Gladbach – Mainz: Nachgelegt

So viele Tage nach dem erneuten Rückschlag dürfte der Bericht vom Spiel gegen Mainz wie eine Prise Salz in den heilenden Wunden wirken. Aber heilen die Wunden wirklich? Ist der erneute Rückschlag nach dem sagenhaften Derbysieg wirklich verdaut? Nicht nur die Fans sind ratlos.

„Darf ich einmal in die Tasche sehen?“, fragt der Ordner am Eingang. „Äh, ja“, stammele ich etwas irritiert. Abtasten ist ja bekannt, ein Blick in die Tasche eher nicht. Was mehr daran liegt, dass ich ansonsten nie mit Tasche ins Stadion gehe. Der Ordner trägt heute einen Anzug. Die Kontrolle sei eine „Anweisung von oben“, er blickt die Fassade der Geschäftsstelle hoch, „wegen Terrorgefahr“. In meiner Umhängetasche findet er lediglich einen Laptop, ein Aufnahmegerät, ein paar Blätter und zwei Kugelschreiber. „Alles klar, danke“, sagt er und schon bin ich drin im Presseraum.

Nuri Sahin hat mit 16 Jahren und 335 Tagen sein Bundesliga-Debüt gefeiert, Jürgen Friedl war 17 Jahre und 26 Tage alt. Würde jemand das Alter von Bloggern und Journalisten bei ihrem ersten Besuch auf der Pressetribüne und in der Mixed Zone notieren, würde dort seit Samstag stehen: Jannik Sorgatz, 21 Jahre und 99 Tage. Die Redaktion von spox.com hat es möglich gemacht und war damit so etwas wie mein persönlicher Bert van Marwijk – der hat Nuri Sahin vor fünf Jahren auf den Platz geschickt.

Sahins Arbeitstag wird damals jedoch nicht mit einer Portion Kasseler, Kartoffeln und Sauerkraut begonnen haben. Mit dem Teller auf dem Schoß sitze ich im Presseraum und blättere durch das FohlenEcho. Weiter hinten steht Tom Bayer, der das Spiel für Sky kommentieren wird, neben Hansi Küpper (Liga Total). Man kennt sich – sie mich nicht, ich sie aber.

Thrombosegefahr: Wie im Hörsaal

Natürlich bin ich in zivil unterwegs – kein Trikot, kein Schal, kein gar nichts, was mich irgendwie als Menschen mit der Raute identifizieren könnte. Hoch auf die Tribüne geht‘s mit dem Aufzug, bis in den vierten Stock. Auf dem Spiegel im Lift prangt eine Raute. Die Lachshäppchen-Etagen mit den Logen ziehen vorbei. Die Presse sitzt unterm Dach. Und tatsächlich scheint die Karte, die um meinen Hals baumelt, gültig zu sein. Kein Traum, keine Fälschung, ich mache es mir auf meinem Sitz bequem. An für sich weckt Block 22A Erinnerungen an Vorlesungen im Hörsaal, die mangels Beinfreiheit das Thromboserisiko eklatant erhöhen. Ein paar Reihen weiter unter gehen Japaner ihrem Volkssport nach – sie fotografieren.

Ein paar Minuten brauche ich, um mich an die ungewohnte Sicht zu gewöhnen. Während 105 Meter aus der Hintertor-Perspektive elendig lang aussehen, wirkt das Spielfeld von der Seite geradezu gestaucht. Ich schöpfe Mut. So weit kann es von Tor zu Tor ja nicht sein. Nicht ganz so optimistisch scheinen die Mainzer Anhänger nach drei Niederlagen in Folge zu sein. Vielleicht 2500 haben den Weg nach Mönchengladbach gesucht und gefunden. Beim Überraschungsteam schlechthin genießt man die Spiele anscheinend lieber in vertrauter Karnevalsrunde, anstatt sich in der Ecke eines Betonklotzes 250 Kilometer von zu Hause weg die Füße wund zu stehen.

45 427 Zuschauer sind nach dem Derbyerfolg in den Borussia-Park gekommen, drittbester Besuch der Saison. Unter dem Block 1900 hängt ein Banner mit der Aufschrift „Danke, Jungs!“. Obwohl Gladbach in dieser Saison die Erwartungen von vor dem Spiel nur selten erfüllt hat, ist das Stadion zuversichtlich, das leicht erfolgsentwöhnte Mainz zu schlagen. Nach dem Motto: Wer sogar in Köln mit 4:0 gewinnt, der muss vor niemandem Angst haben. Immerhin liegt Mainz auch am Rhein – wie Leverkusen, wie Köln. Und irgendwie ist da diese Vermutung, dass sogar Aue noch ein wenig Wasser aus Deutschlands längstem Fluss abgekommen hat. Schließlich fuhr die Borussia dort ihren ersten von bislang vier Pflichtspielsiegen ein.

Heimeroth hält die Null

Auf der Presseinfo vor mir steht ein Name, den man einen Monat lang kaum gehört hat. Arango ist nach Rotsperre zurück in der Startelf, hat seine Pause anscheinend aber eigenhändig verlängert – er steht zwar auf dem Platz, zu sehen ist von ihm jedoch nichts. Stattdessen geben Marco Reus und André Schürrle in der ersten Minute eine kleine Kostprobe ab, was die 45 000 viel später am Nachmittag erwarten wird. Einige Sekunden nach dem Anpfiff dringt Reus erstmals in den Strafraum ein. Im Gegenzug meistert Heimeroth seine erste von vielen Eins-gegen-eins-Situationen gegen Schürrle mit Bravour. Danach ist die erste Hälfte fast zu Ende, nach einer Minute.

An der Seitenlinie herrscht derweil fast mehr Betrieb als auf dem Platz. Mainz-Keeper Wetklo ist umgeknickt und muss raus. Mit Martin Pieckenhagen kommt ein ganz, ganz alter Bekannter ins Spiel, der für die 12-Jährigen von heute so etwas sein muss wie der Perry Bräutigam meiner Kindheit. Martin alias Perry steht erstmals nach 40 Minuten im Mittelpunkt, als Igor de Camargo gegen sein zuckendes Bein läuft wie eine Mücke, die von einer Neonröhre angezogen wird. In beiden Fällen gilt: Fair ist das nicht. Und weil Mücken keine Elfmeter bekommen können, geht auch de Camargo leer aus.

Ein paar Reihen weiter unten kann ich Hansi Küpper über die Schulter linsen. Der Traum eines jeden Stadionbesuchers: Nach strittigen Situationen sofort die Zeitlupe geliefert bekommen, damit man sich nicht bis zur Heimkehr damit plagt, ob es nun ein Elfer war oder nicht. Fest steht: Es war wohl einer. Spiele mit Babak Rafati scheinen diskussionswürdige Szenen magisch anzuziehen, als könne der Schiedsrichter gar nichts dafür. Vor dem Spiel war Rafati ausgepfiffen worden. Sein Ruf is on fire.

Bevor eine überraschend ereignislose erste Halbzeit endgültig vorbei ist, versucht sich Sebastian Schachten als eine Art Hebamme für Torgefahr. Die Ballannahme am eigenen Strafraum erweist sich als Fehlgeburt. Doch zum Glück verfehlt Risse den Brutkasten, der von Krankenpfleger Heimeroth einmal mehr glänzend bewacht wird.

Dezenter Jubel auf der Pressetribüne

In der Pause gibt es das anscheinend traditionelle Getränk des Stadionreporters: Kaffee. Da man das Spiel durchgehend sitzend und aus Gründen der Objektivität fast regungslos verfolgt (zumindest äußerlich), verfehlt der Kaffee seine Wirkung nicht. Doch in der 53. Minute kommt ein Wärmeschub von ganz alleine. Arango hat sich den Ball im linken Halbfeld zum Freistoß zurechtgelegt. Bislang ist der Venezolaner blass geblieben wie ein Engländer im Sommerurlaub. Auch dieser Versuch landet in der Mauer. Während die Mainzer rausrücken, flankt Bradley den Ball sofort wieder in Richtung Tor. Dort steht Marco Reus und trifft per Direktabnahme in die lange Ecke. Überall springen Borussen erleichtert auf. Ich balle dezent die Faust unter meinem weißen Klapptisch.

In den Minuten danach läuft zunächst alles nach Plan. Gladbach macht Druck, hat die Einigel-Taktik nach Führungen wohl für immer über den Haufen geworfen und sucht nun die schnelle Vorentscheidung. Ein Moment der Unachtsamkeit genügt jedoch, um im sorgfältig aufgebauten Kartenhaus wieder eine Etage zu sprengen. Karo-Bube Szalai steckt durch auf Herz-König Schürrle, ganz woanders hebt Levels das Abseits auf. Weil der Fußballplatz eine Weltkugel ist und man das Abseits auch in Guatemala aufheben kann, während in Kasachstan der entscheidende Pass erfolgt, ist Schürrles Ausgleich so regelkonform wie ein 2,44 Meter hohes Tor.

Erneut will in der Folge eine Mannschaft mehr, nachdem sie gerade erst getroffen hat. Erneut gelingt es ihr nicht, weil der Gegner vermutlich noch mehr will. Diesmal ist es die Borussia, die davon profitiert. Marco Reus legt die DVD vom 28. August 2009 ein. Ort: Borussia-Park. Gegner: Mainz 05. 84. Minute: Sein sagenhaftes Solo zum ersten Bundesliga-Tor. Jene Szene scheint aber nur Anregung, keine genaue Vorlage gewesen zu sein. Denn anstatt auch diesmal die Mainzer Abwehr bis auf den letzten Verteidiger stehen zu lassen, entscheidet sich Reus für eine Zusammenarbeit mit Bobadilla. Der hat in Sachen Hackenablage offensichtlich Blut geleckt und so kommt der Ball sofort wieder zu Reus zurück. Der, mittlerweile im Strafraum, legt sehenswert mit Links an Pieckenhagen vorbei. Die geballte Freuden-Faust ist nun über dem Klapptisch angekommen.

Frontzecks merkwürdiger Wechsel

Nur drei Minuten später kommt Idrissou für den schwachen Arango, der angesichts dieser Leistung noch mehr parallelen zu englischen Spanien-Urlaubern aufweist: blass geblieben, wie gesagt, und am besten sollte er dazu vor Scham rot anlaufen. Mit zwei Sechsern auf der Bank ist der Wechsel von Frontzeck jedoch wenig verständlich. Das Konterspiel haben Reus, Bobadilla und mit Abstrichen de Camargo bis dahin ordentlich selbst auf die Reihe bekommen. Idrissou hat mit Defensive außerdem so wenig am Hut wie ich mit einem Köln-Schal.

Ein anderer Grund, warum der Abwehr in den Schlussphase mehr Manpower gut tun würde, wird in der letzten Viertelstunde klar. Bradley spielt einen seiner Fehlpässe, die einfach nicht von dieser Welt sind. In der Vorwärtsbewegung wird die Borussia plötzlich von vermeintlichem Gegenwind aufgehalten. Fuchs flankt sofort quer über den Platz, ganz hinten lauert Allagui, erst 70 Sekunden im Spiel. Schachten irrt durch den Strafraum wie ein ARD-Wettermann bei Windstärke 8 durch die Dünen von Norderney. Ein ganzes Bundesliga-Stadion sieht das Unheil kommen. Schachten sieht weder das Unheil noch Allagui. Und der zeigt, dass mann auch in Mainz etwas von Direktabnahmen versteht, lässt Heimeroth keine Chance.

Längst ist klar, dass die Borussia zum fünften Mal in dieser Saison ein Spiel, in dem sie geführt hat, nicht gewinnen wird. Die letzten zehn Minuten werfen lediglich die Frage auf, ob es zum dritten Mal am Ende für gar keinen Zähler reichen wird. Frontzeck lässt Meeuwis und Neustädter weiter ihre Bahnen neben dem Tor von Christofer Heimeroth drehen. Immerhin sind sie dort näher dran am Geschehen, um genau zu beobachten, wie ganz Gladbach kurz vor dem Ende einmal mehr in Schockstarre versetzt wird.

Das 2:3 – wie eine Kokosnuss, die auf den Kopf fällt

Bradley hat anscheinend Gefallen an haarsträubenden Fehlpässen gefunden (Assoziationen in Richtung seines raren Haupthaars mögen zwar ebenso haarsträubend sein, bleiben aber nicht aus). Noch spielt sich das Geschehen jedoch in der Mainzer Hälfte ab. Noch kann de Camargo den Mainzer Fuchs an seinem langen Pass hindern. Doch stattdessen wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Als befinde er sich gar nicht auf dem Platz, sondern unter Palmen in der Karibik. Dabei zuzusehen, fühlt sich an, als falle einem eine Kokosnuss auf den Kopf.

Fuchs darf also erneut den Ball in die Umlaufbahn des Borussia-Parks befördern. Ziel: die Nahtstelle zwischen Daems und Schachten. Allagui ist wieder da, wieder eine feine Ballmitnahme, ein Lupfer über Heimeroth und die Vollendung mit dem Kopf. Nach 88 Minuten ist Gladbach geschlagen. Schicht im Schachten.

Um unten in der Mixed keinen allzu schlechten Platz zu bekommen, mache ich mich nach exakt 90 Minuten auf nach unten. Im Aufzug fluchen die beiden Herrschaften von der Bild-Zeitung. Toll, denke ich mir, dann darf ich das wohl auch, oder? Unten poltern zuerst Michael Frontzeck und Max Eberl in die Kabine. Der Rest ist zu enttäuscht, um zu poltern. Mit ein paar Minuten Verzögerung kommt Tobias Levels. Draußen hat er konsterniert auf der Bank gesessen, mit leerem Blick an der Trinkflasche genagt. In diesen Wochen macht Levels den Eindruck, als sei er derjenige Spieler, dem das Herz in dieser Situation am meisten schmerzt.

Ratlosigkeit auf allen Ebenen

Nach dem Duschen kommt Levels aus der Kabine und stellt sich den Fragen. Dass er innerlich kocht, ist ihm nicht nur anzusehen, er spricht es offen aus. Und irgendwie erkenne ich mich in seinem Gesicht wieder. Frage mich nur, ob das es das Gesicht nach Frankfurt, St. Pauli, Hoffenheim oder Kaiserslautern ist. Auch Levels war an einem Gegentor nicht ganz unbeteiligt, rückte vor dem 1:1 nicht rechtzeitig raus, um Schürrle ins Abseits zu stellen. Ansonsten aber weiß man stets: Der 24-Jährige reißt sich den Hintern auf, leidet genauso sehr wie alle anderen, die leider in den seltensten Fällen auf dem Platz stehen. Am Dienstag habe ich eine Statistik gelesen, nach der Levels der zehntbeste Zweikämpfer der Liga ist. Lässt man die „Zwei-“ weg, dürfte er sich noch weiter vorne wiederfinden.

Auf meine Frage, warum die Borussia nach Erfolgserlebnissen das Selbstvertrauen nie im darauf folgenden Spiel nutzen kann, warum sie sich in unschöner Regelmäßigkeit den nächsten Rückschlag einfängt, weiß Michael Frontzeck auch keine Antwort. Seine Ausführungen beschreiben lediglich das, was jeder gesehen hat. Über die dünne Personaldecke will er nicht weiter klagen. Der Zustand des Rasens soll es auch nicht gewesen sein. Pech beim nicht gegebenen Elfmeter kommt auch nicht zur Sprache. Frontzeck wirkt wirklich ratlos, warum seine Mannschaft ihre sorgfältig aufgebauten Kartenhäuser immer selbst einreißt. Es ist als würde ich nicht direkt vor ihm stehen, sondern zu Hause vor dem Fernseher sitzen. Das Gesicht, die Stimme und die Aussagen sind so vertraut.

Die fünftbeste Offensive der Liga verkommt, sobald der Gegner in Ballbesitz ist, zur Schießbude schlechthin. Köln scheint eine Eintagsfliege gewesen zu sein – gegen eine Mannschaft, die viel zu sehr mit ihrem eigenen Chaos beschäftigt war. Jetzt geht es nach Dortmund. Und wieder wird die Frage lauten: Landen eine Klasse-Offensive und eine Zweitliga-Abwehr im Schnitt irgendwie im Rahmen der Bundesligatauglichkeit? Gladbach wollte gegen Mainz nachlegen. Das ist gelungen. Leider hat die Borussia vergessen, dass der Sieg in Köln die Vorlage sein sollte, nicht die Pleite in Lautern.

24. November 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Trotz aller Depressionen ob der Ursachen ist der Beitrag mal wieder super gelungen. Ich habe die ganzen Tage darauf gewartet. Danke. Ich schätze, du musstest dich ebenso von der Kokosnuss erholen wie ich. Die Beule auf meinem Kopf ist noch ganz schön dick, aber die Platzwunde blutet nicht mehr. War wohl leider nix mit “auch Mainz liegt am Rhein”. Seufz. Momentan mag ich gar nicht an Samstag denken. Am besten, ich krieche unter die dünne Personaldecke. Traurige Grüße, die Fohlenfreundin

  2. Guter Bericht, Jannik.

    Ich denke zwar nicht, dass Frontzeck “komisch” gewechselt hat, aber das ist Ansichtssache. Alles wird gut, solange man seine eigene Ohnmacht bekämpft. Wie sagten einst die Ritter der Koksnuss: “Hilfe! Ich pendle aus. Könnte mich vielleicht mal jemand von hinten anstoßen?”

  3. “The Ruf is on fire”, “Schicht im Schachten” usw. ;-) Der schöne Bericht und die blumigen Wortwitze versüssen einem ein bißchen die Schmerzen dieser Kopfnuss. Aber es ist echt erschreckend – diese Ratlosigkeit von Frontzeck z.B. In Dortmund wirste ja wohl live dabeisein. Nunja – wünsche Dir und uns allen einen Sieg, aber machen wir uns besser auf das Schlimmste gefasst.

  4. Mit der Siegesserie gegen Mannschaften vom Rhein ist es wirklich nichts geworden. Mangels Alternativen interpretiere ist es jetzt einfach etwas anders: Gegen alle NRW-Klubs sind wir diese Saison auswärts noch ungeschlagen. Vielleicht bleibt es gegen Dortmund dabei. Man hört ja nicht auf, zu glauben.

    Morgen gibt’s dann das “Auswärtsspiele zu Hause” – immer, wenn ich da war, hat der BVB leider zu Null gewonnen.

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