Ein Sommer wie er früher einmal war

WM-Gedanken im Januar, Gedanken an eine WM im Januar.

Was war das für ein Sommer, der letzte, 2010. Wir hatten die Sonne, wir hatten die WM und wir hatten Zeit. Das Studentenleben eben. Morgens schliefen wir lang, vielleicht noch etwas länger als sonst, um die Zeit bis 13:30 Uhr effektiver zu überbrücken. Vorlesungen waren nur an zwei oder drei Tagen in der Woche, wir schleppten uns hin. Studienverlaufspläne können so gnädig sein. Im Winter, wenn man eh nicht draußen sein will, schicken sie dich jeden Tag auf den Campus.

Es war also Sommer, so ab Mitte Juni, und kurz nachdem Jimmy Jump den WM-Pokal nicht geklaut, sondern nur berührt hatte, begann es wieder zu regnen. Die Sonne verzog sich, die WM war vorbei, die Vorlesungszeit auch bald. Und so blieben nur noch die Erinnerungen an vier Wochen im Ausnahmezustand.

„Ausnahmezustand“ – das klingt bisweilen martialisch, militärisch, ein wenig apokalyptisch. Treffen sich 32 Mannschaften in einem beliebigen Land dieser Welt, gerät das Leben hierzulande aber auf so angenehme Weise aus den Fugen, dass man sich einerseits wünscht, diese vier Wochen im Sommer kämen öfter vorbei. Andererseits ist man dankbar, sie gerade wegen ihrer Seltenheit so sehr genießen zu können.

Alles in Butter

Ich tat mir sogar Public Viewing an. Weil ich nach dem Ghana-Spiel einen Artikel schreiben musste, in dem ich meine ganze Abneigung gegenüber dieser Hawaiiketten- und Schmink-Veranstaltung ausdrücken wollte und sollte. Mesut Özil schoss das wichtigste Tor aus deutscher Sicht, ein wenig unterschätzt ist es geblieben. Jedenfalls hatte ich an jenem Mittwoch im Juni sogar den Friedensplatz für ein paar Minuten lieb. Jeder und alles war im Reinen.

Wir zogen weiter in die Studentenkneipe, danach weiter zur Tankstelle, anschließend weiter in den Park. Wir genossen eine laue Sommernacht unter PalmenNadelbäumen. Es war ja WM. Es herrschte ja Ausnahmezustand. Und um 2:30 Uhr in der Nacht drehte tatsächlich ein Jogger seine Runden im Park.

Schon am folgenden Nachmittag trafen wir uns wieder. Der Italiener hatte sein Inventar auf den Bürgersteig gestellt, den Plasma-Fernseher mit beeindruckendem Pragmatismus und mit Klebeband an einem Straßenschild befestigt. Wir aßen Pizza, Italien schied aus, wir lachten ein wenig und ein bisschen mehr Trinkgeld war unser Ablassbrief.

In den Abendstunden versammelten wir uns mit viel zu vielen Leuten auf viel zu wenigen Quadratmetern in WGs, Single-Wohnungen oder Studentenwohnheimen. Wir rissen die Fenster weit auf, weil die Raumtemperatur noch um halb zehn südafrikanische Verhältnisse im Quadrat widerspiegelte. Aber es war ja WM, Ausnahmezustand und ansonsten alles in Butter.

Zeit vertreiben, um Zeit zu vertreiben

Auch fernab des studentischen Zuhauses, in der Heimat also, entfaltete sich die WM in ihrer ganzen Schönheit. Wir saßen am Gartenhäuschen. Der 23 Jahre alte Röhrenfernseher mit DVB-T-Antenne stand in der Tür, Vater am Grill. Die Mücken stachen häufiger zu als Messi und Co., aber das war egal. Klar: WM, Ausnahmezustand und Co.

Vor dem Argentinien-Spiel kam in mir eine Angst auf, die man so nur alle zwei Jahre kennt, die bei Weltmeisterschaften noch einmal einen Tick größer ist: Mit einem Spiel kann alles vorbei sein, anders als in Pokal oder Europacup (wo eh die Anderen groß aufspielen bzw. überhaupt mitspielen) nimmt diese Angst epische Ausmaße an. Man ist nervös, steppt von einem Fuß auf den anderen, tut Dinge nur deshalb, weil man irgendwie die Zeit bis zum Anpfiff überbrücken muss. Also mähte ich den Rasen, ärgerte mich dass er so kurz und die Zeit bis zum Anpfiff immer noch so lang war.

Als sich auch diese Angst als unbegründet erwies, fing die beinahe titellose Generation der heutigen Studienanfänger bereits an, Pläne für den Fall der Fälle zu schmieden. Wie sollte man den ersten WM-Erfolg seines Lebens begehen? Am Montag nach dem Endspiel stand eine Klausur an. 4,0 wäre nach dem Triumph in Freudes- und realer Trunkenheit das einzige Ziel gewesen. Dann flog Puyol heran, der alte Grosso, und wieder war alles vorbei. Wir weinten. Zu solch einem Sommer gehören leider auch Tränen.

In der Woche nach dem Endspiel lagen wir mal wieder am Kanal, ließen die Ruderboote vorbeiziehen und die WM Revue passieren. Es war schön, sonnig, warm. Nach dem Aussterben der Langzeit-Studenten werden die meisten Uni-Generationen nur noch eine WM dieser Art erleben. Das alles im Winter? Wir werden alleine vor dem Fernseher sitzen und 64 Fußball-Spiele schauen. Sie werden an uns vorbeiziehen wie Boote auf dem Kanal. Keine Ruder-Boote, sondern Eisbrecher.

07. Januar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Damals, als... | Schlagwörter: , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Schön Jannik. Da hab ich doch den ganzen Schneematsch vergessen und saß gedanklich im Park mit dem leidigen Souvenir von der Tanke. Und klar, WM im Winter ist und wäre doof. Aber wenn wir jetzt alle wöchentlich einen Euro zu Seite legen, könnten wir vielleicht eine Reise nach Katar stemmen oder wir fahren jetzt schon mal mit dem Fahrrad los. Kriegen wir zumindest nicht mit, wer die Schale diese Saison in den Himmel reckt und wer den Gang in die zweite Liga antritt…

  2. Pingback: Lesestoff #5: Gesammeltes fürs Wochenende « Fußball-Extern.at

  3. “Dann flog Puyol heran, der alte Grosso”

    Danke für den ganzen Text, insbesondere aber dafür.

  4. Es gibt doch genug Studenten die den Master anstreben und den Bachelor schafft doch auch keiner in der regelstudienzeit. 2 WMs sind da auf jeden fall noch bei den ein oder anderen drin ;)

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