Freiburg – Gladbach: Being Michael Frontzeck

„Ich habe 19 Minuten lang ein sehr gutes Auswärtsspiel meiner Mannschaft gesehen. Der individuellen Klasse eines Cissé müssen wir dann leider Tribut zollen. Insgesamt ist die Situation sehr kompliziert. Wir werden uns in der Winterpause neu aufstellen und unseren Weg kontinuierlich weitergehen.“

Jene fiktiven Sätze sind ein Best of Trainer und Sportdirektor in dieser Hinrunde – wie aus einem Baukasten zusammengesetzt, jedoch ziemlich nah dran an der Realität. Hätte Michael Frontzeck ein Ehrlichkeitsserum verabreicht bekommen, dann hätten sich seine Statements nach dem 0:3 in Freiburg wohl wie folgt anhören müssen:

Wir legen los wie die Feuerwehr. Wirklich klasse. Mo hat zwei gute Kopfballchancen, der Ball läuft gut durch die Reihen und Freiburg kommt kaum zum Zug. Das ist für uns die ersten 20 Minuten ein echter Glücksfall. Warum ich Jan-Ingwer erst aus dem Hut zaubere, ihm zwei Spiele Zeit gebe, um sich zu finden, und ihn dann plötzlich wieder raus nehme, weiß ich selbst nicht richtig. Filip hat schließlich eindrucksvoll bewiesen, dass er so sehr Innenverteidiger ist wie der Berti früher Torjäger war.

Das wirkliche Übel an dieser Personalentscheidung ist zweifellos der Sebastian Schachten. Wie er sich vor dem 0:1 von Nicu nass machen lässt, riecht nach Paderborn, Osnabrück und Aachen, nicht aber nach Bundesliga. Uns sind hinten natürlich arg die Hände gebunden, die Sache ist kompliziert. Warum ich aber so fahrlässig das, was mir noch geblieben ist, demontiere, weiß ich selbst nicht. Da tritt der Sebastian seinem Gegenspieler an der Strafraumgrenze so unbeherrscht vors Schienbein wie eine achtjährige Grundschülerin ihrem heimlichem Schwarm. Denkt, das würde helfen.

Nach dem Rückstand aus heiterem Himmel haben wir das, was uns vorher stark gemacht hat, leider ad acta gelegt – kein Offensivdrang mehr, Nervosität ohne Ende und mangelndes Selbstbewusstsein in allen Mannschaftsteilen. Der kapitale Abschuss von Roel spricht Bände, da hat der Max Recht. Einer kommt zum zweiten Mal nach einer Verletzung zurück, verletzt sich im selben Spiel schon wieder. Man muss zwar festhalten, dass Roel beim 0:1 schlecht steht, so wie wir das zu Beginn der Saison schon oft kritisiert haben. Dennoch wäre er enorm wichtig für uns.

Als Freiburg sich hinten einen Riesenbock leistet und der Ball aufs leere Tor zukullert, denke ich kurz: Mensch, ein Zeichen des Himmels, mach et, Mo! Wenn du aber da unten drinsteckst, verbünden sich plötzlich Engelchen und Teufelchen. Anstatt die Chance zu nutzen, bricht sich Mo am Pfosten fast das Becken. Scheiße!

Perfekt wird das Dilemma aber erst, als es für Roel gar nicht mehr weitergeht. Einer der bittersten Momente der Saison: Der Junge geht völlig benommen vom Platz, muss von Christofer gestützt werden, hat Tränen in den Augen, vor Schmerzen, vor Enttäuschung. Jan-Ingwer ist kaum drin, da ist das Spiel für uns endgültig gelaufen. Mal wieder rücken wir nach einer Standardsituation nicht raus. Michael lässt den Freiburger in aller Seelenruhe flanken. In der Mitte hat der Cissé so viel Platz wie ein LKW-Fahrer beim U-Turn in der russischen Taiga. Naja, der Rest ist bekannt. Christofer leistet sich seinen ersten dicken Patzer. ,Müssen wir gerade jetzt auch diese Baustelle wieder aufmachen?‘, denke ich mir an der Seitenlinie. Und dann trifft dieser Barth, 31 Jahre, erstes Bundesligator, erster Freiburger Verteidiger, dem diese Saison ein Treffer gelingt.

Mit dem Rückschlag geht es in die Pause. Jan-Ingwer muss sich erstmal richtig warm machen auf dem Platz. Das ist ja auch keinem zuzumuten: Dauernd müssen wir hinten umbauen. Da kommt einer mal eben ins Spiel, der anderthalb Jahre gar nicht Bundesliga gespielt und gerade erst wieder ein bisschen Profiluft geschnuppert hat. Für Mo geht es leider nicht weiter. Beckenprellung. Und was mache ich? Bringe Patrick, Karim rückt dafür weiter nach vorne – obwohl er phasenweise auf Rechts ein richtig starkes Spiel gemacht hat. Dass in Hälfte zwei gar nichts mehr von Karim zu sehen ist, ist natürlich ärgerlich. Mit solch merkwürdigen Wechseln schneiden wir uns selbst ins Fleisch.

Der Rest ist relativ schnell zusammengefasst: Nach ein paar Sekunden hat Christofer den Cissé schon wieder völlig frei vor der Kiste. Das scheint ihn so verunsichert zu haben, dass Cissé den Ball nach einer Standardsituation erst einmal überhaupt bekommt – im Fünfmeterraum – und ihn dann fünfmal ungestört jonglieren könnte. Beim Schuss macht sich unser Torwart so schmal wie ein Pfosten, anstatt sich in den Schuss zu werfen. Das macht die Sache nicht einfacher: Dein solider Ersatzkeeper leistet sich Fehler, die man so von ihm länger nicht gesehen hat, spielt dem Gegner und der eigenen Verunsicherung in die Karten. Aber ich mache ihm da keinen Vorwurf. Christofer hat uns schon ein paar Punkte gerettet. Obwohl ich sagen müsste: Er hätte sie uns gerettet, wenn wir die Anzahl der kapitalen Böcke ansonsten halbiert hätten.

Von uns ist in der Folge gar nichts mehr zu sehen. Und das macht mich wirklich sauer. Wir ergeben uns in einem Auswärtsspiel, das wir so gut begonnen haben, einfach so unserem Schicksal – und können froh sein, dass Freiburg lieber in Feierlaune locker das Ding nach Hause spielt, als uns eiskalt die Autobahn in Richtung Mönchengladbach hochzuschießen. Aber unverschämt wollten sie wohl auch nicht sein – beim ersten Sieg diese Saison mit mehr als einem Tor Differenz.

Da steht man dann an der Seitenlinie und denkt sich: ,Zwei Spieler verloren, ein Spiel verloren, verdammt gut angefangen und sich selbst dann wieder runtergezogen – das ist kaum zu toppen.‘ Die Rechnung habe ich aber ohne Tobi gemacht. Die Karte ist vertretbar, so etwas passiert. Froh sein konnte er, dass Stark ihn nicht vom Platz gestellt hat, den schimpfenden Rohrspatz. Jetzt fehlt er uns gegen Hamburg, fünfte Gelbe. Dem Fernsehen habe ich auf so eine Frage, die mich nur nervt, weil mich momentan alles nervt und es so verdammt traurig ist, zynisch geantwortet, ich könne den Berti ja aufstellen. Im Grunde könnte ich das auch selbst richten. Schlimmer kann‘s ja nicht werden. Mit 45 Gegentoren in 16 Spielen. Es ist verdammt kompliziert.

Rational einfach nicht nachvollziehbar, wie man so gut beginnen kann und sich nach einem Rückschlag dann ohne Gegenwehr ergibt. „Wir haben die größte anzunehmende Seuche in Tateinheit mit Dummheit“, hat HSV-Vorstand Bernd Hoffmann im Jahr 2006 die Lage seines Vereins zusammengefasst, als dem rein gar nichts mehr gelang, obwohl er qualitativ zu so viel mehr in der Lage war. So ist es im Grunde bei uns. Haste kein Glück am Fuß, haste Pech am Fuß. Erst haben wir keine Scheiße, dann kommt Scheiße dazu.

Der Hamburger SV kam damals übrigens noch in den UI-Cup, unter seinem neuen Trainer Huub Stevens. So weit wird es bei uns aber nicht kommen. Wir gehen kontinuierlich unseren Weg, stellen uns im Winter neu auf. Was wollen Sie sonst hören? Uns bleibt nichts anderes übrig. Oder? Einen Rücktritt schließe ich aus. Das hat der Jupp – aus mitunter anderen Gründen aber – im Januar 2007 ja vorgemacht, wie schief das gehen kann. Eine Vorbereitung mit dem alten Trainer auf die Rückrunde, dann zieht der die Reißleine und all die Arbeit war umsonst. Alles zu spät. Jetzt machen wir es anders, nur um es anders zu machen. Argh, das Zeug lässt nach. Ich kann nicht mehr ehrlich sein. Ich muss los. Mich neu aufstellen. Bis Freitag.

12. Dezember 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Genial :-) Aus der Sicht Michael Frontzecks… Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich totlachen. Wirklich gut geschrieben chapeau

  2. Kann mich Björn nur anschließen. Genial, einfach genial – totlachen, ja, vielleicht… Das Lachen der Verzweifelten. Schlimm ist nur, dass ich mich gestern nicht mal mehr ernstlich aufregen konnte. Da geht wirklich “kontinuierlich” was kaputt!!! Danke, Jannik, wie immer, für den super Blog.

  3. Ganz großes Tennis, Jannik! *daumenhoch*
    Schade, dass der Anlass so traurig ist. Ich drücke weiter die Daumen, was kann man auch sonst machen. Noch ist es machbar, aber langsam müssen mal Punkte her. Egal wie.

  4. Hallo geschundene Gladbachseelen,

    ich finde es ganz grauselig, was im Moment in Gladbach abgeht.

    Die alte Garde wie Vogts und Netzer sollen doch die Klappe halten.
    Ein Max Eberl halte ich für einen sehr guten Manager.

    ERstens stellt er sich den Problemen und zweitens und das ist viel wichtiger, gab es unter seiner Ägide sehr gute Transfers ,wie De Camargo, Idrissou oder Reus. Viele Fehler sind in der Vergangenheit gemacht worden und so wie ich Luhukay und Ziege persönlich schätze, so sind damals Zweitligaspieler geholt worden (Callsen-Bracker, Schachten etc), an denen wir heute noch zu knabbern haben.

    Es geht nur mit gestandenen Profis wie Bailly, Dante, De Camargo, Reus etc. Wenn diese verletzt sind oder gesperrt, wird es sehr schwer. Aber Eberl zu sagen, er hätte noch nichts geleistet , ist eine Frechheit von Netzer. Und Vogts, der hatte Jahrzehnte Zeit, sich zu positionieren, damals ist er aus dem Aufsichtsrat geflüchtet. ER soll also das Maul halten. Ob Michael Fronzcek noch Trainer in 2011 sein wird, kann bezweifelt werden. Ich würde es ihm und Eberl (ähnlich Schaaf und Allofs) von Herzen gönnen, das die Kurve nun endlich gekriegt wird.

  5. Schon traurig, dass man sich so lustig über unsere Borussia machen kann, aber nur so ist es auch zu ertragen.
    Hat richtig Spaß gemacht zu lesen, würde mir wünschen, die Beteiligten würden es auch lesen.
    @ Reinhard Künneke Idrissou, De Camarga- gute Transfers?
    Bailly, Bobadilla? Nur bei Reus kann ich zu stimmen.
    Vertrag mit Daems verlängert- Eberls Entscheidungen kann ich nicht mehr nachvollziehen.
    Frontzeck ist ein Netter, aber er erreicht die Mannschaft nicht mehr.
    Bei den beiden wird immer von Vetternwirtschaft gesprochen, mit Netzer und Vogts wird es nicht besser.
    Da müssen völlig Neue ran, muss wohl zu geben, so richtig fallen mir auch keine ein, die uns da unten noch rausholen.

  6. Bailly, Bobadilla, Dante, Reus etc. SIND gute Transfers, die allerdings – und das ist doch schon seit Jahren so – in Gladbach einfach – aus welchen Gründen auch immer?! – nicht ausm Quark kommen.
    Da ist etwas kaputt innerhalb der Mannschaft. Ein anscheinend nicht auffindbarer Parasit, der schon seit Jahren in diesen Reihen sein Unwesen treibt. Das Gefühl habe ich jedenfalls.

  7. Gute Transfers hin oder her, es macht einfach keinen Sinn gute Einzelspieler zu holen, die nicht zur Borussia passen.
    Es wird Zeit, dass sich ALLE auf dem Platz den Arsch aufreissen, um gegen Hamburg endlich mal Punkte zu holen (Ich persönlich rechne aufgrund der letzten Spiele wieder mit einer Klatsche).
    Michael Fronzeck sollte langsam mal richtig den Hammer kreisen lassen und, auch wenn der ein oder Andere denkt, dass es zu früh wäre, mal auf die Jugend setzen. Herrmann, Becker, Kachunga, ter Stegen – WARUM NICHT?!

    Jannik, Du hast das ausgesprochen, was ich seit Wochen denke.
    Hoffentlich sieht einer der Verantwortlichen bei Borussia mal den Text und denkt drüber nach.
    Ansonsten gehen wir (wahrscheinlich wieder ohne den einen oder anderen Spieler) in die 2. Liga.

  8. Guter Artikel….

    @Künneke:

    Gebe dir vollkommen recht!!

    Vogts und Netzer haben sich disqualifiziert, meinen ihren Senf dazugeben zu müssen ohne die Situation wirklich beurteilen zu können.
    Reaktionärer Dünnpfiff!!!

    Eberl hat gute Arbeit geleistet, viele vernünftige Transfers getätigt.
    Auch Frontzeck halte ich weiterhin für einen guten Trainer.
    @Jannik: Wen hättest du denn statt Hermann gebracht???
    Die Bank gab einfach nichts mehr her!

    Aber beide, Eberl und Fronzeck, sind auch nur Menschen und haben Fehler gemacht.
    Eberl hätte Kleine als Back-Up behalten müssen, auch dass Schachten nicht reicht war abzusehen, hat ja bei Paderborn keine herausragenden Leistungen gebracht. Wenn man Daems als zweiten IVer Back-Up einplant, muss ein guter LV-Ersatz im Kader sein – und da hapert es leider bei uns…
    Ansonsten ist unser Kader ja eigentlich gut besetzt!
    Es ist schon großes Pech dass auch noch nen Jantschke ausfällt, dem sich jetzt die Chance geboten hätte, sich dauerhaft zu beweisen…

    Frontzeck hat auch Fehler gemacht. Warum hat er Bobadilla gegen Dortmund rausgenommen wenn er doch weiß dass dieser ne Hohlfrucht ist und nur dann vernünftig funktioniert, wenn dieses Vakuum mit Selbstvertrauen gefüllt ist?
    Ich glaube Bobadilla dass sein Ausraster ohne diese Nicht-Berücksichtigung nicht passiert wäre.
    Was natürlich keine Entschuldigung ist.
    Aber eine Erklärung.

    Und genau hier steckt vielleicht der größte Wurm in unserem Kader:

    Wir haben vielleicht zu viele unterdurchschnittlich intelligente Spieler dazugeholt.
    Bailly, Idrissou, Bobadilla…
    Das macht das arbeiten mit der Mannschaft nicht einfacher, zudem wird so nen 6:3 in Leverkusen eher zum Boomerang (Hab mir schon gedacht dass die scheiß Länderspielpause Gift werden könnte)
    Es ist natürlich anmaßend so über Menschen zu urteilen, aber die persönlichen Eindrücke gepaart mit dem was man so liest…

    Der Dortmunder Erfolg ist in jedem Fall auch ein Verdienst des Charakters der Mannschaft. Viele vernünftige Jungs, einfach ne bessere Mischung.

    Hoffentlich klappts noch mit dem 3er gegen den HSV!!!
    Mit Frontzeck, Dante, Brouwers, Matmour, Salihamidzic +X ist der
    Klassenerhalt noch zu schaffen!!!

  9. “In der Mitte hat der Cissé so viel Platz wie ein LKW-Fahrer beim U-Turn in der russischen Taiga.”

    you made my day :-))))))

  10. Jannik,

    du bist der Beste ;)

    Gruss

  11. Pingback: Reif für die Couch | Entscheidend is auf'm Platz

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