Rückrundenstart: Zurück unter den Liebenden

Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Am Samstag startet Borussia Mönchengladbach in die Rückrunde und beim Gedanken ans Spiel in Nürnberg sendet mein Gehirn bereits ein euphorisches „geil!“ durch alle Nervenbahnen.

Ich muss zugeben, dass ich Im Dezember desillusioniert wie nie in die Winterpause gegangen bin. Beim Schreiben dieser Zeilen hängt zudem immer noch eine Eintrittskarte fürs Pokalspiel in Hoffenheim an der Pinnwand vor mir – ohne Knicke, geradezu druckfrisch. Ich bin nicht gefahren. Und in einer Zeit, in der Schnee und die Bahn praktisch an allem Schuld waren, was irgendwie schief lief, habe ich diese Entscheidung damals aus völlig freien Stücken getroffen.

Jetzt aber ist Januar, jetzt ist 2011. Ende vergangenen Jahres habe ich auf Nachfragen desöfteren geantwortet, dass ich mich mit dem Abstieg bereits abgefunden hätte und alles andere als aus den Socken hauende Sensation wahrnehmen würde. Die rote Laterne wurde brav angezündet, resignierend, sogar neue Teelichter habe ich gekauft. Doch diese Zeiten sollen nun vorbei sein.

Nicht alles, aber vieles in Butter

Der generelle Fußball-Entzug ist zwar nicht unbeteiligt an der Rückkehr meiner Borussia-Lust. Aber auch ansonsten habe ich gemerkt, wie Nachrichten vom Niederrhein nicht mehr inneres Unbehagen, sondern Vorfreude auslösen. 270 Testspielminuten hat der VfL ohne Gegentor hinter sich gebracht. Christofer Heimeroth guckt wieder Elfmeter an die Latte. Zumindest hinten scheint nicht alles in Butter, aber wenigstens in Halbfett-Margarine zu sein.

Dennoch gilt weiterhin: Haste Scheiße am Meniskus, haste Scheiße am Meniskus. Roel Brouwers fällt schon wieder aus, wird mindestens vier Spiele fehlen. Die Bild-Zeitung – der Schmusestimmung in den ersten Tagen dieses Jahres nicht gerade abgeneigt – hatte Brouwers noch mit einem Zettel in der Hand fotografiert, auf dem Tramper sonst nur ihre Wunschdestination angeben. Brouwers wollte nur eins: 2011 verletzungsfrei bleiben – zehn Tage und ein paar gequetschte Stunden ging es tatsächlich gut.

Doch das soll die Vorfreude nicht vollends trüben. Ein Österreicher, ein Norweger und ein Hammer sind das, was 2009 noch ein Belgier, ein Brasilianer, ein Kanadier und ein Tscheche waren. Auch 2009 gewann die Borussia im Vorfeld ein Turnier, damals in der Halle in Dortmund. Jetzt ist sie unangefochtener Wintercup-Rekordsieger, was im Abstiegsjahr 2007 kein gutes Omen war. Wow, dachte sich damals manch einer in Düsseldorf oder vor dem Fernseher, die kämpfen ja, die spielen selbst auf grausamem Untergrund ansehnlich. Kurzum: Das wird was in der Rückrunde.

Es wurde noch weniger als in der Hinrunde 2006/2007. Und so macht es beinahe schon Mut, dass vergangenen Sonntag in Düsseldorf noch nicht alles rund lief. Im Vergleich zur zackigen Hinserie war‘s aber irgendwie – elliptisch. Ziemlich rund also. Michael Frontzeck wird die Woche genutzt haben, um sich noch neuer als nur neu aufzustellen.

Nicht rechnen, nur hoffen

Wer Opfer und wer Nutznießer sein wird, ist bislang noch offen. Roman Neustädter spielte ordentlicher als Thorben Marx. Mo Idrissou lässt auf sein Bild-Interview offenbar Taten folgen, während Juan Arango „vom Hurrikan zum Tiefausläufer“ verkommt, wie Björn auf seinem Blog anmerkt.

Die Kollegen vom Hertha-Blog haben sich vergangene Saison mit einem Abstiegskampf-Quotienten Mut gemacht bzw. letzten Endes reinen Zweitliga-Wein eingeschenkt. Ich werde es ganz einfach halten: Meine Strohhalme in der Not laufen jetzt 17-mal 90 Minuten lang über den Platz. Meist werden es elf von ihnen sein, was in der ersten Halbserie ja nicht immer selbstverständlich war. Irgendwann wird entweder der Punkt kommen, an dem alles vorbei ist. Oder auch der, an dem feststeht, dass die Borussia neue Maßstäbe in Sachen Abstiegskampf gesetzt hat.

In der 2008/2009 schwang sich die Borussia zum Rekord-Fünfzehnten der Bundesliga-Geschichte auf. Man könnte sich nun schier uneinholbar von Frankfurt, Bremen, Bochum und Karlsruhe absetzen. Der Rekord, mit der geringsten Punkteausbeute die Klassen zu halten, ist ebenfalls in niederrheinischer Hand. Doch 31 oder gar 30 Zähler dürften diesmal nicht einmal für die Relegation reichen.

Mit der Pokalpleite in Hoffenheim ist die Wunschkonstellation fürs Saisonfinale ja auch gestorben. Für den 19. bis 23. Mai war ein Szenario geplant, das zu viel für jede Flasche Doppelherz gewesen wäre. Donnerstag: Heimspiel in der Relegation. Samstag: Pokalendspiel in Berlin. Montag: Relegationsrückspiel in Berlin gegen die Hertha. Aber auch ohne Pokal und ohne Hertha würde wohl kaum einer nicht unterschreiben, wenn das Abstiegsgespenst gleich an der Tür klingelt und einen Vertrag mit Kugelschreiber hinhält.

Ich warte dann mal aufs Klingeln.

Ein Statistik-Post von 2008: “Drunter und drüber – Abstiegskampf in 45 Jahren Bundesliga”

12. Januar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 10 Kommentare

Kommentare (10)

  1. Hertha wird auch nicht in der Relegation landen, sondern direkt aufsteigen. Wobei ich das Szenario für den Mai tatsächlich sehr spannend (aus Sicht der Zureisenden) finde. Erstaunlicherweise halte ich es für richtig, dass man an Frontzeck festhält. Wahrscheinlich, weil mir niemand einfallen würde, der diesen Laden noch retten könnte. Wäre Funkel frei, würde ich ihn empfehlen, weil man dann wenigstens einen erstklassigen Sündenbock hätte.

  2. Denke auch, dass es bei euch so kommen wird. Aber die Hertha als Relegationsgegner ist immerhin wahrscheinlicher als Union. Mit Lautern, Nürnberg, Cottbus und Duisburg gibt es dieses Jahr aber ohnehin so viele Kandidaten für das geballte Fußball-Wochenende, dass es eigentlich mal klappen müsste.

    Dürfte tatsächlich auch das Hauptargument für Frontzeck gewesen sein, dass niemanden einer einfiel, der es besser gemacht hätte. Bevor wir Funkel holen, ziehen wir das mit Frontzeck zur Not durch.

  3. Hallo Jannik, wie immer ein guter und unterhaltsamer Artikel :-) Gut das es wieder los geht, hoffen wir das Beste. Wer sagt denn, dass wir nicht Nürnberg gewinnen?! Und dann unseren ersten Heimsieg landen?! Schwupps sind wir wieder dran und die Konkurrenz unter Druck :-) Auf gehts Borussia…

    PS.: Danke für die Erwähnung meines Blogs ;-) Revanche folgt mit Sicherheit an geeigneter Stelle.

  4. nach’em letzten spiel tanzen wir mit idrissou nackt über die reeperbahn

  5. “Ich warte dann mal aufs Klingeln” LOL… dazu passend: http://www.youtube.com/watch?v=zyilSPsYdW8

    Danke, Jannik, für den tollen Beitrag (wie immer)- bei mir regt sich auch eine gewisse Hoffnung, andererseits bin ich nach wie vor skeptisch. Hoffen wir aber, dass es diesmal gerade WEGEN Wintercup für uns glimpflich ausgeht.Fühl mich nach wie vor etwas ratlos. Daumen drücken und bibbern für einen Sieg gegen Nürnberg!!!!

  6. @Nils- oh ja da will ich aber dabei sein;)
    Mein kleiner Keim von Hoffnung wurde gestern durch die Nachricht von Brouwers erneuter Verletzung mit Füßen getreten, wobei ich das nicht an der Person Brouwers fest mache, sondern befürchte, dass die Seuche weiter geht.
    Ich kann es kaum noch erwarten, will sehen wie sich die Mannschaft in Nürnberg präsentiert.

  7. Hallo nochmal Jannik, zur Trainerfrage: Rangnick läuft doch gerade frei herum??? Ist zwar irgendwo oft ein oberlehrerhafter Unsympath, aber ich glaube, der kann was. Den hätt ich damals schon gern gehabt.

    Und ist kein Ja-Sager, sieht man am Beispiel Hopp und Verkauf Luis Gustavo… aber ich bin mir nicht sicher, ob die “Führungsriege” nicht lieber so einen Ja-Sager hat…

    Und auf der Reeperbahn wär ich auch gern mit dabei ;o)

  8. Willkommen im neuen Borussenjahr, lieber Jannik.

  9. Fest steht: Auf der Reeperbahn werde ich im Mai mit Sicherheit sein – fragt sich nur noch, was es dann zu begießen gibt.

    Die Trainerfrage ruht für mich erstmal. Was aber nicht heißt, dass Frontzecks Kredit wieder bei 100 Prozent ist.

    Ich hab’ mir vorgenommen, tatsächlich erstmal optimistisch zu sein. Wer weiß, wie lange wir noch Gelegenheit dazu haben.

  10. Nicht alles in Butter, aber zumindest in Halbfettmargarine – wieder mal sehr schöne Formulierungen;-)

    Denke mal, daß es die ersten 5 Spiele in der Rückrunde zeigen werden, wo die Reise hingeht. Darunter sind mit Stuttgart und St. Pauli zwei direkte Konkurrenten, mit Abstrichen Nürnberg als unterer Mittelfeldplatzkandidat mit leichtem Hang zum Abstieg. Wenn wir da 10 Punkte (oder mindestens 9 Punkte) holen, könnte ich mir einen richtig guten herzattackenmäßigen Abstiegskampf noch vorstellen. Ansonsten dürfte der Zug so ziemlich abgefahren sein…

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*