Yes, Aidoo – Viersen gegen Wuppertal (3:5)

Am Mittwochabend hat Schalke 04 vor königlicher Kulisse in der Champions League den Einzug ins Achtelfinale klar gemacht. Zur gleichen Zeit trafen sich in einer scheinbar anderen Fußballwelt der 1. FC Viersen und der Wuppertaler SV im Niederrheinpokal. Auf dem Platz stand ein alter Bekannter, der von der einen Bühne mal träumte, mit 28 Jahren nun auf der anderen angelangt ist.

Niederrheinpokal auf der Christian-Rötzel-Kampfbahn: Karten gab's ab 4 Euro, überdachte Sitzplätze kosteten 8.

Im Fußball ist der Kampf ein Teil der Romantik. Und weil das so ist, birgt ein Spiel, das auf einer Kampfbahn stattfindet, allein schon wegen des Stadionnamens einen besonderen Reiz. In diesem Fall ist es die Christian-Rötzel-Kampfbahn in Nettetal-Breyell. „Stadion hinter der Tankstelle, direkt an der Autobahn“ wäre auch ein passender Name gewesen für die Spielstätte des SC Union Nettetal, die 3500 Zuschauern Platz bietet.

An diesem Abend sind sowohl der 1. FC Viersen als auch der Wuppertaler SV zu Gast – Niederrheinpokal. Im Stadion Hoher Busch in Viersen gibt es kein taugliches Flutlicht. Breyell als eher kleiner Ort im Umkreis verfügt jedoch über die Erleuchtung mit ausreichender Lux-Zahl.

Warum also Breyell an einem kalten Mittwochabend? Wer tut sich das an? Dieser vergleichsweise harmlose Auswuchs des Groundhoppings verbindet im Grunde ja die Sehnsucht, einen rollenden Ball zu sehen, mit dem Gefühl, gleichzeitig etwas Beklopptes, rational kaum Erklärliches zu tun. Einen konkreteren Hintergrund hat der Ausflug sogar auch: Kerstin, eine Freundin aus Dortmund, und ihr guter Freund Moritz sind echte Wuppertaler und ebenso treue WSV-Fans – damit auch Schuldige, irgendwie.

Bei zwei Grad im November ist Stehen die weitaus angenehmere Variante, ein Fußballspiel zu verfolgen.

Bei zwei Grad im November ist Stehen die weitaus angenehmere Variante, ein Fußballspiel zu verfolgen.

Bereits im Frühjahr war ich zweimal in der Dritten Liga dabei. Ich sah unter anderem ein 5:3 gegen Bayern München II, das Moritz auf der Fahrt nach Breyell zu der Frage veranlasst, warum ich nach diesem – nun wirklich – grandiosen Spiel nicht glühender WSV-Anhänger geworden sei. Gut, lautet meine Antwort, einmal war ich ja noch da, gegen Burghausen, das fiel weniger mitreißend aus.

Jetzt laufen wir über den Schotterparkplatz am Breyeller Stadion, vorbei an zig Polizeiautos, die zur Not jeden einzelnen vermeintlichen Problemfan auf die Wache bringen könnten. Regine, ebenfalls Studienfreundin aus Dortmund, ist irritiert. Sie besucht ihr erstes Fußballspiel seit einem Abstecher auf den Bökelberg vor einigen Jahren. Bis kurz vor der Autobahnausfahrt ging sie davon aus, der Eintritt sei frei. Am Kassenhäuschen amüsiert sie sich erst einmal über die Akkordarbeit zweier Rentner, die bei der Altersteilzeit das “Teilen” betonen: Einer entfernt die Karte von der Rolle, ein anderer macht den Abreißer. Dass Wuppertal vierte, Viersen gar sechste Liga spielt, wird Regine erst Mitte der ersten Halbzeit erfahren.

Wiedersehen mit Freunden

Kurioserweise stand damals bei ihrem Besuch auf dem Bökelberg ein Mann auf dem Platz, der auch bei Viersen – Wuppertal wieder dabei ist. Der Karriereverlauf von Lawrence Aidoo (56 Bundesliga-Spiele, 5 Tore) gleicht einer absteigenden Treppe. Alles begann, als er im Alter von 18 Jahren für Borussia Mönchengladbach in der zweiten Liga debütierte. Gladbach stieg auf, kurz zuvor hatte sich Aidoo, der später vier Länderspiele für Ghana absolvierte, das Kreuzband gerissen. Der sagenhafte Dribbler kam zurück, erzielte immerhin zwei Doppelpacks in zwei Jahren. Bei der Borussia kam er jedoch nicht weiter. Es zog ihn nach Nürnberg, später nach Cottbus.

Polarlichter am Niederrhein? Hoffnung am Horizont?

Polarlichter am Niederrhein?

Der FSV Frankfurt und die Kickers Emden waren Aidoos Stationen in der dritten Liga. Letztere zogen sich Ende der Saison 2008/2009 in die Oberliga zurück. Aidoo strebte offensichtlich nach mehr, fand sich einige Zeit später jedoch in der NRW-Liga beim FC Wegberg-Beeck wieder. Am Niederrhein. Diesen Sommer war dort schon wieder Schluss, nachdem Aidoo seinen Urlaub eigenhändig verlängert hatte. Mittwochnachmittag klingelte dann das Telefon bei mir. Kumpel Nils war dran und sagte, ich solle mal raten, wer am selben Abend sein Debüt für den 1. FC Viersen feiern werde. Äh, hielt ich kurz inne, Lawrence Aidoo? Wir hatten vor einigen Monaten über dessen Intermezzo in Wegberg gesprochen. In der S-Bahn kam die Eingebung dann aus einer ganz entlegenen Ecke des Hinterkopfes.

“Weiter, weiter” und “ja, ja” sind im Spiel gegen Wuppertal die einzigen Vokabeln, die Lawrence Aidoo auf dem Platz benutzt. Der Trainer hat ihn hinter den Spitzen aufgestellt. Ob der Ex-Borusse an den limitierten Fähigkeiten seiner Mitspieler verzweifelt oder diese, im Gegenteil, beherzt mitreißen will, wird nicht ganz klar. Jedenfalls gelingt Aidoo, der auf transfermarkt.de noch immer als arbeitslos geführt wird, gleich in seinem Debüt für den Ex-Drittligisten ein Treffer. Leider ist es das Tor zum 1:4 kurz vor der Pause.

Heimatgefühle für Ex-Borussen

Wuppertal hatte gleich nach drei Minuten den Reigen eröffnet. Zum 0:2 traf ein weiterer Ex-Borusse, Bekim Kastrati, der im Verlauf seiner Karriere wohl am meisten Aufmerksamkeit erregte, als er sich beim Fußball eine Hodenverletzung zuzog – was in Verbindung mit dem Namen Kastrati in diversen Schlagzeilen nicht ganz unamüsant war. Und weil bei zwei Grad in Breyell anscheinend Heimatgefühle aufkamen, war mit Jerome Assauer noch ein ehemaliger Gladbacher fürs 0:3 verantwortlich gewesen.

Auf Kunstrasen gewann Wuppertal gegen Viersen mit 5:3 (4:1). Nächster Gegner: Rot-Weiss Essen.

Auf Kunstrasen gewann Wuppertal gegen Viersen mit 5:3 (4:1). Nächster Gegner: Rot-Weiss Essen.

In der Halbzeit kommen dann eher bei mir und Nils Heimatgefühle auf, als wir einige Bekannte erblicken. Obwohl uns beide mit dem 1. FC Viersen fanseelisch nicht mehr verbindet als mit dem KFC Uerdingen oder anderen halbgroßen Vereinen in der Gegend, hat es den Anschein, wir seien mit dem Klub verwandt. Der Torwarttrainer ist der Vater meiner Ex-Nachhilfeschülerin, deren Schwester in meiner Klasse war. Die wiederum wurde unterrichtet vom Vater eines Viersener Spielers, der – natürlich – dieselbe Schule besucht hat. Die Aufzählung wollen wir an dieser Stelle beenden, damit es nicht zu wirr wird. Fußball auf dem Dorf ist eben wie das örtliche Schützenfest: Man kennt jeden und tut es sich an, ohne zu wissen, warum eigentlich. Oder doch. Irgendwie ist es schön.

Ein Assauer mit Regenschirm

Als Kastrati mit einem sehenswerten Heber nach der Pause das 1:5 erzielt, ist die Sache längst durch. Viersen hatte am Wochenende zuvor schon mit 0:5 gegen Wuppertal verloren – gegen die Zweitvertretung des WSV in der Niederrheinliga. Alles scheint seinen erwarteten Verlauf zu nehmen, als Viersen mit einem Doppelschlag in der Schlussviertelstunde plötzlich zurück ins Spielt kommt. Neben uns poltert ein Mann mit Regenschirm in Regenbogenfarben. Der Vater des Wuppertalers Jerome Assauer sieht, dass sein Sohn humpelt, will dem Trainer signalisieren, das Ding doch bitteschön mit zehn Mann zu Ende zu spielen, “am Sonntag ist Spiel”. Tatsächlich geht sein Sohn bald darauf vom Platz.

Lichter in der Nacht: Das Polizeiaufgebot sollte wohl auf Nummer sicher gehen, war aber etwas übertrieben. Man weiß ja nie.

Lichter in der Nacht: Das Polizeiaufgebot sollte wohl auf Nummer sicher gehen, war aber ziemlich üppig. Aber man weiß ja nie. Und wie ein kleiner Zwischenfall am Gladbacher HBF zeigte, scheint die Polizei ihre Pappenheimer gut zu kennen.

Viersen hat noch die Riesenmöglichkeit zum Anschlusstreffer. Doch am Ende bleibt es beim 5:3. Wuppertal-Fan Moritz grinst: Immerhin ist jedes Spiel des WSV, das ich gemeinsam mit ihm besucht habe, exakt so ausgegangen. Gegen Burghausen war er damals nicht da. Die Abwerbungsversuche prallen jedoch an mir ab. Auf der anderen Seite des Sportplatzes ist der Gesang der 80 zufriedenen Gästefans längst in ein Lallen übergegangen. 1,20 Euro für ein Bier – da kannste nix sagen.

Lawrence Aidoo ist bereits nach 70 Minuten in die Kabine gestakst. Ob er sich noch an Chiquinho erinnert? Der wurde 1997 auf der Saisoneröffnung der Borussia gefeiert, als habe der Verein gerade den Messias verpflichtet. Nach drei Jahren und nur 36 Spielen ging er nach Oberhausen, spielte danach in Ahlen und in Österreich. Wie ich auf Chiquinho komme? Im Alter von 36 Jahren ist Chiquinho jetzt Spielertrainer beim ASV Süchteln in der Bezirksliga. Süchteln, das ist ein Stadtteil von Viersen. Auch wenn die Borussia um die Jahrtausendwende nicht das beste Händchen hatte: Selbst den Exoten gefällt es noch heute am Niederrhein. Ist ja auch schön dort, zum Beispiel in Breyell.

25. November 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auf'm Nebenschauplatz | Schlagwörter: , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Man kann ja nicht alles wissen…und ich mag Überraschungen.

    Mein Kommentar zum Spiel fällt ein wenig kürzer, aber kaum unqualifizierter aus – morgen auf eldoradio* um kurz nach neun ;-)

  2. War ja auch nicht böse gemeint, Chronistenpflicht eben.

    Bei deiner Moderation? Du willst doch nur, dass ich zuhöre!;)

  3. Ich weiß, dass das nicht böse gemeint war. Aber ich dachte, zwei Smileys in einem Eintrag sind zu viel. Da hab ich mir den nach dem ersten Satz gespart ;)

    Ja, will ich! :-D (Siehste jetzt sind’s zwei…)

  4. Du wechselst doch wohl nicht die Farben? Ganz in der Nähe und wir wissen nichts davon:-)
    Hoffe, dass wir nie so tief fallen werden!

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