Dortmund – Gladbach: Zwei Welten

Die Borussia kassiert beim Tabellenführer in Dortmund ausnahmsweise nicht drei Tore und sieht trotzdem alt aus – es waren am Ende sogar vier. Vorne reichte es zum neunten Mal in den letzten zehn Spielen für ein Tor. Doch wer hinten so hilflos ist wie ein Reh auf der Autobahn, dem ist kaum zu helfen.

Wenn das Stadion so nah ist und die Wege dorthin so vielfältig sind, dann wächst die Versuchung, nicht allzu früh aufzubrechen. In Dortmund fahren Bahnen, U-Bahnen und Busse im gefühlten Minuten-Takt zum Signal-Iduna-Park. Selbst ein Spaziergang am späten Nachmittag ist drin. Am Samstag um 17 Uhr stehe ich mit meinen Eltern und meinem Bruder am U-Bahnsteig. Wir warten.

Im Zehn-Minuten-Takt fahren die U-Bahnen ein und wieder aus, ohne dass sich viel regt. Die Waggons sind so voll wie viele ihrer Insassen. Zum Glück ist diese Stadt für mich nicht so fremd wie die jede andere der insgesamt 16, in denen die Borussia diese Saison Auswärtsspiele absolviert. Aus dem farbenfrohen Geflecht aus U-Bahn-Linien springen mir vertraute Namen entgegen – Hombruch, Hörde, Reinoldikirche. Also steigen wir einfach in die U42, die in die Gegenrichtung fährt. Zwei Stationen weiter weg vom Stadion ist der Andrang geringer, der Platz größer. 97 Prozent der Fahrgäste machen BVB-Fans aus, die in ihrer derzeitigen Lage jedoch viel zu selbstverliebt sind, um die einzig wahre Borussia in Hohn und Spott zu ertränken. Man kann es ihnen kaum verübeln.

Fußball-Tristesse beim Rudelgucken in der WG

Die Bundesliga-Konferenz hatte ich mit der Familie an einem für Familien eher ungewöhnlichen Ort geguckt. WGs sind seit jeher ein Hort der studentischen Leichtigkeit des Seins. Wohnungen, in denen man sich mit den Hygienestandards eines Schwellenlandes zufrieden gibt. 3 ZKDB, wo man nie allein ist. Stuttgart-Fan Sebastian hatte zum gemeinschaftlichen Sky-Gucken eingeladen. Und so tummelten sich ab 15:30 Uhr fünf Studenten, meine Mutter, mein Vater und mein Bruder auf 17 Quadratmetern vor einem Röhrenfernseher.

Sebastian öffnete bereits nach drei Minuten das erste Frustbier. Bei so viel Konsequenz hätte er sich spätestens dann ins Delirium verabschieden müssen, als Stuttgarts Marica seine Integrationsbestrebungen unterstrich und Schiri Stark ein „Arschloch“ nannte. Doch der Schwabe ließ elf Punkte gerade sein und zog das Tempo nicht durch. Lisa erwischte es beim 0:5 ihrer Schalker ganz besonders schlimm. Kerstin sah dagegen wie der einzige WG-Sieger aus, bis Castro Compper umpflügte und Leverkusen den sicher geglaubten Dreier wegwarf. Um 17 Uhr verließen wir die WG und glaubten fest daran, am Ende wenigstens nicht als größter Verlierer des Spieltages dazustehen. Weniger als fünf Gegentore für das Schlusslicht beim Tabellenführer – sollte drin sein.

Unter der Woche hatten sich die BVB-Fans in der Stadt so siegessicher gefühlt wie Martin Kaymer bei einer Runde Minigolf auf einem Kindergeburtstag. „Wegputzen“ war das Verb der Woche in Dortmund und der Boulevard untermauerte erste Anzeichen von Größenwahnsinn, indem er „Rache für das 0:12“ von 1978 heraufbeschwörte. Tatsächlich fuhr die Borussia fast chancenlos zur Borussia: Seit 1964 hat der Tabellenletzte nicht mehr beim Primus gewonnen.

Dortmunder plus Sauerländer gleich Niederrheiner

Auswärtsreisen (auch wenn der Reise-Charakter für mich in der Wahlheimat Dortmund wegfällt) sind immer ein willkommener Anlass, das Fanwesen eines bestimmten Vereins unter die Lupe zu nehmen. Gladbacher sollen bekanntlich alle Bauern sein, was nie als Beleidigung für Landwirte, sondern lediglich als Umschreibung fürs gemeine Schützenfestvolk gemeint ist. Sollte das tatsächlich stimmen, dann erfüllt das Gros der BVB-Fans dieselben Kriterien. Allein die Schützenfest-Affinität ist in der Großstadt weniger ausgeprägt. In Richtung Sauerland wird das jedoch schon wieder anders aussehen.

So laufen wir also von den Westfalenhallen zu dem Stadion, das einst nach der Region benannt war, in der es steht, jetzt aber den Namen eines Versicherers und Finanzdienstleisters trägt. Abends sieht man die blaue Leuchtschrift neben den imposanten gelben Pylonen im gesamten Süden der Stadt. Der Signal-Iduna-Park alias Westfalenstadion dürfte damit mittlerweile das Stadion sein, das ich am häufigsten gesehen habe, wenn auch meist aus sicherer Entfernung.

Die bisherigen Besuche im Inneren des Stadions, das von der britischen Times in einem Anfall von Sommerloch-Langeweile 2009 zum „schönsten der Welt“ gekürt wurde, verliefen weniger erfreulich. 2007 gewann der BVB mit 1:0, im März 2010 sogar mit 3:0. Auch der Sieg bei meinem dritten Besuch, dem einzigen ohne VfL-Beteiligung, fiel im Dezember 2009 mit 4:0 gegen den 1. FC Nürnberg nicht zu knapp aus. Um kurz vor 18 Uhr betreten wir den Gästeblock also mit dem üblichen Ziel, auswärts wenigstens ein Tor, am besten den Führungstreffer zu erzielen – über einen Ehrentreffer zum 1:5 freut man sich nämlich nur begrenzt.

Keine zwei Zwannis für ‘nen Sitzer

Eine Bestmarke hat das Auswärtsspiel in Dortmund schon vor dem Anpfiff aufgestellt. Mehr als 39,60 Euro plus Vorverkaufsgebühr und Versandkosten habe ich noch nie für eine Fußballkarte bezahlt. Mit der Aktion „Kein Zwanni für ‘nen Steher“ hatten BVB-Fangruppen genau zum Derby gegen Schalke Aufsehen erregt. Die Boykott-Aktion sei jedoch nicht derbyorientiert gewesen, sondern richte sich weiterhin an alle Vereine, die mit überhöhten Preise für Unmut sorgen, heißt es auf der offiziellen Seite.

An die eigene Nase packt man sich in Dortmund deshalb wohl auch. Schließlich sitzt man für 39,60 Euro nicht auf einem Geradenplatz, sondern in einer der wenig ansehnlichen Ecken des Westfalenstadions. Die Dachkonstruktion ragt so weit ins Sichtfeld hinein, dass die Südtribüne zur Hälfte abgeschnitten ist. Imposant ist beim Top-Spiel Erster gegen Letzter deshalb höchstens die Leere im Gästeblock. 1500 Karten hat die Borussia zurückgegeben. Nichts war es mit einer Invasion, die vor Wochen irgendwo als Idee durch die Foren geisterte. Peinlich ist das jedoch keineswegs für die VfL-Fans, die ab diesem Punkt der Preisspirale nicht mehr mitmachen (können), sondern allein für den BVB.

Die Peinlichkeiten auf dem Platz halten sich zum Glück in Grenzen. In Gladbachs Innenverteidigung spielt Jan-Ingwer Callsen-Bracker. Der hat einst mit seinem Namen amüsiert. Jetzt ist es allein die Tatsache, dass er nach seiner Ausbootung zu Saisonbeginn am 14. Spieltag in der Startelf steht, die fast schon für Erheiterung sorgt. Michael Frontzeck hat hinten Links personelle Konsequenzen gezogen und Sebastian Schachten eine Pause gegönnt. Daems rückt dafür in die Außenverteidigung, Callsen-Bracker füllt in seinem ersten Bundesliga-Spiel seit Mai 2009 die Lücke neben Anderson.

Heimeroth: Bahnschranke a. D.

In der ersten halben Stunde schraubt die schwarz-gelbe Borussia ihren Ballbesitz in Prozentbereiche, die vereinzelte CSU-Landräte in vereinzelten Regionen ohne Breitbandinternet heutzutage noch erreichen. Erneut verdient sich Christofer Heimeroth ein Entschuldigungsschreiben für jegliche Bahnschranken-Vergleiche der Vergangenheit. Einmal ist die Bahnschranke a.D. bei einem Schuss von Barrios schon unten, bevor die rote Lampe unter dem Andreaskreuz überhaupt blinkt. Einen Kopfball von Kagawa – alles über die linke Abwehrseite eingeleitet – fischt Heimeroth dann mit solch einem Reflex aus der Ecke, dass der nächste Zug an seinem Bahnübergang wohl noch gar nicht an der Station vorher losgefahren war. Wenigstens eine Personalentscheidung des Trainers, die sich vollends ausgezahlt hat.

Ansonsten hat Michael Frontzeck mit seiner Aufstellung eher überrascht. Bobadilla sitzt nach soliden bis guten Auftritten nur auf der Bank. De Camargo spielt dafür einen Tick weiter vorne. Der gegen Mainz gar nicht existente Arango muss dem engagierteren Herrmann weichen. Idrissou spielt als zweite Spitze. All die Genannten verkommen im Offensivspiel der Borussia jedoch zu Nebendarstellern. Allein Marco Reus kann für Gefahr sorgen und gibt sich Mühe, dem Bundestrainer zu zeigen, dass er die Borussen in seinem Kader zuletzt etwas einseitig rekrutiert hat. Der erste Schuss aus 16 Metern verdient zumindest die Vorsilbe „Warn-“.

Nach 33 Minuten setzt Reus seine Drohungen dann in Taten um. Neven Subotic verkommt gegen den Antritt des gebürtigen Dortmunder zur desorientierten Slalomstange. Der entschlossene Abschluss ins rechte Ecke trifft die schwarz-gelbe Borussia urplötzlich ins Herz und spricht der schwarz-weiß-grünen aus eben jenem. Das Mindestziel ist mal wieder erreicht. Bei meinem fünften Auswärtsspiel in dieser Saison geht die Borussia zum vierten Mal in Führung. Nachdem es gegen Mainz mit der amtlichen Serie gegen Teams vom Rhein nicht hingehauen hat, läuft nun alles auf einen Lauf gegen NRW-Vereine hinaus.

Die Gäste genießen den Glücksmoment

Leuchtet ab jetzt nicht nur im Tabellenkeller, sondern auch in meiner Wohnung: die rote Laterne.

Leuchtet ab jetzt nicht nur im Tabellenkeller, sondern auch in meiner Wohnung: die rote Laterne.

Der Sitznachbar meiner Mutter spricht plötzlich, als sei das 1:0 der sichere Sieg, die Sensation in trockenen Tüchern. Noch kurz zuvor hat er jeden aussichtsreichen Angriff des BVB so desillusioniert kommentiert, dass man davon ausgehen musste, er wolle den VfL sofort aus dem Vereinsregister streichen. 57 Minuten sind da noch zu spielen – und anstatt an das zu denken, was mit Sicherheit kommen wird, genießt der Gästeblock einfach den Moment.

Das Zwischenziel Pausenführung ist fast erreicht, als die Gastgeber noch einen Eckball bekommen. Nun ist Pessimismus dem Gladbach-Fan in dieser Saison fest in die Gen-Helix übergegangen. Gegentore mit Ansage haben aber trotz allem Seltenheitswert. Götzes Eckball segelt in den Strafraum. Der Kopf von Subotic ist näher als der Halbzeitpfiff, Anderson weiter weg als das Tor – und schon steht es 1:1.

Dass man die weitere Geschichte des Spiels so erzählen kann, als hätte es gar keine Pause gegeben, zeigt wie sehr die Borussia aus Mönchengladbach ihrem Schicksal ausgeliefert ist. Reus und Herrmann schießen zwar noch zweimal aufs Tor. Doch in der 52. Minute wird Götze nicht ausreichend von Bradley gestört. Der Pass geht in die Nahtstelle zwischen Daems und Callsen-Bracker. Dort ist Kagawa auf und davon. Heimeroths Rauslaufen ist weder zu halbherzig noch zu Weltklasse, so dass der Japaner ein Stück eher am Ball ist und die geschlossene Bahnschranke lässig umläuft, um noch auf den Zug aufzuspringen.

Großkreutz kreutz groß

Immerhin reißt sich die Borussia in der Folge den Hintern auf, lässt hinten wenig zu, kann vorne aber auch kaum Druck aufbauen. Nach einer guten Stunde geht Idrissou an der Mittellinie gegen Subotic eigentlich etwas zu robust zu Werke. Das Spiel läuft aber weiter, de Camargo läuft auf Weidenfeller zu, scheitert jedoch mit der Torgefährlichkeit eines Hamsters auf Schlittschuhen.

Die Erlösung – irgendwie aus Sicht beider Borussias – kommt erst eine Viertelstunde vor Schluss. Barrios und Joker Großkreutz kreuzen ihre Laufwege einmal mehr in der Nahstelle zwischen Daems und Callsen-Bracker. Anderson kann Barrios nicht an einer Hackenvorlage hindern, die so wahrscheinlich 80 000 Zuschauer haben kommen sehen. Der Rest ist für Großkreutz offensichtlich eine leichtere Angelegenheit als der anschließende Torjubel. Mit debilem Gesichtsausdruck schaut er sich entgeistert um, führt den Zeigefinger vor die Lippen – vermutlich, weil die animierten Spieler bei FIFA11 das ähnlich machen, wenn sie kurz zuvor von der Bank gekommen sind. Wobei man sich offen fragen darf und muss, ob Großkreutz in der Lage ist, einen Playstation-Controller zu bedienen.

Nachdem der VfL seinen Gegentorschnitt durch das Zu-Null in Köln auf unter drei Treffer geschraubt hatte, leitet er in den letzten Minuten Gegenmaßnahmen ein. Erneut genügt ein einfacher Pass in die Nahtstelle. Barrios ist auf und davon, holt sich in der 88. auch noch sein Tor ab. An dieser Stelle muss man aber fast schon eine Lanze für die überforderte Innenverteidigung brechen. Das Duo Anderson-Callsen-Bracker besteht zwar aus drei Namen, konnte dem BVB aber am Ende nur so viel Gegenwehr leisten wie ein hilfloses Reh auf der vollen A3. Das Defensivleid beginnt aber mindestens bei den beiden Sechsern. Gerde beim 4:1 steht Bradley gut und gerne acht Meter von da Silva weg, der in aller Ruhe seinen tödlichen Pass justieren kann.

Die 40 ist voll – auf dem Gegentorkonto

„Erleichterung“, umschreibt Jürgen Klopp nach dem Spiel das Klima in seiner Gefühlswelt. „Enttäuschung“ herrscht dagegen auf Gladbacher Seite, dass es nach einer guten ersten Hälfte (in allen Mannschaftsteilen) dann doch wieder eine Klatsche geworden ist. Nach 14 Spielen hat die dennoch einzig wahre Borussia jetzt so viele Gegentore gefangen wie sie eigentlich bis Saisonende Punkte holen wollte. Von dem konkreten Ziel kann man mittlerweile Abschied nehmen. Für Gladbach wird es einzig und allein darum gehen, zwei schwächere Mannschaften zu finden, um den direkten Abstieg zu verhindern. Ohne Reaktionen in der Defensive, Verletzungspech hin oder her, wird dieses Unterfangen jedoch zur schier unüberwindbaren Hürde.

28. November 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Wird schwer dieses Jahr. Reus allein reicht nicht. Noch 3 Spiele, dann weiß man mehr. Aber 40 Gegentore ist eine Hausnummer.

  2. Ein sehr ernster Bericht, finde ich. Alles nur auf das Fehlen von Brouwers und Dante zu schieben, ist keine legitime “Entschuldigung” (was an dieser Stelle auch nicht geschieht). Ich stehe jedenfalls ratlos vor der Situation und sehe schon jetzt den Zug fast schon als abgefahren an. Steigt Borussia ab, muss wieder aus den Trümmern aufgebaut werden. So geht es sicher nicht aufwärts. Und ob die angeschlagenen Nerven eine Relegation überstehen würden ist ebenfalls fraglich… Danke, trotzdem wie immer, Jannik, für deine guten Beiträge.

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