Die Liga der Anderen (XI): Die Akte Raúl

In der “Liga der Anderen” kommen jede Woche Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Lisa hat diese Woche extra darum gebeten, ein paar Worte über einen Spieler verlieren zu dürfen, der seit ein paar Monaten anwesend, aber jetzt erst richtig angekommen ist. Die Rede ist von Raúl, der nach Lisas Ansicht am Mittwoch gegen Lyon sein bestes Spiel für den FC Schalke 04 machte – obwohl er ohne Tor blieb. Ihren Schlusssatz meint sie aber selbst nicht ernst (hoffe ich).

Von Lisa (Schalke)

Veltins-Arena am 24.11.2010, Champions-League-Rückspiel zwischen dem FC Schalke 04 und Olympique Lyon, die 31. Spielminute. 51.132 Zuschauer halten den Atem an und für einige Sekunden ist es ganz still, als der Ball sich langsam in Richtung des rechten Winkels senkt. Raúls Heber aus gut 20 Metern Torentfernung hätte genau gepasst, wäre nicht Frankreichs Nationalkeeper Hugo Lloris noch mit den Fingerspitzen drangekommen.

Einerseits schade, denn mit dem Tor hätte es 3:0 für Schalke gestanden und wer weiß, was dann an diesem Abend noch möglich gewesen wäre. Andererseits aber auch gut, denn hätte der Ball gesessen, Raúl hätte sich auswechseln lassen müssen. Die ersten dreißig Minuten dieser Partie waren nämlich so überragend, mehr wäre für ihn an diesem Abend kaum drin gewesen.

Raúls beste Partie bringt Schalke ins Achtelfinale

Der 33-jährige Spanier spielte mit einer Übersicht und einer Genialität, die die Fans fast sprachlos zurückließen. Er vergaß dabei aber nicht, dass auf Schalke vor allem Einsatz, Kampfgeist und Laufbereitschaft zählen. Über 90 Minuten zeigte der alte Herr keine Anzeichen von Müdigkeit und sich selbst darüber hinaus noch äußerst fair. Während seine Kollegen einen Konter noch zu Ende spielen wollten, hatte Raúl schon längst abgebrochen und machte den Schiedsrichter auf einen verletzten Franzosen am Spielfeldrand aufmerksam. So war diese Partie die beste, die Raúl bis jetzt auf Schalke spielte, auch wenn ihm kein eigenes Tor gelang. Und Schalke steht bereits sicher im Achtelfinale der Champions League.

Also alles wieder gut am Ernst-Kuzorra-Weg? Zumindest geht es bergauf mit den Königsblauen. Der 15. Tabellenplatz ist sicherlich noch kein Grund zum Jubeln, aber die Mannschaft zeigte in den letzten Spielen zumindest, dass sie noch lebt. Gegen Frankfurt einen Punkt geholt, obwohl die schlechtere Elf gewesesen; gegen Wolfsburg Moral bewiesen und ein 0:2 noch in ein 2:2 verwandelt; gegen Pauli und Bremen zu Null gewonnen, ohne zu glänzen. Aber auch Pflichtsiege heißen nicht umsonst so.

Die Mannschaft lebt – auch dank Raúl

Für die langsame Besserung der Schalker Spielweise ist sicherlich zum großen Teil auch Raúl verantwortlich – genauso allerdings wie für den schlechten Start der Knappen. Denn wie alle anderen begann er die Saison weit unter seinen Möglichkeiten. Fast wie ein Fremdkörper in der königsblauen Offensive kam er tatsächlich erst am dritten Spieltag zu seinem ersten Torschuss. Dass Magath trotzdem bedingungslos hinter ihm stand, habe ich damals nicht verstanden. Ich hatte schon große Bedenken, als der Transfer verkündet wurde, dachte, Magath würde nicht mehr auf alternde Stars setzen, deren Namen teurer sind als alles andere. Ich wurde belächelt, als ich mich nach den ersten Spielen dafür aussprach, doch endlich mal Edu statt Raúl von Anfang an zu bringen.

Zu Beginn der Saison hat der Spanier meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Mittlerweile hat er mich eines besseren belehrt. Der Mann, der in 16 Saisons für Real Madrid 326 Tore schoss, der sechsmal Spanischer Meister, dreimal Champions-League-Sieger und zweimal Weltpokalsieger wurde, ist noch nicht satt. Er verbindet Kreativität und Kampfgeist wie kaum ein Anderer, hat trotz aller Kritik Ruhe bewahrt und seinen Platz in der Mannschaft gefunden.

No-Look-Pässe mit Huntelaar funktionieren zwar noch nicht hundertprozentig und ab und an geistert mir die Nummer sieben noch ein wenig zu weit in der eigenen Defensive herum. Aber es ist auf jeden Fall abzusehen, dass Schalke an Raúl noch eine Menge Freude haben wird.

Und ich erwarte ja auch keine Wunder vom spanischen Phänomen: Einfach ein paar schöne Tore und Vorlagen, dass er das Team weiter so mitreißen möge und dass die Knappen möglichst viele Punkte aus den verbleibenden vier Spiele bis Weihnachten holen. Und wenn wir am Ende der Hinrunde auf Platz neun stehen, ist mit Schalke noch zu rechnen. Warum Platz neun? Wo stand wohl Wolfsburg nach der Hinrunde 2008/09? Richtig. Man wird ja noch träumen dürfen.

26. November 2010 von
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1 Kommentar

  1. Vergesst was ich gesagt habe, ich nehme ALLES zurück!

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