es tat, als die Süddeutschen noch erfolgreich waren. Diese Abgezocktheit und der unbedingte Wille, den die Mannen um Simon Rolfes an den Tag legen, könnten also das Ende des „Vizekusen-Mysteriums“ bedeuten. Heute Abend kommen die Münchner in die BayArena. Dann wird sich zeigen, wer besser ist: die Bayern, bei denen die Siegermentalität etwas eingeschlummert ist, oder die neuen Münchner aus Leverkusen, die diese Saison den Fluch des Zweiten abstreifen können. Den Namen „Meisterkusen“ haben sich die Verantwortlichen zumindest schon gesichtert.

20. November 2010 von
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. “Heute macht Kerstin vor dem Spiel Leverkusen gegen Bayern klar, dass die Bayer-Elf lautert…”

    Habe mindestens fünf Minuten drüber nachgedacht, welches feinsinnige Wortspiel mit Kaiserslautern ich da jetzt nicht verstehe… Bis ich feststellte, dass Herr Sorgatz sich schlicht und einfach verschrieben hat ;) Passiert. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zur Roten Laterne =)

  2. Trotz roter Laterne: Immerhin hab’ ich Dir fünf Minuten Deines erfolgreichen Wochenendes geklaut. So läuft das hier: Mit Rechtschreibfehlern verwirren.;)

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