Gladbach – Hamburg: Kontinuierlich am Abgrund

Die ersten “Frontzeck raus”-Rufe, die fünfte Niederlage in Folge, Weihnachten auf Platz 18 – die Borussia hat gegen den HSV die schlechteste Hinrunde der Vereinsgeschichte eingestellt. Hier ist Gladbach, wir melden uns vom Abgrund.

Winterzeit ist Zwiebellook-Zeit. Dementsprechend zäh fließt der Verkehr in der Halbzeit auf den Toiletten. Bis alle Schichten wieder wohlgeordnet in Unterhose, Skiunterhose und Hose verstaut sind, kann einige Zeit vergehen. Aber der Borusse in der zweiten Jahreshälfte von 2010 hat auf jeden Fall eines gelernt – immer geduldig bleiben.

Als sich die letzten ihren Weg aus dem Pissoir-Stau zurück auf ihre Plätze bahnen, herrscht große Verwunderung. Blick auf die Anzeigetafel, verwirrtes Gesicht, Blick zurück und dann die Erkenntnis, dass es nach 49 Minuten plötzlich 1:1 steht. Bei aller Konzentration, auf den rutschigen Stufen nicht abzuschmieren, reicht es bei den meisten noch für ein Kopfschütteln.

Die Nachfragen, wer denn zuerst getroffen habe, erübrigen sich eigentlich. In Führung gehen und sofort den Ausgleich kassieren – das wäre aus Borussensicht ziemlich bescheuert gewesen, aber normal. Andersherum ist es jedoch wenig erstrebenswerter. 49 Sekunden hat es gedauert, bis Hamburgs Jim-Knopf-Gedächtnis-Duo die Gladbacher Defensive auf dem eingefrorenen Fuß erwischte. Pitroipa legte mit der Hacke ab auf Elia, der durch Heimeroths Beine zum 1:0 traf.

Hälfte eins: Heimeroth nur bei Rückpässen am Ball

Eine Halbzeit lang hatte sich die Borussia zuvor wenig effektiv, aber immerhin überhaupt bemüht, das Spiel irgendwie auf einen guten Weg zu bringen. Rost rettete gegen de Camargo und Reus. Auch Bradley – diesmal als Mischung aus Sechser und Zehner, im Schnitt also als Achter unterwegs – versuchte es. Dem Tor am nächsten kam jedoch Arango mit einem Schuss aus 40 Metern, den der herausgelaufene HSV-Keeper nicht mehr erreicht hätte. Auf Seiten der Hamburger: Ein Kopfball von Westermann und Ballkontakte für VfL-Schlussmann Heimeroth bestenfalls bei Rückpässen.

Pitroipas und Elias Geistesblitz in der 46. Minute traf die Borussia also mitten ins ohnehin nur unrhythmisch schlagende Herz. Warum nur wenige Augenblicke nach dem Rückschlag die Trotzreaktion folgt, ist kaum zu erklären. Und das auch noch mit erfrischender Leichtigkeit: Teilzeit-Achter Bradley genügt eine Körpertäuschung aus dem Anfänger-Tanzkurs, um Westermann so alt aussehen zu lassen wie eine Weihnachtstanne Mitte Januar. In der Mitte muss de Camargo nur „Ja“ sagen, Deutschkenntnisse sind nicht vonnöten. Es genügt ein kurzes Nicken.

Wer die letzten drei Abschnitte auf dem Klo erlebte, hat jedoch nur wenig verpasst, was für den weiteren Spielverlauf irgendwie von Bedeutung wäre. Denn in der Folge gleicht das Duell von elendiger Not und nötigem Elend in etwa dem, was schon im ersten Durchgang zu sehen war. Die Borussia tritt auf als Mischung aus all den Jahren, an die man im Grunde nur ungern zurückdenkt. Das unausgeschöpfte Potential des Abstiegsjahres 1999 vereinigt sich mit der Harm- und Hilflosigkeit von 2007.

Nach 72 Minuten ist das Spiel gelaufen

Und so sitzt man in der gleichen Weise herum, in der die Mannschaft spielt. Harmlos, hilflos, man könnte so viel mehr, die Hände in den Taschen, die Knie wippen gegen die Kälte an. Zweimal blitzt noch ein bisschen von dem auf, was die Borussia selbst in dieser Saison zeitweise stark gemacht hat. Bradley prüft einmal mehr Rost. Die beste Möglichkeit aber hat Marx, der nach einer tollen Kombination schlichtweg der falsche Mann am falschen Ort ist, um völlig frei vor Rost aufzutauchen. Sein Heber ist eine gute, aber nicht die beste Lösung, so dass der Borussia-Park in der 70. Minute den letzten sehenswerten VfL-Angriff des Jahres gesehen hat.

Die Art und Weise, wie der eine Punkt dann auch noch entgleitet, ist so erschreckend, dass selbst Galgenhumor nicht mehr das ist, was er mal war. Also ganz nüchtern der Reihe nach: Schachten foult auf Rechts. „Immerhin foult er diesmal“, wende ich mich noch zur Seite, „sonst hat er sich seinen Fehlern einfach ergeben.“ Gladbachs Rechtsverteidiger sieht für seinen Eingriff die gelbe Karte. Kurz darauf segelt Trochowskis Freistoß in die Mitte. Heimeroth sieht so unglücklich aus, dass man doch noch einmal kurz darüber nachdenken muss, den Galgenhumor wieder aus dem Tresor zu holen. Dann ist der Ball drin und nach 72 Minuten überkommt einen das ungute Gefühl, dass es das mal wieder gewesen ist.

Sechs Minuten vergehen, bis Michael Frontzeck tatsächlich einen neuen Mann bringt. Einen einzigen. Mo Idrissou. Vom Platz geht Michael Bradley und plötzlich hat es den Anschein, als habe der Trainer keinen Bock mehr darauf, überall als feiner, netter Kerl zu gelten, der einem in der misslichen Lage eher Leid tut, als dass man ihm in niederrheinischer Bauernmanier mit Mistgabel in der Hand hinterherjagen wolle. Das Stadion pfeift, zum ersten Mal in dieser Partie. Es pfeift, weil Frontzeck den besten Mann vom Platz nimmt.

Hoffnung auf den “doppelten Colautti”

Minutenlang passiert rein gar nichts. Gedanken an den Mai 2009 kommen auf, Muttertag, ein sonniger Tag, 31. Spieltag der Saison 2008/2009. Tomas Galasek mit dem Befreiungsschlag, auf Rechts geht mit Oliver Neuville die Post ab, in der Mitte steht Roberto Colautti und einen Moment später herrscht in ganz Deutschland Vokalarmut, weil 50 000 Borussen ein „a“ nach dem anderen verbrauchen, um es an ein episches „Ja!“ der Erleichterung zu hängen.

So etwas ist auch an diesem bitterkalten Dezemberabend vonnöten. Das Problem: Gladbach bräuchte gleich zwei davon. „Colautti-Tor“ – das ist ein Synonym für endende Hoffnung, aus der plötzlich Hoffnung ohne Ende wird. Doch es passiert nichts. Es passiert so wenig in der Schlussphase, dass man nicht einmal konstatieren kann, die Borussia habe sich ergeben. Gar nicht zu existieren ist wohl aber noch viel schlimmer.

15 Spiele hat es gedauert bis zum ersten „Wir ham die Schnauze voll!“. 16 Spiele und 83 Minuten dauert es, bis aus der selbst auferlegten Stille des Borussia-Parks laute „Frontzeck raus!“-Rufe ertönen. Gladbach ist am Tiefpunkt vom Tiefpunkt angekommen. Nur 1998 hatte der VfL nach 17 Spielen erst zehn Punkte auf dem Konto, das Torverhältnis war sogar noch einen Tick schlechter, der Abstand zum rettenden Ufer aber einen Tick geringer.

Gesucht: Aktionismus, vielleicht sogar blind

Es muss etwas passieren. Wer sich schon nach dem 0:3 in Freiburg die einschlägigen Threads in den Foren durchgelesen hat, wird gemerkt haben, dass Michael Frontzeck eine Art Volksabstimmung genauso wenig in seinem Amt überstehen würde wie Max Eberl. „Neu aufstellen“ will man sich nun im Winter. Die „Kontinuität“ hat bei der Wahl zum Borussen-Unwort des Jahres ernsthafte Konkurrenz bekommen. Lange hatte es den Anschein, als wollten Eberl und Co. partout alles anders machen als in vorangegangenen Jahren. 2006 jedoch ging man nach desolater Hinrunde mit Jupp Heynckes in die Rückrunde, bevor der nach dem 19. Spieltag zurücktrat. Für Jos Luhukay war es da längst zu spät. Konsequent wäre es demnach, genau diesen Fehler nicht wieder zu machen. Es muss gehandelt werden, damit gehandelt wird. Klingt nach blindem Aktionismus, der jedoch immer noch effektiver wäre als Hinschauen bei verlorenem Bewusstsein.

34-mal habe ich im Jahr 2010 über ein Bundesliga-Spiel der Borussia geschrieben. Nur sechs Texte handelten von einem Sieg. Bereits im Sommer hat man sich am Niederrhein eine Saison schön geredet, die bestenfalls nicht unschön war. Zum vierten Mal unter Michael Frontzeck ist die Borussia jetzt mindestens fünf Spiele ohne Sieg. In der Bundesliga hat sie nur zwei der letzten 21 Partien gewonnen. Mit 28 Punkten aus diesem Kalenderjahr belegt Gladbach mit Abstand den letzten Platz.

Konsequenzen haben bislang nur die Fans gezogen. Der Block 1900 blieb am Freitag leer. „Ihr nicht für uns, wir nicht für euch“ – das war immerhin ein Spruch, den man so unterschreiben kann. Ein anderer sorgte dafür, dass man sich nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für Teile der Fanszene schämen muss: „Wer die Raute schändet, wird gelyncht.“ Irgendjemand scheint da ein martialisches Fremdwörterbuch im Nikolausstiefel gehabt zu haben.

Hoffenheim-Karten abzugeben

Der Verein befindet sich jetzt seit 14 Jahren in einer Dauerkrise. Eine Spanne, die zufällig fast genauso lang ist wie die Zeit, die ich nun schon mit der Borussia verbringe. Einen Zusammenhang will ich da erstmal ausschließen. Jedenfalls hat es seitdem keinen Moment gegeben, in dem sich so viel Niedergeschlagenheit mit so viel Wut gemischt hat. Und so werden zwei Karten für das Spiel am Dienstag in Hoffenheim uneingelöst bleiben. Wer will, möge sich bitte melden. Von je 20 würde ich auf 10 Euro runtergehen. In etwa entspricht das ja dem Verfall, den die Borussia seit dem Sommer durchgemacht hat.

20. Dezember 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. “Bereits im Sommer hat man sich am Niederrhein eine Saison schön geredet, die bestenfalls nicht unschön war.”

    Möchte nur ganz leise in diesem einen Punkt widersprechen: Bei mir hatte die Borussia aus der letzten Runde einen so guten Eindruck hinterlassen, dass ich sie zu meinem persönlichen Geheimtipp für diese Saison auserkoren hatte. Hat nicht hingehauen. Wer nur eine echte Elf hat, kann den Ausfall einer IV nicht kompensieren. Drücke Gladbach die Daumen, hoffe, sie schaffen es mit Frontzeck.

  2. Das hat sie leider bei einigen getan, Erwartungen geweckt. Irgendwie scheint dieser gute Eindruck nach hinten losgegangen zu sein.

    Noch mal zu den Zahlen: 18 Punkte hat die Borussia schon in der Rückrunde nur geholt, 31 Gegentore kassiert, nur vier Spiele gewonnen. Das sah alles gut aus. Gut aussehen ohne zu punkten kann man vielleicht in der Disko, nicht aber in der Bundesliga. Ende 2009 war da ein Lauf von vier Siegen aus sechs Spielen. Ohne den wäre es schon im Frühjahr noch viel enger geworden. Jeder im Verein – Spieler, Offizielle, Fans – haben sich einfach blenden lassen.

    Der Kader hat großes Potential, das man aber nur an einzelnen Leuten festmachen kann. Er ist a) zu dünn besetzt, b) zu unausgewogenen und c) sind zu viele Mitläufer dabei, über deren Bundesligatauglichkeit man streiten kann.

    Sorry, dass ich mich schon wieder so in Rage schreibe.;)

  3. “Jedenfalls hat es seitdem keinen Moment gegeben, in dem sich so viel Niedergeschlagenheit mit so viel Wut gemischt hat.” – Jannik, du sprichst mir aus der Seele!!!!! Ich bewundere es, dass du es immer noch fertig bekommst, diesen Blog zu schreiben. Falls niemand die Hoffenheim-Karten will, mach es wie ein befreundeter Fan (anderer Verein): Zerreiß die Karten und schreib einen wütenden Brief an die Borussia!!! Mir fehlen langsam wirklich die Worte und die Borussia arbeitet sich langsam aber sicher an den Punkt, wo sie mir egal wird. Traurig, traurig. Auch ich schreibe mich wieder in Rage, so sind die Gefühle noch nicht ganz tot. Aber das dauert nicht mehr allzu lange. In der 2. Liga sind sie meine Dauerkarte jedenfalls los. Meine Mitgliedschaft zu kündigen habe ich leider verpennt. Aber das passiert Anfang nächtsten Jahres!!! Danke dir trotzdem für deinen Blog, mit dem du vielen von uns aus der Seele sprichst. Borussia wird wohl immer einen Platz in meinem Herzen haben, aber ich kann es langsam nicht mehr mitmachen, für kaum oder keine Leistung mein Geld, Zeit und Nerven zu investieren. Sorry, aber es ist so. Dafür verdiene ich mein Geld zu sauer – wenn ich dann die Leistung gewisser “Profis” und auch des Trainers sehe. Mein Bauchgefühl – gegen MF – bei seiner Verpflichtung hat sich leider, leider leider bewahrheitet.

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