Hoffenheim – Gladbach: Schrottwichteln

Mit einem 0:2 in Hoffenheim hat sich die Borussia nicht nur aus dem Pokal, sondern auch aus dem Jahr 2010 verabschiedet. Genau acht Pflichtspielsiege hat sie in dieser Zeit eingefahren. Bremen, Nürnberg, Hamburg, Frankfurt, Aue, Leverkusen, Leverkusen, Köln – ein elitäter Kreis.

Irgendwann in der Oberstufe schwappte der Trend aus einem Deutsch-Grundkurs rüber in den SoWi-Zusatzkurs: Bingo. Jeder Lehrer hat ein Wort, das er so inflationär häufig benutzt, dass man nur ein paar Sekunden zuhören muss, um ihn wieder zu ertappen. „Zuvorderst“, „gleichsam“, „exorbitant“ – Wörter, die nun nicht zwingend zu den Exoten des Wortschatzes gehören. Es gibt jedoch so viele Synonyme, dass sie sich logischerweise recht gleichmäßig über die Menschheit verteilt haben. Also ging zu Beginn der Unterrichtsstunde ein Zettel rum. Jeder trug seinen Namen und seinen Tipp ein, wie oft der Mann oder die Frau an der Tafel das eigene Lieblingswort in den folgenden 90 Minuten benutzen würde. „Bingo“ hallte es von da an jedesmal im richtigen Moment durch den Raum. Das Lehrerleben ist hart.

Die Rhetorik von Michael Frontzeck und Max Eberl hat mittlerweile einen solchen Grad der Lächerlichkeit und Durchschaubarkeit erreicht, dass man genauso gut vor dem Fernseher sitzen und im richtigen Moment lauthals „Bingo“ in Richtung Bildschirm rufen kann. Dienstagabend war es wieder soweit. Gladbach hatte mit dem 0:2 in Hoffenheim die sechste Pflichtspielpleite in Folge kassiert. Und was sagte Michael Frontzeck? Nein, immerhin nicht, dass es „kompliziert“ sei. Auch ein „phasenweise sehr gutes Auswärtsspiel meiner Mannschaft” hatte er nicht gesehen. Dafür kündigte er aber zuverlässig an: Man werde sich in der Winterpause „neu aufstellen“.

Schon zu Beginn des Satzes ging ein Raunen durchs Wohnzimmer, weil klar war, was in ein paar Worten folgen würde. Und dann: „neu aufstellen“. Lauter Jubel. Sogar der Weihnachtsmann ging an, der auf der Geige „Stille Nacht, heilige Nacht“ spielt. Sonst tut er das nur bei Applaus oder Tellern, die laut aufeinander gestellt werden. Tatsächlich war die Niederlage in Hoffenheim nicht so „exorbitant hoch“ ausgefallen. Max Eberl hatte für einen solchen Fall dann doch Konsequenzen angekündigt. Aber so: Ein 1:2 gegen Hamburg, ein 0:2 in Hoffenheim, vielleicht nicht ganz so heile Welt, aber zumindest heiler, als man vermuten mag.

Hilflos wie seinerzeit 2006/2007

Dass die Borussia sich eine gute Torchance erarbeitete ist fast schon untergegangen. Nach einer guten Kombination tauchte – mal wieder – Thorben Marx mutterseelenallein vor dem Tor auf und scheiterte – mal wieder – an seinen Torjägerqualitäten von der Güte eines Adventskranzes. Vor Wochen habe ich mich aufgeregt, dass die Borussia diese Saison schon siebenmal eine Führung aus der Hand gegeben hat. Jetzt, unterm Weihnachtsbaum, wäre ich froh, wenn sie überhaupt einmal in Führung gehen würde. Aus der Hand geben könnte man den Vorsprung ja immer noch. So allerdings erinnert der VfL schwer an die hilflose Mannschaft von 2006/2007, die nie in Führung ging, nur bedingt grausam spielte, sich mit dem dummen Gegentoren jedoch selbst das Genick brach.

Der Freistoß von Gylfi Sigurdsson war so eins. Aus halblinker Position in die Torwartecke, Christofer Heimeroth machte gütig Platz, sein ganz persönliches Wichtelgeschenk an die TSG Hoffenheim. Heimeroth dachte, der Ball würde in die andere Ecke gehen. Und ich dachte, das dürfe man nicht denken, sondern man müsse erst einmal abwarten, wohin der Ball tatsächlich fliegt.

Aus der Pause kam die Borussia etwas forscher, nachdem sie gemerkt hatte, dass ein 0:0 im Pokal nicht reicht. In der Halbzeit kam dazu noch die Erkenntnis, dass man nach einem Gegentor definitiv nicht mehr torlos spielen kann. Also kam Herrmann für Marx. Reus konnte das eine oder andere Mal Tempo aufnehmen. Ansonsten konzentrierte sich die Hoffnung aufs Weiterkommen ganz auf ein vorweihnachtliches Pokalwunder. Zu einem Sieg in Hoffenheim hätte die Borussia schon wie die Jungfrau zum Kinde kommen müssen.

Die Schwäche bei Standards hält an

Das alte Standardleiden besiegelte in der 63. Minuten endgültig das Aus. Wobei wir wieder bei den Synonymen wären: „Standard“ steht in diesem Fall nicht nur für ruhende Bälle, sondern für „immer wiederkehrend“ und „verlässlich“. Als Demba Ba nach einer Ecke zum 2:0 einnetzte, standen einschließlich Keeper Heimeroth neun Borussen im Fünfmeterraum, jedoch nur vier Hoffenheimer. Mehr Unvermögen passt kaum auf die 100 Quadratmeter, die solch ein Fünfmeterraum misst.

Bei Facebook kann man in Sachen Beziehungsstatus zwischen „Single“, „in einer Beziehung“, „verlobt“, „verheiratet“, „in einer offener Beziehung“, „getrennt“, „geschieden“ und „verwitwet“ wählen. Während man jahrelang mit seinem Verein „verlobt“ war, trifft es eine weitere Option derzeit wohl am besten. Wie Michael Frontzeck sagen würde: „Es ist kompliziert.“

Damit Frohe Weihnachten an alle Leser! Lasst es euch gut gehen und versucht, ein paar Tage nicht an Fußball zu denken.

23. Dezember 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 7 Kommentare

Kommentare (7)

  1. toll geschrieben..
    hätte mir aber noch gerne deine meinung zum toptransfer angehört. :D

  2. Danke dir!

    Die Meinung zum “Toptransfer” kommt noch. Ich warte erstmal den Ansturm ab und wer da noch so kommt. Und irgendwie habe ich zu Hanke gerade auch noch keine abschließende Meinung.

  3. Leute es ist frustrierend welche Amateure da bei uns am Werk sind. Die sportliche Inkompetenz der Verantwortlichen sieht man schon daran das ein Heimeroth noch immer bei uns ist. Ein nicht bundesligatauglicher Torwart der eigentlich immer unglücklich aussieht und manchmal auch noch gravierende Fehler macht. Und jetzt, so lese ich, will man Bailly abschieben ( jaja der hat Hinrunde Mist gebaut, ist aber nunmal ein guter Torwart ). JA MIT WEM VERDAMMT WOLLEN WIR DEN KLASSENERHALT SCHAFFEN? HEIMEROTH=? Ich könnte so kotzen leute das glaubt ihr nicht…

  4. Jannik….. guuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuut :-) ich wünsche dir frohe Festtage … Broedi

  5. Erst dachte ich, hat der zu viel Glühwein getrunken – 100 qm im Fünfmeterraum?
    Aber das stimmt ja total. Ne handelsübliche Wohnung hätte im Fünfmeterraum Platz, das hätte ich nicht gedacht.
    Was man nicht alles erfährt in diesem Blog.
    Danke für schöne Artikel, schöne Weihnachten!
    Und uns allen eine grandiose Rückrunde in der Hanke noch Torschützenkönig wird….

  6. Ich war selbst überrascht, dass es fast auf den Quadratzentimeter genau 100 qm sind. Ach ja, und dass der Fünfmeterraum in Wirklichkeit ein 5,50-Meter-Raum ist, wissen wir ja auch schon lange.;)

    Dir auch schöne Weihnachten!

  7. ich wollte eigentlich was zu den bundesligareifen Fans im Gegensatz zur Qualität der Mannschaft schreiben – aber nachdem einige Tage vergangen sind und der Frust der Schnee- und Eisfahrt wieder aufgetaut ist und mir die Zerrissenheit der Fans nun doch net sooo gefallen hat – verbleibe ich im Gefühl, dass wir es doch noch ( irgendwie ) schaffen werden. Manno -sind wir Fans ( Fanatiker ) schwachsinnig !!

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