Gladbach – Hannover: Die Zehn vom Niederrhein

Beim 1:2 gegen Hannover erlebte die Borussia den Tiefpunkt vom Tiefpunkt. Und das, obwohl sie auf dem Papier bereits schlimmere Stunden hinter sich gebracht hatte. Jetzt aber ist Platz 15 sechs Punkte weg. Zum fünften Mal hat Gladbach nach einer Führung noch verloren, gegen 96 zum dritten Mal in Folge.

Der Ball lag irgendwo im Niemandsland des Platzes. Genau dort, wo er vor zwei Wochen gelegen hatte, als Michael Bradley einen verunglückten Arango-Freistoß in den Strafraum beförderte. Die Flanke wurde lang, länger, fand Marco Reus, der mit einem Volleyschuss zum 1:0 gegen Mainz traf. Dass diesmal weder Reus noch seine Kollegen helfen mussten, lässt fälschlicherweise auf eine neue Leichtigkeit des Toreschießens bei der Borussia schließen. Einmal setzte der Ball auf, Bobadilla und de Camargo machten sich umsonst lang. Hannovers Keeper Fromlowitz reagierte zu spät und schon hatte sich eine Prophezeiung bewahrheitet.

Am Samstagmorgen hatte mich mein Bruder ungewohnt freudig am Frühstückstisch empfangen, in der Hand den VfL-Adventskalender. Das vierte Türchen war bereits geöffnet. Darin: Ein Stück Schokolade in Form einer Anzeigetafel. Ergebnis: 1:0. Der Standard-Adventskalender aus dem Fanshop wird auch Anhängern anderer Vereine am Samstag einen 1:0-Heimsieg oder eine 0:1-Auswärtspleite prophezeit haben. Aber wenn man sonst an nichts mehr glaubt, dann will man wenigstens an die Kraft von drei Gramm Schokolade glauben.

Auswärtsfeeling zu Hause

Dabei hatte Aberglaube auch anderweitig Hochkonjunktur. Im Mittelpunkt standen zunächst ein Zug, ein Bier und etwas Käse. Gladbach steckt in der schlimmsten Heimkrise seiner Bundesliga-Geschichte. Sieben Heimspiele ohne Sieg – das gab’s noch nie. Grund genug also, zumindest sich selbst ein Gefühl der Fremde im Borussia-Park zu verschaffen.

73 Minuten lief alles nach Plan.

Nach Mönchengladbach ging es mit dem Zug – Auswärtsreise. In der Regionalbahn steckten zwar lauter Menschen in schwarz-weiß-grünen Klamotten. Doch die redeten merkwürdig, so ganz ohne Dialekt. Hannoveraner, so viel war schnell klar. Empfangen wurde die Bahn am Hauptbahnhof von drei bis fünf Bundespolizisten pro Tür. Die 96-Fans haben die eigentlich akzentfreien Durchsagen anscheinend nicht verstanden. „Nach Rheydt“ sollten sie durchfahren, nicht in Mönchengladbach schon aussteigen. Wer das „ey“ in Rheydt schon wie ein „ey“ und nicht wie ein „ei“ ausspricht, scheint wirklich schwer von Begriff zu sein. Zumindest galt das für die Hannoveraner in der RB 33, ansonsten war der Eindruck ein anderer.

Mühsam musste ich den gepanzerten Polizisten klar machen, dass ich Borusse sei, diese Zugtür also als freier Mann verlassen durfte. Es blieb mir erspart, die erste Strophe von „Es gibt nur eine Borussia“ anstimmen zu müssen, ohne dabei die Unterschiede zwischen „sch“ und „ch“ zu beachten.

Alles lief nach Plan – dann kam Bobadilla

Vor dem Hauptbahnhof wartete Nils. Bier ist bei Minusgraden zwar unfassbar harndrangfördernd. Was sonst auswärts hilft, muss in der Krise jedoch auch zu Hause taugen. Käse hatte ich oben ebenfalls als typisches Auswärtsritual aufgezählt. Schnell ging es noch in den Supermarkt, ein beherzter Griff zum Babybel-Netz, ab damit aufs Band und wieder raus in die Kälte. Die Light-Version der Käseräder hatte 2009 den 4:2-Sieg in Köln beschert. Vor ein paar Wochen gelang mit mehr Kalorien zwischen rotem Wachs sogar ein 4:0. Auch Hannover sollte diesmal die Macht des Käses zu spüren bekommen. Dass letzten Endes alle Maßnahmen Käse sein sollte, war da ja noch nicht zu ahnen.

Vor dem Spiel traf ich sogar auf einen Hannover-Fan, um das Gefühl zu verstärken, in Gladbach nur Gast zu sein. @KleinePfeife kommt aus Offenbach und ist, wie das @ vor seinem Nickname verrät, bei Twitter aktiv. Dass seine 96er erstmals nach langer Zeit als Favorit zu einem Auswärtsspiel gereist seien, war im Zug zu hören. @KleinePfeife wollte dem bei einem Bier vor dem Stadion jedoch nicht zustimmen. Und überhaupt gab es einmal mehr eher Lob für unsere Mannschaft, gepaart mit der Überzeugung, dass die Borussia schon nicht absteigen werde. Jedenfalls trennten sich unsere Wege dann um 15:10 Uhr. @KleinePfeife verlebte 73 Minuten lang einen nicht so schönen Tag, war am Ende aber doch der große Sieger.

Tatsächlich lief lange Zeit alles nach Maß für die Borussia. Bradleys Führungstreffer verlieh Sicherheit. Kurz vor der Pause hatte das 1:0, die Kalender-Prophezeiung, bereits 24 Minuten Bestand. Dann gingen Raul Bobadilla und Hannovers Pinto in einen Zweikampf. Die Szene lief bereits weiter, im Augenwinkel sah ich ein unmissverständliches Zucken. Hatte er? Oder hatte er nicht? Hatte Bobadilla gerade nachgetreten? Es dauerte nicht lange, bis die Antwort Rot auf Rasen kam: Ja, hatte er.

Frontzeck: “Rational nicht nachvollziehbar”

Im ruhigen Borussen-Rund ist in dieser Saison schon manch ein Schiedsrichter, manch ein Gegner beschimpft worden. In der 43. Minute des 15. Spieltages setzte sich vorläufig jedoch ein eigener Spieler an die Spitze der Frust-Skala. Auf dem Weg in die Kabine gab Bobadilla noch eine Kostprobe seiner deutschen Schimpfwort-Kenntnisse ab. Immerhin sprach er so deutlich und akzentfrei, dass sich der vierte Offizielle alles haargenau in sein Vokabelheft schreiben konnte.

Voller Schokolade, voller Metaphern: Der Adventskalender der Borussia. Bild: Borussia eShop

Ich bin jetzt seit 15 Jahren Gladbach-Fan. 1996 hat sich Martin Dahlin einen üblen Ellbogencheck geleistet, für den er acht Spiele gesperrt wurde. Seitdem kann ich mich kaum an Tätlichkeiten und andere Ausraster von VfL-Spielern erinnern. Und jetzt tritt Juan Arango dem Hoffenheimer Salihovic mal eben zwischen die Beine, wird vier Spiele gesperrt. Raul Bobadilla steigert alles noch einmal mit seinem Tritt gegen Provokateur Pinto, auf den er danach noch losging.

Dass der 23-Jährige Argentinier ein Problemkind ist, dürfte spätestens jetzt klar sein. Ob die Betonung dabei auf „Problem“ oder auf „Kind“ liegt, muss aber noch geklärt werden. In anderthalb Jahren Borussia hat Bobadilla vielleicht eine Hand voll guter Auftritte gezeigt, sein Talent viel zu selten angedeutet. Bekannt geworden ist er dagegen mit seinem Eigensinn, Tätowierungen und einer Alkoholfahrt durch die Gladbacher Innenstadt. Beim Pokalspiel gegen Leverkusen stürmte er nach seiner Auswechslung wutentbrannt in die Kabine, wurde fürs Lauternspiel aus dem Kader gestrichen. Gegen Hannover verewigte er sich nun auch noch in der Glastür vor den Katakomben. Der Abdruck von Zinedne Zidanes Stollen ist im Leipziger WM-Stadion mittlerweile sogar mit einer Plakette versehen worden. Gladbachs sturer Stürmerstier wird kaum von jemandem um seine Signatur gebeten werden.

Fünf Spiele Sperre und ab zur U23

Wer jetzt noch sein Talent betont, darauf hofft, dass Bobadilla sich irgendwann aufs Fußballspielen besinnen wird, der glaubt wohl auch daran, mit Sommerreifen durch den Winter zu kommen. Der Verein hat den Spieler schwer bestraft, der DFB mindestens so schwer. Macht unterm Strich: 50000 Euro, Training bei der U23 und fünf Spiele Pause. Bobadilla schien auf einem guten Weg. Er schlüpfte immer häufiger überzeugend in die Rolle des unermüdlichen Ackerers in der Sturmspitze, traf dreimal selbst, legte drei Treffer auf. Jetzt wird es Februar werden, bis die Borussia frühestens wieder auf ihn zurückgreifen kann.

Ein paar Zahlen zum Spiel und zur Lage

„Wir sind eine Mannschaft“, betont Max Eberl gerne, „wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen.“ Wie intakt der VfL in dieser Hinsicht ist, zeigte sich von der 73. bis zur 75. Minute. Leider konzentriert sie sich in dieser Saison meist aufs gemeinsame Verlieren. Das Gefühl des Siegens ist so fremd wie warme Sonnenstrahlen im Winter. Irgendwie erinnert man sich an das Kitzeln auf der Nase, tief im Hinterkopf, zurückholen kann man das Gefühl aber nicht.

Kopfball Hanke – 1:1. Abstauber Ya Konan – 1:2. Kurz und schmerzvoll drehte Hannover ein Spiel, das die Borussia locker auch in Unterzahl gewinnen konnte. Von „müssen“ zu reden, klingt nicht einmal realitätsfern. Diese Saison bestand bislang aus fast so vielen Tiefpunkten wie Spielen. Dass ausgerechnet ein knappes 1:2 eine neue Qualität der Tiefpunkte bedeutet, spricht Bände über die Lage der Borussia. Keine haarsträubenden Abwehrfehler wie sonst, erst Recht keine Torwartpatzer. Die Hoffnung auf drei Punkte, überhaupt auf Punkte wurde ausgelöscht wie eine Kerze, deren Docht jemand zwischen seine Finger drückt. Von einem Gegner, der bis zur 73. Minute selbst noch nicht ahnte, wie leicht er an drei Punkte kommen sollte.

Ein Adventskalender voller Metaphern

Einmal mehr war von einer Schlussoffensive nichts zu spüren. Hannover traf noch einmal den Pfosten. Dann war es aus und der Borussia-Park erlebte seinen ersten richtigen Stimmungsumschwung der Saison. Wie lange es gedauert hat, bis „die Schnauze“ wirklich „voll“ war, ist bemerkenswert. Doch jetzt ist es auch an der Zeit, dass der Baum brennt. Es muss kein unkontrollierter Flächenbrand sein, nur ein wenig Feuer, das zeigt: Diese Mannschaft lebt. Seit Samstag sind Zweifel angebracht.

Für Zyniker ist der angesprochene Adventskalender übrigens ein gefundenes Fressen. Maskottchen Jünter sitzt darauf in einem Bob und lacht. Schlitten jeglicher Art sind dafür bekannt, dass sie bergab fahren und gerne auf die schiefe Bahn geraten. Wie aber reagiert Brouwereipferd Jünter? Macht gute Miene zum bösen Spiel. Na Dante!

06. Dezember 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. angesichts der Gefühlslage ein erfrischender Bericht.Zum Thema TEAM: wer war denn in der Nähe, als Boba durchdrehte ? Warum hat ihn keiner eingefangen und kein Betreuer ihn in die Kabine begleitet ?…..das fand ich interessant…und der Pinto hat doch seit jeher ne Vollmeise…..wieso darf der straffrei noch kicken ??…und die Abwehr war auch ohne Boba gänzlich blind……..und 15 Minuten Zeit für einen Ausgleich sind ohne Torchance verpufft….das war grausam ! Boba ist angemessen bestraft -jetzt ist die Zeit von MO, zeig, was du vorgibst zu können!

  2. Freut mich ja, dass es immer noch erfrischend rüberkommt. Momentan fehlt mir nämlich sogar die Lust auf Galgenhumor. Da ist einfach nur – Frust.

    Zum Thema Boba: Reus hat sich Pinto im Gegenteil eher noch selbst vorgeknöpft, als der noch am Boden lag. Über Pintos Vollmeise müssen wir nicht diskutieren, das stimmt. Hat den Kicker sogar zu einem Plädoyer angestachelt, dass Provokateure härter bestraft werden.

    Und dass die hilflosen 15 Minuten am Ende am grausamsten waren – da stimme ich Dir vollends zu.

    Wo sind eigentlich unsere Bäckers und Kachungas hin?

  3. Wie übel es aussieht für unsere Borussia! Habe das Spiel am Samstag nur am Radio mitverfolgt. Mein spontaner Gedanke bei der Meldung “1:0 durch Bradley” war: “Kein gutes Omen!” und als “96 die Partie gedreht” hatte (Vodafone Sportnews) fühlte es sich fast an wie an einem normalen Samstag.

  4. @Jannik: Vielen Dank auch wiederum von mir für deine Blogs, dass du trotz allem weiterhin deine tollen Texte ins Netz stellst. Es ist gar nicht so einfach, mit diesem Frust auszukommen bzw. damit zu leben. Geht mir genauso mit dem Frust…

    @Mondoprinte: Mein Mann hatte sich auch gefreut, wir haben das 1:0 auf dem Display vom Autoradio gesehen. Der Kommentar seines Bruders und von mir: “Abwarten… das bleibt nicht so”. (Und so war es dann leider auch).

  5. Pingback: Ausgebügelt | Entscheidend is auf'm Platz

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